Reiner Feistels Doppelabend „Feuervogel“ und „Sacre“ in Radebeul

Menschen in der Bewährung

Radebeul, 21/03/2008

In seinen elf Spielzeiten als Ballettchef an den Landesbühnen Sachsen hat Reiner Feistel den kleinen Villenort Radebeul zu einer festen Adresse in Sachen Tanz gemacht. Mit einem Dutzend internationaler Tänzer bespielt er Großes Haus und Studiobühne und wechselt dabei zwischen adaptierten Klassikern und Uraufführungen nach eigenem Libretto. Besonders wenn er seiner Fantasie freien Lauf lassen kann, unbehindert durch übermächtige Vorbildinszenierungen, gelingen ihm eigenständige Produktionen. So zollte er am Saisonbeginn dem unsterblichen „Charlie“ Tribut und fand zu dessen Figur des Tramp einen im Heute angesiedelten Zugang. Sein Charlie ist ein brotlos gewordener Künstler, dem das Arbeitsamt nicht zu helfen weiß. Da träumt er sich in Chaplins Rolle, erlebt dessen schweren Aufstieg und zieht, erwachend, daraus den Mut, sein Schicksal anzupacken. Ähnliche Erfolge landete Feistel, ebenso für die Studiobühne, mit Menschengeschichten zu Musik von Herbert Grönemeyer und Xavier Naidoo.

Auf die nur wenig größere Bühne des Stammhauses wuchtete er nun zwei Signaturwerke des 20. Jahrhunderts, beide zu Musik Igor Strawinskis, beide verbunden mit einer der innovativsten Kompanien dieses Säkulums, den Ballets russes. Erlebte „Der Feuervogel“ seine Premiere 1910, so folgte ihm mit „Le Sacre du printemps“ nur drei Jahre später und gleichfalls in Paris jene Skandalchoreografie nach, die das lange dornröschenhaft schlafende Ballett endgültig auf die Höhe der damals aktuellen Debatten in den anderen Kunstsparten hob. Seither haben sich beinah alle Tanzerfinder von Rang und viele Unberufene mit mehr oder weniger Fortune an diesen Werken versucht. Feistel lässt sich auf keinen der Vorgängerwürfe ein, sucht nach der eigenen Interpretation.

Sein „Feuervogel“ fokussiert ein Brautpaar in der Bewährung. Durch den Saal ziehen in festlichem Weiß die Hochzeiter ein, Frauen und Männer noch separat und einander fröhlich zuwinkend. Auf der Szene trennt unter Geflacker ein Gewittersturm die Liebenden. Da erst setzt Strawinskis Musik ein. Die Braut hat es ins Land des langmähnigen Zauberers Kastschei verschlagen, der sie begehrt und mit verwinkelten Armbewegungen ihres Willens beraubt. Dem verzweifelten Bräutigam hilft der Feuervogel auf die Spur, vermag gegen Kastscheis Macht indes nur wenig auszurichten. Fast wäre auch der Junge in dessen Bann geraten, hätte sich von seinen Kreaturen verführen lassen. Der gedächtnislosen Braut träufelt der Feuervogel sein Blut ein, aktiviert sie so und führt unter Preisgabe des eigenen Lebens die Brautleute wieder zusammen.

Feistels choreografische Umsetzung überzeugt nicht durchgängig, weil sie unentschieden zwischen konkreter Handlung und sinfonischen, zu linear und frontal ausgerichteten Strukturen pendelt. Zudem macht Martin Rupprechts Dekoration, ein goldfleckig applizierter Hintergrundvorhang, die Bühne klein, statt sie zu weiten, drängt ins bunt Märchenhafte, was Feistel eher allgemeinmenschlich meint. Wie der Bräutigam, den Norbert Kegel mit verzehrender tanzdarstellerischer Intensität ausstattet, vergeblich gegen den unangreifbaren Zauberer kämpft, gehört zu den beeindruckenden Momenten eines nervös und mit viel Armsymbolik angelegten „Feuervogel“.

Auch „Sacre“ arbeitet von der Bewegungssprache her mit freier Formerfindung, hinterlässt jedoch, vieldeutig in der Aussage, künstlerisch einen geschlosseneren Eindruck. Den unterstützt Rupprechts hochragender Raum aus angedeuteten grauen Betonquadern treffend. Zu Lebenslärm eilen in dieser Enge Menschen in dunklen Anzügen und Kostümen blicklos aneinander vorüber. Als sie erstarren, greift Strawinskis Partitur ein. Eingepferchtsein treibt und quält die Figuren, lässt ihre Hände zittern, sich die Kleidung vom Leib reißen. Mit Beinwürfen, Beckenschlägen, Bäumbewegungen stürzen sie sich in geschmeidig ganzkörperlichem Duktus den musikalischen Themen entgegen. Wie Ringer verknoten sich in scheinbar unauflösbarer Pose vier Männer. Da erscheint auf der Wand eine Projektion, wucherndes Pilzmycel, wabernde Krake, strahlenartig sich ausbreitende Explosion. Eine Träumende wird, von einem Mann bedrängt, zu seinem Mörder, ist damit ausgestoßen. Erst als sie nach einem fulminanten Solo jene drohende Projektion zerschlägt, scheint die Gefahr gebannt. Katie Wood profiliert sich als Opfer, das Orchester der Landesbühnen überwindet achtbar die synkopischen Klippen einer Meisterpartitur, der Reiner Feistel und seine Kompanie über weite Stellen sehenswert tänzerische Gestalt verleihen.


Wieder 6.04., 10., 29.05.

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