KRITIKEN 2019/2020



München

GRUPPENDYNAMIK MIT SONNENBRILLE

„Schön Anders“ von Ceren Oran macht Spaß auch für erwachsenes Publikum



Choreograf*innen jonglieren gern mit Formaten. Da ist die Istanbulerin Ceran Oran keine Ausnahme. Seit Juni 2014 lebt sie in München. Neben Uraufführungen in der freien Szene hat sie sich seitdem mit Tanztheater für Kinder einen Namen gemacht.


  • SCHÖN ANDERS von Ceren Oran Foto © Pavlo Kochan
  • SCHÖN ANDERS von Ceren Oran Foto © Tania Bloch

Ceran Oran choreografiert für Kinder ab sechs Jahren. Ihr 40-Minüter „Schön Anders“ hatte am 6.2.2020 im Münchner Theater HochX Premiere. Spaß dran haben auch ausgewachsene Zuschauer. Absolut bezaubernd gelungen waren schon in den letzten Jahren – nicht nur für alle ganz Kleinen: „Sag mal…“ und „Elefant aus dem Ei“.

Zum Jahresausklang erprobte sie sich inmitten von Dritt- und Viertklässlern mit einem mobilen Klassenzimmerstück. Nun will Oran die Kids ab sechs in die magische Welt eines Theaters mit Sound und Licht einladen. Ihre Beobachtungs- und Assoziationsgabe durch rein zeitgenössisches Bewegungsvokabular anregen. Sensibilisieren – ausdrucksstark und technisch auf Eins-A-Niveau – das kann sie gut.

Es lässt einen kindsköpfig staunen, wie die 35-Jährige – oft Tänzerin, Choreografin und Soundpainterin in Personalunion – liebevoll an ihren Arbeiten feilt und dabei stets zu inhaltlicher Konzentration auf einen bestimmten Fokus findet. Oder konsequent das Spiel mit einem Requisit auf die Spitze möglicher Einsatzvarianten treibt. In einer Art und Weise, die sich selten allzu weit vom Tanz als Medium und vermittelndem Element der Kommunikation zwischen Performern und Zuschauern entfernt.

So entspinnt sich in „Schön Anders“ eine charmant-amüsante motorische Abhandlung über Verhalten in der Gruppe und Anderssein, über Identitätsfindung und Zusammengehörigkeit. Humorvoll-abstrakt und tänzerisch eindrücklich aufbereitet mithilfe von Sigrid Wurzingers bloß farblich uniformen Kostümen und Komponist Benny Omerzell live am Key- und klopftönigen Soundbord.

Leitmotivisch werden erst Sonnenbrillen, später ein grell oranger Stuhl eingesetzt. Egal welches Alter ihre Zielgruppe gerade hat, immer begegnen Oran und ihre Protagonist*innen dem Publikum auf Augenhöhe und mit starker, ganzkörperlicher Präsenz. Neben Oran selbst, die die eigene Haarpracht als individuellen Kontrapunkt entdeckt, lösen sich ihr aus Israel stammender Projektpartner Roni Sagi sowie Maria Casares González, Jin Lee und Jovana Zelenović immer wieder schön anders aus dem kollektiven Verbund. Drei Tänzerinnen, die es wie Choreografin Ceren Oran ausgezeichnet verstehen, sich non-verbal mittels Gesichtsmimik, unterschiedlicher Schritt- und Gestenmuster auszudrücken. Das provoziert bisweilen große Heiterkeit und kommt im Saal definitiv gut an.

Veröffentlicht am 10.02.2020, von Vesna Mlakar in Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 4056 mal angesehen.



Kommentare zu "Gruppendynamik mit Sonnenbrille"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EIN EMOTIONALES PFLASTER

    Uraufführung von Ceren Orans "Geschichten in Blau"

    Ceren Orans neues Tanzstück für junges Publikum deutet in ihrer bisher persönlichsten Arbeit mit überaus poetischen Bildern familiär-emotionale Landschaften aus.

    Veröffentlicht am 12.10.2021, von Vesna Mlakar


    TIME IS RUNNING

    In München ist die Performance „Rush Hour“ von Ceren Oran im Schwere Reiter zu sehen

    Darin erforscht die Choreografin mit zwei Performern und einer Performerin das Problem der Überforderung im modernen Leben.

    Veröffentlicht am 25.06.2017, von Natalie Broschat


     

    AKTUELLE NEWS


    GROßER KUNSTPREIS DES LANDES SALZBURG GEHT AN SZENE INTENDANTIN

    Eine dreiköpfige Jury prämiert Angela Glechner mit dem renommierten Preis im Bereich Darstellende Kunst
    Veröffentlicht am 02.12.2021, von tanznetz.de Redaktion


    JOHN CRANKO STIFTUNG GEGRÜNDET

    Das bedeutende Werk des Choreografen ist somit gesichert und kommt zudem der John Cranko Schule zugute
    Veröffentlicht am 19.11.2021, von tanznetz.de Redaktion


    PINA BAUSCH FOUNDATION PRÄSENTIERT ONLINE-ARCHIV

    Mit Filmen, Fotos und Originaldokumenten die Choreografin und ihr Werk entdecken
    Veröffentlicht am 02.11.2021, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    „ZWEI BALLETTE - EIN ABEND - STRAWINSKY!

    PETRUSCHKA und LE SACRE DU PRINTEMPS am 3. Dezember 2021

    Gleich zwei wegweisende Ballette der Moderne stehen ab dem 3. Dezember 2021 auf dem Programm des Ballett Dortmund.

    Veröffentlicht am 15.11.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    REDEBEDARF

    Diskussion zu Macht und Diskriminierung im Kulturbetrieb am Berliner Staatsballett
    Veröffentlicht am 09.11.2021, von Bernd Feuchtner


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    REDEBEDARF

    Diskussion zu Macht und Diskriminierung im Kulturbetrieb am Berliner Staatsballett

    Veröffentlicht am 09.11.2021, von Bernd Feuchtner


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    IN BERLIN FÄLLT WEIHNACHTEN AUS

    Das Staatsballett Berlin streicht „Nussknacker“ aus seinem Programm

    Veröffentlicht am 30.11.2021, von Bernd Feuchtner



    BEI UNS IM SHOP