HOMEPAGE



München

ABGEKARTETES SPIEL

"Salome Tanz" von Eyal Dadon am Gärtnerplatztheater München



Mitbestimmung der Zuschauer*innen bis hin zur Manipulation des Bühnengeschehens: Eyal Dadons Experiment der Verknüpfung des Salome-Mythos mit Ego-Shooter-Ästhetik geht nicht ganz auf.


  • "Salome Tanz" von Eyal Dadon; Joel Di Stefano Foto © Marie-Laure Briane
  • "Salome Tanz" von Eyal Dadon Foto © Marie-Laure Briane
  • "Salome Tanz" von Eyal Dadon Foto © Marie-Laure Briane
  • "Salome Tanz" von Eyal Dadon Foto © Marie-Laure Briane
  • "Salome Tanz" von Eyal Dadon Foto © Marie-Laure Briane
  • "Salome Tanz" von Eyal Dadon Foto © Marie-Laure Briane
  • "Salome Tanz" von Eyal Dadon; Joel Di Stefano Foto © Marie-Laure Briane

Von Sarah Moessner

Die Ankündigung für "Salome Tanz" des israelischen Choreografen Eyal Dadon ist vielversprechend: Eine neue Bearbeitung der Geschichte von Salome mit Videospielen als ästhetischem Vorbild und aktiver Beeinflussung der Aufführungen durch die Zuschauer*innen. Das könnte eine riesige Chance sein, gerade bei den Jungen wieder mehr Interesse für das Theater und den Tanz zu generieren. Doch leider bleibt die Inszenierung hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die große Erwartung, hier einen Tanzabend live mitbestimmen zu können, das Geschehen auf der Bühne zu manipulieren, wird nur begrenzt erfüllt.

Im Laufe des 80-minütigen Stücks werden drei Fragen gestellt, bei denen das Publikum sich entscheiden darf (neben den vier Fragen, die bereits in der Produktionsphase in verklausulierter Form online zum Voting offen standen). "Will you help me?" fragt am Anfang des Abends die Figur, der man in der nächsten halben Stunde, ähnlich wie dem eigenen Charakter in einem Videospiel, folgen wird. Die Antwort ist wenig spektakulär - einstimmiges "Yes" des Publikums. Einige Zeit später wird ein männlicher Tänzer von einem anderen mit der Waffe bedroht. Das Publikum soll für ihn entscheiden: "What should I do? Dance or kneel?" - die Antwort folgt sogleich (wiederum wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass die Zuschauer*innen für eine Tanzaufführung bezahlt haben): einstimmig "Dance".

Zum Schluss wird es dann doch noch kontrovers, wenn es heißt: "Who should die? - He or she?". Da spürt man das erste Mal die eigene Entscheidungsgewalt, hat ein grausames Vergnügen dabei, sich für eine Seite zu entscheiden und fühlt sich gleichzeitig schuldig. Diese verzwickte Lage, die Verantwortung, die Schuld, das Machtgefühl, all das sind starke Eindrücke, mit denen gespielt werden könnte, die perfekte Situation, um ein Publikum durchzurütteln, aufzuwecken, zum Nachdenken anzuregen.

Doch nichts davon geschieht. Vergeblich wird nach einer direkten Reaktion des Bühnengeschehens auf das Voting der Zuschauer*innen gesucht, umsonst auf die Konfrontation jedes Einzelnen, jeder Einzelnen mit der Konsequenz seiner bzw. ihrer Wahl gewartet. Stattdessen lässt Eyal Dadon die Tänzer*innen sich alle gegenseitig umbringen, kurz darauf wieder auferstehen und schließlich bis zur Erschöpfung laut atmend auf der Stelle marschieren, bis der Vorhang fällt. Es bleibt eben doch ein abgekartetes (Computer-)Spiel in dieser Inszenierung.

Dabei ist der Anfang verheißungsvoll. Die Computerspiel-Ästhetik geht hervorragend auf und es macht wahnsinnigen Spaß, den grandiosen Tänzer*innen des Gärtnerplatz-Ensembles dabei zuzusehen, wie sie sich als Avatare, verfolgt durch eine Kamera mit Live-Übertragung, auf der Bühne bewegen und mit wie vielen szenisch-tänzerischen Einfällen es gelingt, virtuelle Realitäten zu erschaffen. Auch die Musik ist überzeugend arrangiert und changiert unter der Musikalischen Leitung von Michael Brandstätter zwischen Kammermusik und John Cage, Romantik und Minimalismus. Die Live-Abstimmung ist nahtlos in die Inszenierung eingebaut und wirkt sehr natürlich. Der Mythos, der sich um Salome spannt, birgt viele spannende Anknüpfungspunkte. Zum Beispiel auch den, dass die meisten bekannten literarischen, musikalischen und filmischen Vorlagen bzw. Adaptionen von Männern stammen. Diesen klammert Eyal Dadon in seinem Stück jedoch aus.

Gerade deshalb ist es schade, dass dieses Potential nicht ausgeschöpft wurde. Statt darauf zu vertrauen, dass die andersartige Ästhetik und die direkte Einbindung der Zuschauer*innen in Verbindung mit Salomes Geschichte Spannendes und Neues hervorbringen könnten, fällt "Salome Tanz" in altvertraute Muster. Als Zuschauer*in fühlt man sich in diesem Partizipationsexperiment leider zu wenig wahrgenommen oder wertgeschätzt, sondern eher übergangen.

Veröffentlicht am 05.03.2020, von Gastbeitrag in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 492 mal angesehen.



Kommentare zu "Abgekartetes Spiel "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    CORONA-KRISE IN DER TANZPÄDGOGIK

    Tanzpädagog*innen massiv in ihrer Existenz bedroht
    Veröffentlicht am 29.03.2020, von Pressetext


    KULTUR IST SYSTEMRELEVANT

    Wir aktualisieren täglich: Soforthilfe für Künstler*innen in Corona-Krise
    Veröffentlicht am 21.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Wir aktualisieren täglich: Die digitale Tanzwelt erblüht
    Veröffentlicht am 20.03.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SNOW WHITE

    SCHNEEWITTCHEN ALS INFLUENCERIN

    Mit Fredrik RydmansSnow White feiert eine zeitgemäße Neu-Interpretation des Klassikers ihre Deutschlandpremiere im Deutschen Theater München und zeigt ein schonungsloses Porträt der heutigen Zeit: Unser Kampf gegen das Altern, gegen Einsamkeit, gegen die Sucht nach Bestätigung – Snow White, eine Instagram-Ikone, hält uns den Spiegel des digitalen Zeitalters vor.

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt
    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CLEARINGSTELLE FÜR BERLIN

    Neues zu den Vorwürfen an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 30.01.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Wir aktualisieren täglich: Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KULTUR IST SYSTEMRELEVANT

    Wir aktualisieren täglich: Soforthilfe für Künstler*innen in Corona-Krise

    Veröffentlicht am 21.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    EIN JAHRHUNDERT-LEBEN FÜR DEN TANZ

    Die Tänzerin und Pädagogin Ingeborg Kölling verstarb am 16. Februar

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von Gastbeitrag


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    LIAM SCARLETT MUSS GEHEN

    Royal Ballet trennt sich vom Hauschoreografen

    Veröffentlicht am 26.03.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP