KOEGLERJOURNAL 2000/2001



Mainz

SCHLÄPFER, CELIS UND VAN MANEN IM PROGRAMM VI


Toll, was Martin Schläpfer da in zwei Spielzeiten zustande gebracht hat: einen regelrechten Mainzer Ballett-Boom - mit einer Pico-bello-Truppe, welche die unterschiedlichsten stilistischen Anforderungen exakt auf den Punkt bringt. Offenbar die gute Basel-Spoerli-Schule! Sogar für eine total ausverkaufte Wiederholungsvorstellung des jüngsten Programms am Pfingstsonntag - besonders gefürchtet im Theaterkalender, weil alle Städte dann wie ausgestorben sind - gab es einen Massenansturm auf die Kasse. Das Verblüffendste aber war, dass die meisten der abgewiesenen Interessenten sich dann doch irgendwie Zutritt verschafft haben, indem sie die Kontrolleure einfach beiseite drängten! Ein ausgesprochen clever zusammengestelltes Programm: Zur Einstimmung Schläpfers Mozart-"Adagio für Glasharmonika" in mehrfacher musikalischer Wiederholung (so dass man Mozart glatt für einen Vorläufer von Philipp Glas halten konnte) und unterschiedlichen Pas-de-trois-Konstellationen (Kirsty Ross, Yuko Kato und Igor Marmonov) - eine hübsche Petitesse in der Van-Manen-Nachfolge, sehr musikalisch, choreografisch nicht ohne Pfiff, mit ein paar komischen Akzenten, mir manchmal zu neckisch, aber insgesamt unweigerlich gute Laune stiftend - ein Apéritif, gemixt aus drei Tänzerindividualitäten, die ihre Sache vorzüglich machen. Das Programm abrundend am Schluss dann ein reiner van Manen: das unverwüstliche "In and Out" - blitzblank poliert von Mea Venema und von den Mainzer Tänzern so hingefetzt, dass sie sehr wohl als NDT 4 fungieren könnten. Ausgesprochen an Van Manen orientiert auch die im Mittelpunkt stehende Kreation "Quartett" zu Béla Bartóks viertem Streichquartett, choreografiert von dem siebenunddreissigjährigen Belgier Stijn Celis für vier Tänzerpaare - für mich die aufregendste Choreografenentdeckung der Saison. Dieser Celis ist ein Mann, der sehr genau auf die Musik hört, kristallen formklar, der sich aber auch musiklose Pausen gönnt, mit exakt positionierten Gruppenstatements zu Beginn jeden Satzes, aus denen sich dann die räumlichen Entwicklungen ergeben, sehr dichte polyphone Körperlineaturen, die immer wieder in hinreissend synchron ausgeführten Kantilenen ausschwingen, die Motionen aufgeladen mit einer nicht zu stoppenden Energie. Trotz aller Van-Manen-Bezüge ein sehr persönliches Ballett. Die Tänzer: Lauren Bunn und Igor Mamonov, Simone Cavin und Nick Hobbs, Yuko Kato und Guido Wallner, Kirsty Ross und Jörg Weinöhl: ein Oktett gleichgestimmter Seelen, vor allem aber eben auch wunderbar harmonisierter Körper (Trainingsleiter Leslie Hughes und Didier Chape). Das Mainzer Pfingstwunder oder Mainz ist nicht nur eine Ballettreise, sondern sogar einen Umweg wert!

Veröffentlicht am 03.06.2001, von oe in koeglerjournal 2000/2001

Dieser Artikel wurde 7512 mal angesehen.



Kommentare zu "Schläpfer, Celis und van Manen im Programm VI"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    VON DER VERUNSICHERUNG ZUR VERGEWISSERUNG

    Die Preisträger-Gala des Stuttgarter Solo-Tanztheater-Festivals in der Hebelhalle
    Veröffentlicht am 19.11.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    ERINNERUNG AN DIE ZUKUNFT

    „Junges Theater“ präsentiert mit „ROOTS“ ein Tanzstück für Teenager
    Veröffentlicht am 19.11.2018, von Herbert Henning


    NUR DIE LIEBE KANN ERLÖSEN

    Stephan Thoss zeigt in Mannheim seine Erfolgschoreografie "Blaubarts Geheimnis"
    Veröffentlicht am 18.11.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    LA BAYADERE

    Alexei Ratmansky rekonstruiert »La Bayadere«

    Das Staatsballett Berlin bringt am 4. November 2018 La Bayadère in einer Rekonstruktion von Alexei Ratmansky in der Staatsoper Unter den Linden zur Premiere.

    Veröffentlicht am 20.10.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    STUMPFER GLANZ

    Auftakt der Saison 2018/2019 am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 29.10.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    VORÜBERGEHENDE NACHFOLGE VON ADOLPHE BINDER STEHT FEST

    Bettina Wagner-Bergelt und Roger Christmann kommen nach Wuppertal

    Veröffentlicht am 13.11.2018, von tanznetz.de Redaktion


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    GETRAGEN, GESTÜTZT, GELEITET

    Uraufführung des Pforzheimer Ballettensembles an einem ungewöhnlichen Ort

    Veröffentlicht am 12.11.2018, von Gastbeitrag


    HORROR IM KINDERZIMMER

    Silvana Schröders „Giselle“ am Theater Erfurt

    Veröffentlicht am 12.11.2018, von Boris Michael Gruhl


    ZWISCHEN KOMIK UND ELEGANZ

    16. Internationale Aids-Tanzgala in Regensburg

    Veröffentlicht am 13.11.2018, von Michael Scheiner



    BEI UNS IM SHOP