HOMEPAGE



München

ANGER MANAGEMENT – NEIN DANKE!

Anna Konjetzky kreiert mit ihrer neuen Performance "Über die Wut" ein Manifest über weibliche Wut



Audre Lorde, Greta Thunberg, Simone de Beauvoir, Clara Zetkin, Laurie Penny, Sarah Ahmed, Angela Davis, Medea, Rosa Parks und Jeanne d´Arc – sie alle sind mit im Raum, wenn Sahra Huby ihrer Wut auf der Bühne freien Lauf lässt.


  • "Über die Wut" von Anna Konjetzky; mit Sahra Huby Foto © Gabriela Neeb
  • "Über die Wut" von Anna Konjetzky; mit Sahra Huby Foto © Gabriela Neeb

Audre Lorde, Greta Thunberg, Alexandria Ocasio-Cortez, Simone de Beauvoir, Clara Zetkin, Laurie Penny, Sarah Ahmed, Angela Davis, Medea, Margarete Stokowski, Rosa Parks und Jeanne d´Arc – sie alle sind mit im Raum, wenn Sahra Huby ihrer Wut auf der Bühne freien Lauf lässt. Ihre Reden schweben über allem, als Wolke aus Papier, auf die ein sprechender Mund projiziert ist. "How dare you?" fragt die Stimme von Greta Thunberg.

"Über die Wut" ist eine Hommage und ein Aufruf. Eine Ermutigung und eine Forderung, wütend zu sein und noch wütender zu werden – besonders als Frau. Anna Konjetzkys Tanzinstallation hat ihre Uraufführung beim DANCE Festival in München in den Kammerspielen und zeigt, dass es okay ist, wütend zu sein. Es ist ein Soloabend mit der Tänzerin Sahra Huby, die mit ihrem Körper und ihrer Stimme ihrem Zorn Formen und Formulierungen gibt. Aber sie drückt nicht nur ihre eigene Wut aus, die sich lange angestaut zu haben scheint, sondern die von vielen Frauen auf der ganzen Welt, nicht nur heute, sondern über Jahrzehnte hinweg.

Sie spannt die Muskeln an, verzerrt ihr Gesicht, fletscht die Zähne und reißt die Augen auf. Sie schnauft und keucht, schlägt um sich und verpasst der Luft einen Kinnhaken. Immer wieder spielt sie mit Bewegungen, die in unserer Gesellschaft männlich konnotiert sind: mit den Fäusten auf die Brust schlagen oder mit dem Bizeps angeben. Auch wenn alles ein wenig überzogen ist, ist es keine Karikatur. Sie ahmt keine Männer nach, nein, sie kann das genauso wie sie. Sie ist genauso stark und kann genauso wütend sein. Und sie hat allen Grund dazu. Nachdem sie ihren Körper so über die Bühne geschleudert hat, steht sie am Mikro und erzählt, warum und auf was und wen sie wütend ist. Das hat viel Identifikationspotenzial.

Auf der Bühne hängen weiße Papierstreifen der Länge nach von der Decke auf den Boden. Sie erinnern an Banner oder Transparente und dienen hier als Projektionsfläche. Zwischen ihnen flackert in LED-Buchstaben das Wort WUT. Es werden Demonstrationen gezeigt, wo eben solche Banner und Schilder gehalten werden: Black Lives Matter, Enough is enough, Stop Killing Us! Ansonsten Szenen von Flucht, Waldabholzung, alte weiße Männer in Anzügen, die sich die Hände schütteln, Menschen, die über die Mauer an der Grenze zwischen Mexiko und den USA klettern - es gibt genug Gründe wütend zu sein. Aber warum sind wir es nicht? Diese Frage sollte sich beim Publikum immer wieder stellen.

