Brücken vom 19. ins 21. Jahrhundert und nach Moskau

Fazit des VII. International Ballet Festivals MARIINSKY und ein Statement Alexei Ratmanskys

St. Petersburg, 27/04/2007

Dieses siebte internationale Ballettfestival unter der Leitung des künstlerischen Direktors Machar Wasiew war vom Konzept her zeitlich und thematisch ebenso wie durch die Teilnahme zahlreicher Künstlerpersönlichkeiten groß angelegt. Damit unterstrich das Ballett des Mariinsky Theaters – aus Marketing-Gründen immer noch manchmal Kirov-Ballett –, dass es seinen angestammten Rang als eines der bedeutendsten Ballettzentren weltweit behaupten und ausbauen will. Maßstabsetzend bleibt es für die Kunstwerke des 19. Jahrhunderts dank der homogenen Leistungen seines vorzüglichen Corps de ballet und der hohen Virtuosität der auf allen Ebenen großartig besetzten solistischen Partien, exemplarisch in den Petipa-Klassikern „Giselle“, „La Bayadère“ und „Don Quijote“ bestätigt, die während der zehn Festival-Abende zur Aufführung kamen. Dass die eingeladenen Gäste aus den großen Ballettmetropolen der Welt nicht immer zu einem Qualitätsgewinn beitragen konnten, unterstreicht den Rang der St. Petersburg wirkenden Tänzer(Innen).

Auch für die wissenschaftliche Rekonstruktion klassischer Ballette bleibt das Mariinsky Theater maßstabsetzend, wie die Wiederbelebung von Marius Petipas „Das Erwachen der Flora“ aus dem Jahr 1894 durch Sergei Wicharew und sein Team bewies, die nicht nur die komplette Choreografie und den authentischen Stil, sondern auch die Partitur Riccardo Drigos sowie die Neuproduktion des alten Bühnenbildes und der originalen Kostüme umfasste und in zeitloser Virtuosität exemplarisch frisch getanzt wurde. Es kommt hinzu, dass dieses Haus, wie die beiden Eröffnungsabende mit dem Titel „The Russian Project“ eindrucksvoll zeigten, über drei Jahrhunderte seine Beiträge zum Weltballett leistet, wobei Choreografen, Komponisten, Bühnenbildner und Tänzer allesamt genuin russischen Ursprungs sind, wenn auch die Künstler des 20. Jahrhunderts, das während der sowjetischen Ära eine Stagnation brachte, Emigranten wie Balanchine waren. Im 21. Jahrhundert wurden einige seiner wichtigsten Werke für dieses Haus wiedergewonnen, weitere moderne Choreografien möglich und im Anschluss an einen Forsythe-Abend aus dem Jahr 2004 mit eigenen Choreografen der Anschluss an den zeitgenössischen Dance gefunden.

Jetzt bewies Alexei Miroshnichenko, der seit 2004 auch einer der Coaches für die Forsythe-Ballette am Mariinsky Theater ist, mit den beiden Festival-Premieren „Wie der alte Leiermann“ und „Der Ring“, dass er aufgrund seiner klassischen Praxis ein weiter gespanntes choreografisches Spektrum beherrscht als mancher Forsythe-Epigone und dank seiner hohen thematischen, musikalischen und choreografischen Wandlungsfähigkeit bald das Interesse westlicher Kompanien finden müsste.

Die gewinnbringendsten Festivalbeiträge kamen diesmal vom Bolschoi-Theater aus Moskau, dessen Ballett seit drei Jahren unter seinem neuen künstlerischen Direktor Alexei Ratmansky ebenfalls wichtige moderne Choreografen der westlichen Hemisphäre für sein Repertoire gewonnen hat und beispielsweise John Neumeiers „Sommernachtstraum“ tanzt. Ratmanskys Programm ist die Pflege des klassischen wie des sowjetischen Erbes auf der Basis des bisherigen hohen technischen Standards, aber eben auch der Wunsch, dass die besten kreativen Meister des Tanzes den Tänzern seiner Kompanie etwas auf den Leib choreografieren, damit sie in der Gegenwart leben.

Der moderne dreiteilige Abend, mit dem die Moskauer bei diesem Festival gastierten, hat mit einer eigenen Choreografie Ratmanskys sowie den Werken von Christopher Wheeldon und Twyla Tharp hervorragende Beispiele für die Realisierung dieses Weges geboten. Dass die besten Moskauer Einzelkünstler zugleich diejenigen waren, die auf gleicher Stufe neben den in St. Petersburg beheimateten tanzten und dafür auch ausführlich bejubelt wurden, ist neben der Aufnahme dieses Gastspiels ins Festivalprogramm ein klares Zeichen dafür, dass die Eiszeit zwischen den beiden führenden Kompanien Russlands einer neuen Aufgeschlossenheit füreinander gewichen ist, der sicher noch manche interessante Wechselwirkung zu verdanken sein wird.

Im Hinblick auf das nun unmittelbar bevorstehende Gastspiel seiner Kompanie während der Ballettwoche des Bayerischen Staatsballetts sagte Ratmansky: „Wir sind froh darüber, in München zeigen zu können, was das Bolschoi Ballett heute ist. Natürlich würden wir an einem so wichtigen Ort auch gern bald einmal unsere moderne Seite zeigen, aber jetzt sind wir zur dortigen Petipa-Spielzeit eingeladen. Auch dafür ist unsere „Don Quijote“-Produktion ein interessantes Beispiel, zumal es sich dabei um ein von Petipa in Moskau herausgebrachtes Ballett handelt und Sie einen Monat nach dem Gastspiel des Mariinsky Balletts den Unterschied zum St. Petersburger Stil sicher erkennen werden, denn Petipa knüpfte, wie jeder große Choreograf, in Moskau an die tänzerische Praxis an, die er dort vorfand. Sein Stück steht bei uns seit 1869 ununterbrochen auf dem Programm, und die im Jahr 1999 von Alexei Fadeyechev aufgefrischte Version ist keine wissenschaftliche Rekonstruktion, wie wir sie mit „Le Corsaire“ für diesen Sommer planen, sondern ein „Best of“ aus all den Jahrzehnten, in denen die verschiedensten Künstler ihre Beiträge in dieses Ballett eingebracht haben, unter ihnen Maya Plissetzkaya, die, wie Sie wissen, über drei Jahrzehnte lang die beste Kitri war und einige spektakuläre Sprünge erfand. Wir haben zur Zeit eine sichere finanzielle Basis, wissen genau, was wir wollen und blicken deshalb optimistisch in die Zukunft.“

Da wächst den St. Petersburgern im eigenen Land ein ernst zu nehmender Konkurrent heran, dem eigentlich nur noch ein solches Festival zur regelmäßigen Selbstdarstellung fehlt. Dies wird wohl bald eingerichtet, wenn die Renovierung des Bolschoi abgeschlossen ist.

PS: Aus deutscher Sicht ist noch erwähnenswert, dass sowohl „Das Erwachen der Flora“ mit seinen aufwendigen Kostümen als auch die Werke von George Balanchine sowie der wichtige Forsythe-Abend durch private Spenden von Bettina v. Siemens, durch Spenden der von ihr ins Leben gerufenen „Stiftung der Freunde des Mariinsky Theaters“, Deutschland, oder im Fall Forsythe durch die von dieser Stiftung dafür gewonnene Kulturstiftung der Deutschen Bank in St. Petersburg möglich wurden.

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