In dreifacher Verwandlung

Das Stuttgarter Ballett mit dem Uraufführungsmarathon seiner jüngsten Premiere „Körpersprache³“ im Schauspielhaus

oe
Stuttgart, 27/03/2012

Wenn am Schluss des neuen Ballett-Dreiteilers im Schauspielhaus Friedemann Vogel den Fans im Zuschauerraum ein Okay mit Fragezeichen zublinzelt, antwortet ihm das Publikum mit einem kollektiven Na und ob! Das klingt fast wie die Zustimmung bei der fatalen Goebbels-Rede im Berliner Sportpalast zu seiner Frage: Wollt Ihr den totalen Krieg? Klingt hier aber eher nach: Wollt Ihr den totalen Tanz? Denn eine derart geballte Ladung Tanz: das war so recht nach dem Gusto des auch in der zweiten Vorstellung hellauf begeisterten Publikums: Drei Uraufführungen von Choreografen, die sämtlich hier ihren entscheidenden Karrieredurchbruch hatten: von Marco Goecke „Black Breath“ (als ob sich´s nicht auch auf Deutsch sagen ließe), von Edward Clug „Ssss…“ (sozusagen mit gespitzten Lippen gelispelt) und von Mauro Bigonzetti „Il Concertone“ (als italienischer Showstopper im Titel-Terzett).

Wo gibt es das denn sonst? Drei Uraufführungen, die ja immer mit einem Risiko verbunden sind. Sicher nicht in Berlin, Hamburg, München oder Wien (und wohl auch kaum in London, Paris und New York, von St. Petersburg und Moskau ganz zu schweigen). Doch Ballettintendant Reid Anderson kennt eben seine Pappenheimer und weiß, was er ihnen zumuten kann. Und auch seinem Publikum. Drei Hits also, wie man sie sich unterschiedlicher kaum vorstellen kann. Zu Beginn der neue Goecke, in gewohntem Schwarz-Look (von Michaela Springer) – und doch eher ein Produkt aus den Versuchslabors der EADS Raumfahrtindustrie in Toulouse als aus dem Ballettsaal hoch über dem Eckensee. Zwei Hostessen und sieben Tanzingenieure, angeführt vom charismatischen Alexander Zaitsev, befasst mit der Erforschung der Bewegungsmöglichkeiten im Weltall, für die offenbar ein spezielles Port de bras erforderlich ist, das den Körper mit Elektroschocks auflädt, die in zappelig-nervigen Kontorsionen gipfeln – sozusagen als Antwort auf Balanchines Lakonie der Arme, mit roboterhaften Flügelschlägen. Wobei man den Eindruck hat, dass sie nicht von der Musik ausgelöst werden (eine von Herbert Schnarr arrangierten Collage von Ligeti- und Pop-Klängen), sondern umgekehrt selbst als Sound-Erzeuger fungieren.

Das ist faszinierend anzusehen und von Goecke in einer atemberaubenden Vielfalt angewendet, quasi als negativer Reflex auf die übliche Praxis der aus der Musik gezeugten choreografischen Elementarteilchen-Arrangements. Man fragt sich, wie die Tänzer sich die so total zu ihrer Danse d´école Schulung in Kontrast stehenden Bewegungsfolgen einprägen und zum Teil sogar in hinreißender Synchronität ausführen, aber die Stuttgarter praktizieren das, als hätten sie sämtlich in Toulouse einen Sonderlehrgang in atomisierter Choreografie mit Diplom absolviert.

Zurück aus dem galaktischen Labor auf die Erde, zu den Chopinschen Gefilden, die von David Diamond allzu lautsprecher-aufgebläht aus dem Flügel gehämmert werden. Wie in Robbins´ „Concerto“. sozusagen als musikalischer Strippenzieher, doch ohne Robbins´ parodistische Perfidie. Auf Thomas Mikas nachtschwarzer Bühne, wo die vielen leeren Stühle wie die schwarzen Tasten auf der Klaviertastatur wirken, geben sich drei Paare ihren leicht nostalgisch verbrämten Träumen hin, Anna Osadcenko und William Moore, Oihane Herrero und Arman Zazyan, Hyo-Jun Kang und Roman Novitzky: kammertänzerische Spitzen feinster Machart, geklöppelt in der Stuttgarter Ballettmanufaktur.

Und zum Schluss also Bigonzetti, dieser italienische Hansdampf in allen Ballettgassen der Welt. Dessen Vielseitigkeit ist allerdings staunenswert: „Sacre“ und neapolitanische Folklore, Schostakowitsch und italienische Großnovellistik, Shakespeare und Motorbikes, Liebe in jeglicher Versuchsordnung, die Bibel und die mediterrane, auch afrikanische Kultur. Und für Stuttgart nun also „Il Concertone“, zu einer filmischen Allerweltsmusik von Stefano Bollani. Hollywood goes Cinecittà. Stuttgarts Tänzer von A (Alicia Amatriain) bis Z (Arman Zazyan) sind beschäftigt, siebzehn an der Zahl und mittenmang, sozusagen als Nummer neun, Stuttgarts Wunderboy, Friedemann Vogel, ausgezogen von Lois Swandale und Kristopher Millar bis auf die totschicke, sexy Badehose als schwäbischer Astaire von der Alb. Das Ganze choreografiert wie ein Cecil B. de Mille-Spectacle. Ein bisschen lang vielleicht, aber mit einem nachgestellten Finale, in dem Stuttgarts heißgeliebter Friedemann – siehe oben – das Publikum spitzmäulisch befragt; „Okay?“ – natürlich rein rhetorisch, denn das ist von so geballter Tanzwucht längst k.o. geschlagen.

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