„Ich war 200 Prozent Tänzer, jetzt gebe ich Erfahrungen weiter“

Gamal Gouda ist neu als Ballettmeister in Dresden

Dresden, 16/11/2009

Gamal Gouda ist „der Neue“ am Dresden Semperoper Ballett und wird künftig den Kreis der Ballettmeister des dortigen Ensembles zum Quartett ergänzen. Neu in Dresden jedoch ist der ehemals weltbekannte Solotänzer ganz und gar nicht, der jetzt vom Bayerischen Staatsballett hier her gekommen ist: Vielmehr kehrt er nun zurück in eine Stadt, an ein Theater, mit dem etliche Erinnerungen im Verlauf der außergewöhnlichen Karriere des heute 51-Jährigen verbunden sind. Als John Neumeier sein 1982 in Hamburg uraufgeführtes Ballett „Tristan” mit der Musik von Hans Werner Henze fast genau zehn Jahre später mit dem Ballett der Sächsischen Staatsoper in der Semperoper einstudierte, übernahm im Januar, im März und im Dezember des Jahres 1983 der Hamburger Tristan, Gamal Gouda, hier die Titelpartie. In einigen Vorstellungen gastierte auch seine Partnerin Chantal Lefèvre als Isolde in Dresden. Für den spätestens seit seiner sensationellen Leistung als „Othello” in Neumeiers gleichnamiger Kreation von 1985 international gefeierten Tänzer jedoch war „Tristan” nicht seine erste und einzige Begegnung mit Dresden. Schon der junge Anfänger gehörte zu Neumeiers Hamburger Ensemble, das im Mai 1981 im Großen Haus die später auch hier einstudierte Inszenierung „Ein Sommernachtstraum” sowie an zwei Abenden die Choreografie der dritten Sinfonie von Gustav Mahler im Rahmen der Musikfestspiele vorstellte.

Er war auch dabei, als das Hamburger Ballett 1995 in der Semperoper mit „Requiem”, „Mozart“, „Gregorianische Gesänge“ und der neunten Sinfonie von Gustav Mahler gastierte und tanzte beim gleichen Gastspiel die Partie des Des Grieux in „Die Kameliendame”. In der damaligen DDR war der aus Ägypten stammende Gamal Gouda bereits wesentlich früher gewesen: 1969 schon, als er noch an der Cairo Academy of Arts klassischen Tanz nach der Waganowa-Methode bei Meistern aus der Sowjetunion studierte, besuchte er mit Jungen Pionieren, deren Gast er in einem Zeltlager war, Berlin, Leipzig und Potsdam. Später verließ er seine Heimat; er entging der Armee um den hohen Preis, dass die Grenzen seines Landes, wo er erste Bühnenerfahrungen zunächst im Corps de ballet und dann als Solist gemacht hatte, fortan für ihn verschlossen waren.

Der junge Tänzer machte insbesondere mit der Partie des Basile in „Don Quixote” auf sich aufmerksam. Er kam nach Deutschland, tanzte zunächst in Nürnberg und München. In Hannover begegnete er Gundel Eplinius, der „Großen Alten Dame“ des Tanzes, die vor zwei Jahren im Alter von 85 Jahren verstarb. Sie war Professorin für Modernen Tanz in Hannover, hatte u.a. in Dresden bei Mary Wigman studiert und als deren Assistentin gewirkt. Bis 1945 gehörte sie dem Dresdner Ballettensemble an. Gundel Eplinius war es, die ihm schließlich die Bekanntschaft mit John Neumeier vermitteln sollte. Gamal Gouda entdeckt bei ihm seine Chancen; entdeckt die Moderne des Tanzes auf der Grundlage der klassischen Fundamente. Er taucht tief ein in die Prozesse der Hamburger Ballettschöpfungen, vervollkommnet die Fähigkeit, alles durch den Körper auszudrücken, die Musik und die Emotion zur Bewegung werden zu lassen. In diesem tollen Ensemble, so Gouda heute in der Rückschau, da ging es gar nicht anders, man musste einfach zu 200 Prozent Tänzer sein.

Und jetzt ist er dabei, wieder in einem wunderbaren Ensemble, mit den jüngeren Kolleginnen und Kollegen immer wieder am Erreichen dieser magischen 200-Prozent-Marke zu arbeiten: Als Ballettmeister ist er verantwortlich für das tägliche Training, und da ist es unerlässlich, die Individualität eines jeden Tänzers, einer jeden Tänzerin im Auge zu haben. Techniken lassen sich beherrschen; wesentlich aber ist es für diese Kunst, dass Tänzer über die Individualität zur Authentizität in der jeweiligen Choreografie, in ihren Partien und Passagen gelangen. Der Ballettmeister leitet die Proben, er muss die Choreografien bestens kennen. Wenn der Choreograf abreist, übernimmt er die Verantwortung; er studiert neue Besetzungen ein und bringt die tänzerischen Charaktere in Einklang mit dem Anliegen der Werke und ihrer Schöpfer. Es gilt für die Übereinstimmungen mit den Originalchoreografien zu sorgen und dennoch die Originalität möglicher neuer Tänzer zu achten.

Gamal Gouda kann jetzt die Summe seiner reichen Erfahrungen einbringen. Seine Arbeit kann verhindern, dass Kopien entstehen und befördert werden. Er kann dafür Sorge tragen, dass dem Zuschauer an jedem Abend einer Ballettaufführung Originale geboten werden. Die Qualitäten des Ensembles hier lernte er kennen und schätzen, als er die Einstudierung von Solistenpartien für die überaus erfolgreiche Dresdner Erstaufführung des Ballettklassikers „La Bayadère” übernahm. Danach arbeitete er im Team der Ballettmeister an den Vorbereitungen der Wiederaufnahme von John Crankos Choreografie „Der Widerspenstigen Zähmung”. Und derzeit geht es mit aller Kraft auf die nächste Premiere zu: Das Glanzstück der romantischen Ballettliteratur, „Schwanensee”, kommt ab 21. November auf die Bühne der Semperoper.
www.semperoper.de

 

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