Weiser Tanzolympier der Gegenwart

Maurice Béjart wird 80 und steckt voller Pläne

Berlin, 30/12/2006

Man muss vorwärts gehen. Ich sehe nicht meine Vergangenheit, nur die Zukunft. Der das im Gespräch prononciert äußert, hätte allen Grund, stolz auf seine Vergangenheit zu blicken. Am 1. Januar währt sie 80 Jahre und umfasst eines der erfolgreichsten und innovativsten Choreografenleben des vergangenen Säkulums. Nicht von ungefähr nannte Maurice Béjart die Kompanie, mit der er seit 1960 von Brüssel aus mehr als ein viertel Jahrhundert die Tanzwelt in Atem hielt, Ballett des 20. Jahrhunderts. Was anmaßend klingen mochte, rechtfertigte sich durch Béjarts radikal neue Sicht auf den Bühnentanz selbst und sicherte ihm einen Platz unter den Olympiern eines Kunstgenres, dessen Zeit er im 20. Jahrhundert gekommen sah und dem er selbst immens aufhalf. Früh fand der in Marseille geborene Philosophensohn zu deutscher Literatur, las in der Sprache Nietzsches und Wagners, seiner Leitfiguren. Mit Nietzsche, sagt er, fühle er bis heute eine Art Bruderschaft, weshalb sich das Werk des umdüsterten Denkers immer wieder in Béjarts Balletten spiegelt, zuletzt 2005 in „Zarathustra. Das Lied vom Tanz“.

Einseitigkeit kann man dem Choreografen indes am wenigsten vorwerfen. Schon seine frühen Arbeiten, nach der Ausbildung in Paris, London und Stockholm, greifen im Zusammenklang mit Gegenwartsmusik aktuelle Probleme des Menschen auf. Einsamkeit, Liebe, Tod, die Frage nach geistiger Orientierung, Werten in einer brüchigen Gesellschaft werden seine Themen, „Sacre du Printemps“ und „Boléro“ nicht nur erste Triumphe, sondern Signaturwerke bis heute. Auf der Suche nach Antworten durchstreift Béjart Geschichte und Geschichten, die Biografien geistesverwandt empfundener Künstler, Zeitepochen, Weltkulturen, Religionen, philosophische Systeme. Als genialer Inszenator hat er einen gigantischen kultur- und menschheitsgeschichtlichen Bilderbogen entrollt – farbenfroh, sinnenfreudig, kraftvoll, fesselnd für den Zuschauer. Häufig führte er scheinbar Gegensätzliches fruchtbringend zusammen: Buddhismus, zu dem er sich mittlerweile bekennt, und Islam, Hinduismus und Christentum, tibetanische Weisheit, Japans Nô- und Kabuki-Theater, Griechenlands und Ägyptens Kulte. Mit überwältigender Fantasie hat er seine Weltvisionen in faszinierende, oft kontrovers diskutierte, stets anregende Bilder verdichtet und seinem Gesamtkonzept eines Totaltheaters aus Tanz, Musik, Sprache, Gesang verpflichtet.

Mit Wagner, Mahler und Mozart, Molière, dessen Lebensgefährtin Béjart sein Pseudonym dankt, Petrarca, Baudelaire, Mallarmé, Rimbaud, Verlaine, Malraux hat er sich in seinen Stücken auseinandergesetzt, hat Fellini, Freddie Mercury, der französischen Chansonette Barbara Kreationen gewidmet, nicht als Lebensberichte, sondern als facettenreiche Persönlichkeitspuzzles, die Theater denken und aufs Allgemeinmenschliche zielen. Stile wie Klassik, Folklore und jegliche Form der Moderne verschmolz Béjart ohne Berührungsängste, brach Grenzen auf, führte dem Tanz mit Aufführungsserien in Sportstadien und Zirkusarenen scharenweise junge Zuschauer zu. Seit er 1987 nach Lausanne übersiedelte und dort das nur noch 35 Positionen zählende Béjart Ballet Lausanne gründete, bevorzugt er die kleinere Form, um darin Wesentliches auszudrücken. Hatte er bereits 1970 mit Mudra eine Schule nach seinem Theaterkonzept ins Leben gerufen, dem 1977 eine Filiale in Dakar folgte, so führt seit 1992 das Ecole-Atelier Rudra in Lausanne seine pädagogischen Ambitionen fort. Und 2002 formierte er aus Studenten die Compagnie M, mit einem Stück um Mutter Teresa als Premiere. Tschechow, laut Béjart ein früher Ökologe, ist Held der jüngsten Produktion für diese Gruppe.

Wenn die Absolventen „vom Geist her“ ins Béjart Ballet passen, werden sie gern übernommen: „Unsere Compagnie ist nicht nur ein Windzug, Stellen werden selten frei“, freut sich ihr Leiter. Gil Roman, ein Künstler von singulärer Präsenz, steht Béjart seit 1993 als Co-Direktor zur Seite: „Er bleibt nach mir mit der Kompanie, hält ihren Geist rein und stark.“ Der international hochgeehrte Meister, nach Hüftoperationen und einem Schlaganfall an den Rollstuhl gebunden, kreiert dennoch weiter. So entfalten „L‘Amour – La Danse“ und seine neueste Arbeit „La vie du danseur“ als Lebensrückblicke nochmals Imagination und Zauber eines Totaltheaters, das der Nachdenklichkeit des Betrachters noch immer mehr Raum lässt als die meisten Werke jüngerer Kollegen.

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