Falsche Versprechungen

Robert Tewsley wird heimatlos

Stuttgart / London, 04/11/2002

Das war ein Ultrakurzgastspiel. Erst im Mai hatte Robert Tewsley Stuttgart mitten in der Spielzeit (und eigenartig überstürzt) verlassen, um endlich in seine Heimat nach England zurückzukehren. Dort hielt er es genau ein halbes Jahr aus – am Freitag letzter Woche verkündigte das Royal Ballet, dass Tewsley auf seinen eigenen Wunsch nach dem 14. November die Kompanie wieder verlassen werde, nach der letzten seiner drei „Mayerling“-Vorstellungen. Der tragische Kronprinz Rudolf in Kenneth MacMillans Handlungsballett war seine einzige Rolle als Erster Solist, davor war Tewsley nominell nur Gast beim Royal Ballet. Da die Kompanie ihre Besetzungen schon sehr lange im Voraus plant, wusste er aber bereits jetzt, was ihn in dieser Saison noch erwartet hätte - das wären immerhin „Schwanensee“, „Nussknacker“, „Romeo und Julia“ und das neue „Dornröschen“ von Natalia Makarova gewesen, also sämtliche großen Klassiker der Spielzeit. Allerdings wäre er bis zum April in keinem einzigen gemischten Abend des RB eingesetzt worden, das heißt in keinem modernen Ballett.

In Stuttgart war der blonde Brite stets der absolute Star - hat es ihn genervt, plötzlich immer nur die zweite oder dritte Besetzung hinter Johan Kobborg, Jonathan Cope oder Carlos Acosta zu sein, lediglich als Partner zwischen den in London viel wichtigeren Ballerinen hin- und hergeschoben zu werden? Aber der „verlorene Sohn“ konnte doch nicht ernstlich erwarten, in nur zwei Monaten als glänzender Stern an der bestehenden Londoner Rangordnung vorbeizuziehen – die Herren tanzen schließlich auch nicht schlecht.

In der offiziellen Presseerklärung wird Tewsley mit der Aussage zitiert, er brauche „regelmäßigere Auftrittsmöglichkeiten, als ihm das Royal Ballet derzeit anbieten“ könne – er will also öfter tanzen. Aber auch über die geringere Zahl an Vorstellungen hätte sich Tewsley doch im Klaren sein müssen, als er von Stuttgart nach London wechselte. Der inzwischen abgedankte RB-Direktor Ross Stretton muss ihm damals das Blaue vom Himmel versprochen haben, um ihn nach Covent Garden zu lotsen. Vielleicht sah Tewsley mit dem Weggang Ross Strettons auch diese Versprechungen davonschwimmen - aber dann überrascht trotzdem die Schnelligkeit, mit der er jetzt aufgibt. In Stuttgart hatte er viel länger als ein Jahr daran gearbeitet, um die Liebe des anfangs eher kritischen Publikums zu erringen, um vom blonden Schönling zum umjubelten Darsteller zu wachsen.

Die große Frage ist, ob ihn Reid Anderson jetzt wieder zurücknimmt, so wie Marcia Haydée früher ihre verlorenen Schäfchen nach Ausflügen zu anderen Kompanien wieder aufnahm. Anderson hatte durch Tewsleys Weggang seinen Topstar verloren – vordergründig war Stuttgart natürlich stolz, einen Solisten nach London zu schicken, aber hinter den Kulissen grollte man Tewsley durchaus, denn genau zu diesem Zeitpunkt verlor die Kompanie mit Tamas Detrich und Vladimir Malakhov noch zwei weitere Leading Men. Die drei jungen Solisten, die Anderson daraufhin ernannte, entwickeln sich jetzt ganz prächtig und haben gerade angefangen, die von Tewsley hinterlassene Lücke fabelhaft zu füllen. Und hinter ihnen drängen bereits andere nach – die aktuellen „American Masters“-Abende zeigen eine Truppe in bestechender Form, die den Verlust dreier Solisten erstaunlich locker weggesteckt hat.

In London wiederum kennt das viel zu stark auf seine Ballerinen ausgerichtete Royal Ballet den Zustand chronischer Männerknappheit nur allzu gut – der Truppe laufen ständig die Jungs davon. Wegen Unterbeschäftigung verließen Ende 1998 gleich sechs männliche Solisten um Tetsuya Kumakawa die Kompanie, um fortan als „K Ballet“ aufzutreten. Adam Cooper kündigte, um Matthew Bourne zu „Swan Lake“ folgen, und ist ganz ohne das Royal Ballet zum populärsten britischen Tänzer geworden. Der ehemalige Principal Dancer Carlos Acosta bindet sich nur noch per Gastvertrag an Covent Garden. Man lebt mit Gästen vom ABT, aus Paris oder aus Mailand, und das wird sicher so weitergehen, denn Nachwuchs aus den eigenen britischen Reihen ist nicht in Sicht.

Robert Tewsley, so ist den Londoner Presseberichten vom Samstag zu entnehmen, hat keine Angebote von anderen Kompanien und will jetzt frei arbeiten – das aber dürfte die sicherste Möglichkeit sein, keine modernen Ballette und Uraufführungen mehr zu tanzen, denn dann erwartet ihn ein Schicksal als Siegfried, Albrecht, Romeo und Prinz vom Dienst. Hoffentlich stellt er es klüger an als Margaret Illmann, die nach Stuttgart nie wieder richtig Fuß fassen konnte.

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