Unsere Kultur ist voll von wütenden Figuren. Sie werden auf eine Leinwand in einem Bilderrahmen projiziert, der ebenfalls von der Decke hängt. Es ist nur der Körper der Tänzerin zu sehen, ihr Gesicht wird ersetzt durch aggressive Comicfiguren oder einen schreienden Jack Nicholson und Frances McDormand in "Three Billboards Ouside Ebbing, Missouri", eine der großartigsten wütenden Frauenfiguren der letzten Jahre. Der Körper von Sahra Huby unter den Bildern verzerrt sich dabei in Posen von Frustration und Rage. Ihre Beine stampfen auf den Boden ein, Fäuste fliegen durch die Luft. Sie tobt buchstäblich vor Wut. All das ist untermalt von der elektronischen Musik von Brendan Dougherty, die über den gesamten Abend hinweg perfekt unterstreicht, was auf der Bühne passiert. Sie ist hektisch und aufgeladen, manchmal elektrisierend. Sie lässt auch das Adrenalin bei den Zuschauenden steigen.

Ja, Wut ist erschöpfend. Das zeigt Sahra Huby auch. Aber was viel wichtiger ist und was zeigt, dass sich all die Energie, die man in seinen Zorn steckt, wirklich lohnt, ist die Befreiung, die danach zu spüren ist. Wenn es egal ist, dass die Gesellschaft von Frauen verlangt, eben nicht wütend zu sein und all die Unterdrückung lächelnd hinzunehmen. Die Tänzerin fliegt am Ende beinahe über die Bühne. Ihre Bewegungen sind fließender, beschwingter und leichter. Nichts ist mehr zu spüren von den verkrampften Muskelanspannungen und Gesichtsverzerrungen vom Anfang. Ihre Haare sind nicht mehr zu einem strengen Zopf gebunden, sondern offen und sie schmeißt ihren Kopf durch die Luft. Sie hat auch ihren Overall abgelegt und ist nun nackt. Ein weiterer Akt der Befreiung und gleichzeitig ein Zeichen der Selbstbestimmung.

Am Ende greift sie nochmal zum Mikro. Sie ist nicht allein, sagt sie. Sie ist hier zusammen mit all den wütenden Frauen der Geschichte. Sie nennt ihre Namen und sie laufen in Dauerschleife, bis sie den Raum völlig ausfüllen. Man ist als Frau nicht allein mit seiner Wut. Und es ist wichtig, wütend zu sein. Welche Kraft dadurch entstehen kann, zeigt Anna Konjektzkys Performance mit voller Wucht. Sie zerstört das Bild der hysterischen und zickigen Frau und setzt an ihre Stelle eine starke, zielgerichtete und zornige. Sie zeigt, dass Wut nichts Männliches ist. Wut war bisher eine Emotion, die nicht mit Frauen in Verbindung gebracht wurde. Das sollte sich ändern. Weibliche Wut ist eine Notwendigkeit, um etwas zu verändern und wir brauchen mehr davon.

Veröffentlicht am 16.05.2021, von Greta Haberer in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 768 mal angesehen.



Kommentare zu "Anger Management – nein danke! "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DIE NEGATIVE UTOPIE WIRD POSITIV

    Anna Konjetzky zeigt "The Very Moment" an den Münchner Kammerspielen.

    Die Tanzperformance ist eine multimediale Analyse des Scheiterns und der Unkontrollierbarkeit von Bewegung in kreativer Gegenwärtigkeit.

    Veröffentlicht am 23.12.2018, von Karl-Peter Fürst


    ABOUT A SESSION

    Ein Tanzstück von Anna Konjetzky Tafelhalle Nürnberg Mi 21. + Do 22. Nov 20 Uhr

    ABOUT A SESSION unternimmt die Verschmelzung von sinnlichem Erleben und Analyse und ist so ein Nachdenken über und mit dem Körper. Kann die Reflektion oder das Reden über Erregung erregen, die sexuelle Phantasie der ZuschauerInnen stimulieren?

    Veröffentlicht am 06.11.2018, von Anzeige


    NACHDENKEN MIT DEM KÖRPER

    Anna Konjetzkys „About a Session“ an den Münchner Kammerspielen

    Stark, doch ambivalent: Formalisiert getanzte Sexualität berührt dort weit mehr, wo sie als jeweiliger Höhepunkt von Liebe gezeigt wird, wie etwa in neoklassischen Stücken. Solche Sinnlichkeit ist in „About a Session“ komplett ausgespart.

