Der Weihnachtsmann aus Taiwan

oe
Stuttgart, 17/12/2002

Manchmal verspätet er sich ein bisschen, kein Wunder, denn er hat einen weiten Weg zurückzulegen, und dann trifft er erst gegen Jahresende oder gar erst zu Beginn des neuen Jahres bei uns ein. Doch auf sein Kommen ist unbedingt Verlass. In diesem Jahr hat er sich gesputet, und so bescherte er seiner hiesigen Gemeinde pünktlich zum dritten Advent seine diesjährige Weihnachtsgabe: „Smoke“, sehr zum Ärger der Brüsseler Wettbewerbsbehörde, wie zu befürchten steht, die bekanntlich jegliche Tabakswerbung eher heute als morgen untersagen möchte.

Die Rede ist vom Weihnachtsmann aus Taiwan. Allerdings kommen nur die braven Leser der „Frankfurter Allgemeinen“ in den Genuss seines Geschenks, mit einiger Verspätung dann wohl auch wieder die Abonnenten von „europe´s leading dance magazine“. Doch um den gewöhnlichen Tabaksrauch geht es auch gar nicht, sondern um den „Geruch des Rauchs jener Feuer ..., mit denen die Hindus an den Ufern des Ganges in Varanasi die Leichen ihrer Toten verbrennen“.

Dieser Geruch inspirierte den taiwanesischen Choreografen Lin Hwai-min zu seinem jüngsten Tanzstück, so wie der Duft der Madeleinen bei Proust vor knapp hundert Jahren die Initialzündung zu seinem monumentalen Romanwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ auslöste. Wenn die Leichenverbrennung am Ganges bei Hwai-min ähnlich dimensionierte Konsequenzen haben sollten, dürfen wir uns wohl auf ein tanztheatralisches Spektakulum gefasst machen, das es mindestens mit Wagners „Ring des Nibelungen“ aufnehmen kann – sozusagen als dessen indisch-taiwanesisches Pendant.

Von seiner Konzeption her zumindest verspricht es ein ähnliches Läuterungsepos zu werden. Schließt es doch damit, „wie eine der Tänzerinnen sich nackt in den kleinen, gezackten Teich legt, aus dem sie im Finale, wenn das Stück nach großem Crescendo zur Ruhe gekommen ist und aus dem Bühnenhimmel die Blumen aus dem Frühling des winterkahlen Baumes regnen, als Badende wieder auftaucht, sich dehnend, streckend, mit Wasser übergießend in einem keuschen Reinigungsritual.“ Wer dächte dabei nicht an das Finale der „Götterdämmerung“ mit Brünnhilde und ihren Feuertod im Reinigungsritual des über seine Ufer getretenen Rheins.

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