Die Imperiale Ballerina wäre 90 geworden

Günter Pick erinnert sich an Joan Cadzow

Lange Jahre als Primaballerina an der Deutschen Oper am Rhein engagiert, zählt Joan Cadzow zu den prägenden Tänzerinnen der deutschen Nachkriegszeit.

Joan Cadzow, die langjährige „Imperiale Ballerina“ der Deutschen Oper am Rhein wäre am 17. Juli 2019 90 Jahre alt geworden und ungern musste ich daran denken, dass sie fast vergessen ist, was sie nicht verdient hat. Es ist nicht mein Einfall, sie so zu nennen, sondern Horst Koegler nannte die Australierin so – mit Recht!

Sie war am Anfang ihrer Karriere in London –  und wie so viele junge Talente in den 1950er Jahren kam sie aus dem British Commonwealth. Sie tanzte beim Sadler‘s Wells, dann beim National Ballett in Amsterdam, ehe sie nach Berlin kam und mit Tatjana Gsovsky mehrere Jahre in Frankfurt am Main war, wo ich sie sah. Sie war die geborene Kameliendame in Tatjanas Choreografie zu Musik von Henri Sauguet. Es war auch meine erste Berührung mit dem Werk der Gsovsky, weshalb ich nach Frankfurt fuhr. Als ich die Cadzow auf der Bühne sah, musste ich an Pina Bausch denken. Sie war ebenso mager, ja verletzlich, was für diese Rolle einer schwindsüchtigen Lebedame ideal war. Der Unterschied zu Pina war, dass sie in Spitzenschuhen zu Hause war und man musste nicht darüber nachdenken, ob sie mit diesen Füßen nur Technik zeigte, denn bis zu den Zehenspitzen wusste sie zu überzeugen.

Ich war ja noch bei der Folkwang Hochschule in der Ausbildung und mit Tatjana habe ich leider nicht gearbeitet, aber als ich an die Düsseldorfer Oper kam, konnte ich Joan aus nächster Nähe sehen. Erich Walter brachte seinen genialen „Schwanensee“ heraus, für Joan wie ein Wunschkonzert. Sie war ein lyrischer, zerbrechlicher Weißer Schwan, aber dann im dritten Akt ein verzauberter Schwarzer Schwan, unter dessen Fuß nie wieder etwas wachsen würde. Als ich mit Renate Deppisch, einer hervorragenden Ballerina aus der Münchner Schule in der Gasse stand, zischte sie: „Wie macht die das, dass sie bei Pirouetten mehrere Kopfbewegungen macht?“ Das Publikum glaubte, sie könne mehr Pirouetten drehen, nicht wie Renate langsam und leicht, sondern eben aufregend.

Joan hatte sehr viele Möglichkeiten, sich zu verändern und war ein absolutes Theatergeschöpf. Sie spielte gern Auftritte auch im täglichen Leben. Von Kopf bis Fuß ganz in Rosa erschien sie im Studio mit einer Zigarettenspitze und rauchte noch ein paar Züge, ehe sie ihre Spitzenschuhe anzog. Der Choreograf Erich Walter übernahm dann die Rolle des qualmenden Künstlers.

Beim WDR machten wir einmal eine Aufzeichnung eines Balletts mit dem Orchester von Kurt Edelhagen und dem Orchester von Rolf Liebermann bei dem Joan ziemlich komplizierte Lifts hatte, was auf dem Betonboden des Studios zu einem Unfall führte, von dem sie sich leider nicht wieder ganz erholte. Ich glaube, sie war schon vierzig und ihre nächste Premiere „Pelleas und Melisande“ von Erich Walter konnte sie nicht machen, denn der Intendant Dr. Grischa Barfuß konnte das Datum nicht ändern. Also musste bzw. durfte Colleen Scott, nicht aus Australien, sondern aus Südafrika, mit dieser Choreografie in einer herrlichen Ausstattung von Heiner Wendel, ihre Karriere antreten – zum Schmerz der Assoluta.

Joan hat aber wieder getanzt, wie lange und welche Rollen habe ich leider nicht mehr mitbekommen. Aber ich weiß, dass das Publikum in Düsseldorf und Duisburg sie noch lange sehr verehrte und nachdem sie sich von der Bühne verabschiedete, hat sie Training gegeben und Neubesetzungen mit großem Talent gecoacht. Warum ich das Ende nicht mitbekam, lag daran, dass ich inzwischen am Ulmer Theater als Chef des Balletts engagiert war. Einmal konnte ich Joan einladen, zu einer Gala nach Ulm zu reisen, mit einem großen weißen Tutu im Gepäck, um den „Sterbenden Schwan“ von Michel Fokine zu tanzen. Das Publikum war schier aus dem Häuschen und wollte nicht aufhören, ihr zu applaudieren. Ich bin sicher, sie hätte noch mehrere Da capo getanzt, aber ich wollte nicht, dass der Abend endlos wurde, es wartete ja noch ein Essen auf alle KünstlerInnnen.

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