Wo die Einfalt regiert, entsteht herzlich wenig

„Nussknacker“ von Gyula Harangozó

Wien, 30/09/2007

Spannende (Bühnen-) Geschichten, ob aus der Fantasie oder der Realität, entzünden sich an Konflikten. Wenn das seit Anbeginn schwache Libretto von Marius Petipa nach der Vorlage von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Nussknacker und Mäusekönig“ etwas für die Gegenwart hergibt, dann ist es die Auseinandersetzung zwischen „Gut und Böse“. Das Märchen vom Mädchen, das zu Weihnachten einen Nussknacker bekommt und des Nachts von der Verwandlung der Puppe in einen Prinzen träumt, wurde in zahlreichen Neuinszenierungen immer wieder gedreht. Einmal war die Psychologie im Vordergrund, einmal Komik, dann Sozialkritik. Gyula Harangozó, der kaum choreografische und - wie nun offenbar wird - auch keine inszenatorische Erfahrung hat, schickte sich nun an, einen eigenen „Nussknacker“ mit Zugaben der aus den 30er Jahren stammenden Fassung von Wassili Wainonen zu produzieren.

Und blendet die Dramatik der Konflikte einfach aus. Die Figur des Drosselmeyer, der Sinnhaftigkeit entsprechend unheimlich, ist nach Sicht des Ballettchefs ein netter Onkel mit Silberstab, vielleicht gar verkleidete Fee. Der Kampf zwischen Nussknacker-Soldaten und Mäuse-Heer wird zwischen Affen ähnlichen Gestalten und Schul-Kindern gespielt.

Ob Maria, die über weite Strecken des mit zwei Pausen in die Länge gezogenen Abends von einer Elevin der Ballettschule dargestellt wird, mit diesem Geschehen etwas zu tun hat, bleibt unklar. Das erwachsene Liebespaar, der an sich wunderbare Andrian Fadeyev als Gast vom Petersburger Kirov-Ballett und die in Wien engagierte Aliya Tanikpaeva, tanzt quasi eine Einlage, die in dieser Anschauung auch nichts versinnbildlicht.

Ist das der Traum, den sich die von Dorin Gal und Philippe Combeau geschmack- und stillos ausgestatteten Damen und Herren mit vielen Kindern zu Beginn der Neuproduktion ausmalen? Der langweilige Abend gewinnt auch durch das bemühte Dirigat der Tschaikowskyschen Ohrwürmer von Sascha Goetzel wenig. Dass abgesehen vom eigentlichen Hauptpaar und einigen Ausnahmen wie Dagmar Kronberger als Orientalin, Kirill Kourlaev als Drosselmeyer und Daniil Simkin als Roboter und Chinesen auch noch steif getanzt oder spannungslos agiert wird, spricht nicht für die Zukunft des Balletts. Bleibt der Versuch Harangozós als Choreograf: Der Ballettchef nimmt Anleihen bei der Wainonen-Vorlage und kommt über ballettmeisterliche Ambitionen nicht hinaus.


Mit freundlicher Genehmigung des Kurier

 

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