    Veröffentlicht am 27.01.2018, von Karl-Peter Fürst


    DAS ICH IM RATTENRENNEN DES UNIVERSUMS

    In Anna Konjetzkys neuem Stück dreht sich alles um den Kreislauf des menschlichen Zusammenseins

    Die Sache geht in einer achteckigen Arena rund wie im Goldfischglas, links herum, links herum, links herum... und immer links herum.

    Veröffentlicht am 23.10.2016, von Isabel Winklbauer


    GEBALLTE HEINRICH-POWER

    Das Blog zum choreografisch-integrativen Projekt des Bayerischen Staatsballetts

    Am heutigen Tag hebt sich zum dritten Mal in der Muffathalle München der Vorhang für die Aufführungen des „Heinrich tanzt...!“ Projekts unter dem diesjährigen Titel "Ort 2.0(00)".

    Veröffentlicht am 24.07.2014, von Gastbeitrag


    LAUTSTARKE EXPLOSION DER GEFÜHLE

    „Lighting“, Anna Konjetzkys Koproduktion mit Vietnam, versetzt die Muffathalle in Aufregung

    Das Geschehen schießt direkt ins Bewusstsein, kein Zuschauer kann sich erwehren, selbst mit Herzklopfen auf den Rängen zu sitzen! Konjetzkys Kreation packt das Publikum zuverlässig.

    Veröffentlicht am 21.09.2013, von Isabel Winklbauer


    WIE TANZT MAN JERUSALEM?

    Die Tanzinstallation „und weil er sich dreht, kehrt der Wind zurück“ der Münchner Choreografin Anna Konjetzky hatte Premiere in der Muffathalle München

    Wie tanzt man Jerusalem? Wie kann man überhaupt eine Stadt tanzen? Das sind wohl die ersten Fragen, die einem in den Sinn kommen bei der neuen Arbeit „und weil er sich dreht, kehrt der Wind zurück“ der Münchner Choreografin Anna Konjetzky.

    Veröffentlicht am 17.01.2013, von Miriam Althammer


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    WETTBEWERBSSTART DER 16. EUROPÄISCHEN KULTURMARKEN-AWARDS

    Europas avanciertester Kulturpreis macht die gesellschaftliche Relevanz von Kultur sichtbarer
    Veröffentlicht am 23.06.2021, von Anzeige


    DIGITAL DIALOGUES

    Vom 7. bis 10. Juli werdenBremens Fassaden zur Bühne. TANZ Bremen präsentiert die DIGITAL DIALOGUES.
    Veröffentlicht am 23.06.2021, von Anzeige


    VON EKSTASE UND TOD

    Bodytalk und das Polski Teatr Tańca zeigen in Poznań ihre Pandemie-Version von "Romeo und Julia"
    Veröffentlicht am 22.06.2021, von Torben Ibs



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    THINK BIG! #8

    Tanz- und Musiktheater für junges Publikum in Schulen, auf Plätzen und in Theatern in München

    Was letztes Jahr im Rahmen des THINK BIG! Festivals geplant und nicht durchführbar war, wird in diesem Sommer in veränderter Form, live und hybrid, stattfinden.

    Veröffentlicht am 11.06.2021, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    DISTANZEN TANZEN - ZWISCHENRÄUME NEU KONFIGURIEREN

    "Human, 8 words" am Pfalztheater Kaiserslautern
    Veröffentlicht am 08.06.2021, von Leonore Welzin

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    KLEINE SCHRITTE STATT TABULA RASA

    Christian Spuck wird ab der Spielzeit 2023/2024 Intendant des Staatsballetts Berlin

    Veröffentlicht am 15.06.2021, von Pressetext


    EIN SPERRIGES WERK

    Premiere von John Neumeiers „Hamlet 21“ beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 16.06.2021, von Annette Bopp


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    KLANG- UND SCHERBENZAUBER

    „Crescendo“ – der neue Tanzabend von Stephan Thoss im Mannheimer Nationaltheater

    Veröffentlicht am 17.06.2021, von Isabelle von Neumann-Cosel


    SIDI LARBI CHERKAOUI WECHSELT NACH GENF

    Nach sieben Jahren verlässt der Choreograf das Opera Ballet Vlaanderen

    Veröffentlicht am 18.06.2021, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP