Brückenschlag zur Vergangenheit

Im Friedrichstadt-Palast blendet „Show me“ mit Tanz, Artistik und Ausstattung

Berlin, 21/10/2012

Intendant Bernd Schmidt konnte vor Beginn der Show mit einem Rekord punkten: Noch nie zuvor hatte im Friedrichstadt-Palast eine neue Produktion 125.000 Kartenvorbestellungen! Aber auch sonst umranken „Show me“ Superlative. Mehr als 9 Millionen Euro und damit gut eine Million über dem Budget für Vorgänger „Yma“ investierte Produzent Schmidt ins aktuelle Renommierprojekt mit seinen rund 100 Mitwirkenden. Glamour hat seinen Preis, wenn man Stars binden will. Unter den drei Ausstattern für die 500 Kostüme ist dies der französische Couturier Christian Lacroix, dessen verschwenderischen Entwürfen indes auch die Kostüme des Duos Uta Loher & Conny Lüders standhalten. „Glamour is back“ heißt die Show daher im Untertitel und setzt sich zu Recht demonstrativ vom überaus erfolgreichen „Yma“ mit der brillanten Idee des schönen Scheins zwischen den Geschlechtern ab.

Das wiederum von Roland Welke und Jürgen Nass erdachte Konzept wagt den Brückenschlag zur Vergangenheit der Revue und sucht die Weiterentwicklung in die Gegenwart. Busby Berkeleys nach wie vor maßstabsetzende Filmrevuen der 1930er und 1940er sowie die opulenten Broadway-Spektakel seines älteren, deutschstämmigen Kollegen Florenz Ziegfeld mit seinen Ziegfeld Follies standen dafür Pate. Heroen jener Ära wie das legendäre Paar Fred Astaire & Ginger Rodgers, die „badende Venus“ Esther Williams tanzen im Zitat durch den Abend. „Show me“ heißt er schlicht. Und was er alles zeigt! Selbst die ohnehin große Bühne wurde nach vorn erweitert; statt des gerafften Hauptvorhangs hebt sich auf einer Leinwand aus glitzerndem Gewässer eine wolkenüberspannte Insel. Bis in den Saal hinein dehnen Joe Atkins & John Stillwell ihr Bühnenbild aus, schaffen so Verblendungen, die die Bogenarchitektur ihrer Dekorationen verblüffend fortführt. Zwölf Choreografen haben die eigentlichen Stars des Programms, die 40 Damen und 20 Herren des Balletts, in eine Landschaft aus drei Ebenen mit fahrbarer Showtreppe hineinkomponiert. Die Technik des Revuetempels gibt jede erdenkliche und auch manche bislang so noch nicht gesehene Unterstützung. Wenn Nina Makogonova mit onduliertem Blondhaar und Ilya Zheleznyak als formidables Solopaar wie einst Ginger und Fred aufziehen, begleitet von dem Sänger Oscar Loya, den Seifenblasen des Jano Urmankovic, dem chaplinesken Pantomimen Mauricio Franco, dann hebt sich in der Tat ein Schatz aus den Tiefen der Erinnerung, wie Daniel Behrens‘ Begleitkomposition behauptet. Kopfunter schwimmt eine Nixe hinter Gaze wie in trüber See, Tanz mit Weißperücken und Pompons als Reminiszenz hellt sich in aktuelle Stilistik auf, das Solopaar hat seinen exzellenten Auftakt.

Erstaunlich leise, poetisch fällt der erste Programmteil aus, setzt die Illusion einer Tauchfahrt mit menschlichen Quallen und flirrenden Tentakelwesen fort, bis zu „Light my fire“ sexy Frauen auf einem Rund aus synthetischem Sand mit ihren Partnern einen von Spiegeln vervielfachten Tango zelebrieren. Leuchtende Seifenblasen weisen auf die Zeit hin, durch die wir geh’n, wie sie ein nachdenklicher Titel beschwört: Damen zertanzen dazu aus dem Boden aufwachsende Schaumsäulen, ehe im attraktiven Pausenfinale ein Hauch von Starlight Express die helmbewehrten Tänzer zu spektakulären Lichteffekten und Farbwechseln über die Szene sausen lässt. Eingelegt zwischen all den bravourösen Tanz ist Artistik der Sonderklasse, so eine zauberhaft synchrone Darbietung der Acrobatic Troupe Shenyang am fliegenden Tuch in Lotosformation.

Hochenergetisch dann der Teil nach der Pause, mit einer Parade der Glamourgirls, dem Imitat von Synchronschwimmen auf einer angeschrägt rotierenden Scheibe, einem Duett voller riskanter Ansprünge, der Hommage an Esther Williams: Herren im knappen Dress springen zu akrobatischem Fight ins Bassin; die Tropfen eines kreisrunden Wasserfalls funkeln wie Swarovski-Kristalle, dahinter schwebt einsam eine Nixe. Im Bikini dann die obligate, blendend ausgeführte, entsprechend umjubelte Girls-Reihe; aus dem Untergrund windet sich eine mehrstufig betanzbare „Torte“; pompös das Marschfinale zu „There Must Be An Angel“. Ein Bravo dem französischen Duo Aragorn für seine so waghalsige wie sensationelle Arbeit am Fangstuhl, dem Gesangstrio aus Talita Angwarmasse, Gina Marie Hudson, Amber Schoop sowie, wieder einmal, dem äußerst vielseitig geforderten Ballett. Dass die riesige Palastbühne auch die kleine Form wie Seifenblasenträume oder einen Pas de deux verträgt, ist eine weitere Erkenntnis von „Show me“.

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