„Tanzwelten 3: Down to the Wire“: „Gaslight“ von Giovanni Insaudo, Tanz: Ballett Lüneburg

Spannend bis zum Schluss

„Tanzwelten 3 - Down to the Wire“ beim Ballett Lüneburg

Mit „Down to the Wire“ beschließt Olaf Schmidt seinen Streifzug durch zeitgenössische Choreografien. Neben ihm choreografieren Giovanni Insaudo und Albert Galindo I Villegas und die fordern dem Theater Lüneburg einiges ab.

Lüneburg, 20/03/2026

Zum dritten Mal hat Lüneburgs Ballettdirektor Olaf Schmidt einen gemischten Abend aus seiner Reihe „Tanzwelten“ ins Programm gehoben: „Down to the Wire“ heißt er dieses Mal. Teil eins entstand vor zwei Jahren anlässlich seines 10-jährigen Jubiläums in der Stadt in der Nordheide. Damals gab er einen Einblick in seine eigenen Werke (inzwischen sind es gut 100 Choreografien, die Hälfte davon für das Lüneburger Ballett), für Teil zwei im Vorjahr und Teil drei jetzt am 14. März bezog er neben einer eigenen Neukreation zwei andere Choreografen mit ein. So umfasst „Down to the Wire“ neben Schmidts Eigenkreation „Countdown“ auch „Gaslight“ von Giovanni Insaudo und „Evolution of a Thought“ von Albert Galindo I Villegas. Beiden hatte Olaf Schmidt im Rahmen des Internationalen Choreografiewettbewerbs in Hannover 2024 und 2025 seinen Produktionspreis gegeben.

„Down to the Wire“ – dieser Titel kommt nicht von ungefähr. „Es ist der Moment, wenn die Schnur durchbrochen wird“, erklärt Olaf Schmidt in einem Gespräch vor der Vorstellung. „Der Begriff kommt aus dem Sport, vielleicht erinnern sich noch einige daran, dass früher am Ziel bei Pferderennen oder in der Leichtathletik ein Band gespannt war, das man durchbrechen musste, so wurde die Zeit gestoppt, bevor es Lichtschranken gab. Hier, bei diesem Ballettabend geht es eher um die Situation, dass etwas bis zum letzten Moment unklar oder spannend bleibt.“ Und tatsächlich wird bei diesem Abend die Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten.

Im Banne des Lichts 

„Gaslight“ von Giovanni Insaudo orientiert sich an dem gleichnamigen Schauspiel des britischen Schriftstellers Patrick Hamilton aus 1938, das 1944 als Filmthriller mit Ingrid Bergman unter dem Titel „Das Haus der Lady Alquist“ bekannt wurde. Giovanni Insaudo inszeniert hier den seither als „Gaslighting“ bekannten Begriff aus der Psychiatrie, mit dem manipulative psychische Gewalt umschrieben wird. Bei ihm ist es zum einen das Licht, das die Tänzer*innen zu immer wieder neuen Formationen und Konstellationen antreibt, zum anderen sind es die Tänzer*innen selbst.

Das von Insaudo selbst arrangierte Lichtdesign, so Olaf Schmidt, habe die Lüneburger Beleuchtungsabteilung vor enorme Herausforderungen gestellt, weil er „hunderte von Stimmungen“ kreiere, die sich auch noch der Musik-Collage anpassen müssen und ständige Wechsel erzeugen.

Für den Tanz findet Insaudo eine ganz eigene Bewegungssprache, teilweise rasend schnell und impulsiv, teilweise wie in Zeitlupe gedehnt. Das Ganze gruppiert sich um eine Art Podest, an dem sich die Tänzer*innen entlanghangeln, -schieben, -stürzen, auf dem sie sich räkeln oder auch halsbrecherische Balancen vollführen. Das ist ungemein abwechslungsreich und manchmal schon nahezu gruselig spannungsgeladen.

Abschied, Verlust, Unsicherheit

„Countdown“ von Companychef Olaf Schmidt beschäftigt sich dagegen mit dem Gefühl, wenn man im Leben nicht weiß, wie und ob es weitergeht. Schmidt sagt dazu: „Ich bin ein Mensch, der Probleme hat, sich zu entscheiden, und kurze Stücke liegen mir weniger als abendfüllende. Bei ‚Countdown‘ wird die Zeit heruntergezählt, das hat mit Verlust zu tun, mit Unsicherheit und Abschied. Das kenne ich aus meinem Leben sehr gut – und daraus habe ich zehn Szenen gebaut, mit immer weniger Tänzer*innen, bis zum Schluss nur noch eine übrig bleibt. Insgesamt sind es jetzt doch 25 Minuten geworden, meine Inspiration war die Musik des 1988 geborenen Singer-Songwriters Benjamin Clementine. Sie passt zu der Zeit heute, da geht es um Hoffnungslosigkeit, aber auch ums Durchhalten, um Zuversicht.“

An diesem Abend sind es nur neun Episoden, weil Ayumi Kato sich an der Schulter verletzt hatte und für die Vorstellung ausfiel, aber diese neun gelingen choreografisch und tänzerisch ungemein berührend – vor allem das Solo am Schluss, bei dem die wunderbare Júlia Cortés für ihre erkrankte Kollegin eingesprungen ist. Da spürt man die Lebenserfahrung.

Die Gedanken sind frei

Zum Schluss dann wieder etwas mehr Leichtigkeit: Albert Galindo I Villegas, Tänzer in der Kompanie von Stephan Thoss in Mannheim, beweist sich mit „Evolution of a Thought“ als choreografisches Talent und dreht den Spieß um: Das Stück beginnt mit einem einzelnen Tänzer, dem sich nach und nach weitere zugesellen. Es ist, als entspinne sich von ihm ausgehend ein Gedanke, der dann weitergegeben wird, sich verändert, aufgegriffen wird oder auch nicht, auseinanderfällt und wieder zusammengefügt wird, um sich am Schluss dann doch wieder im Individuum zu landen und sich im Unendlichen zu verflüchtigen.

Die neun Lüneburger Tänzer*innen werden allen unterschiedlichen Herausforderungen aufs Feinste gerecht und glänzen nicht nur durch eine präzise Technik, sondern ebenso durch überzeugende Darstellungskraft. Chapeau!

 

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