GALLERY



Pforzheim

AUF DER SUCHE

Premiere von „Die vier Jahreszeiten“ am Stadttheater Pforzheim



Guido Markowitz' Ensemble zittert, zögert, kämpft, stößt und huscht durch die vier Jahreszeiten, die - rekomponiert von Max Richter - ineinander verschwimmen und ein düster-schwermütiges Bild menschlicher Existenz zeichnen.


  • „Die vier Jahreszeiten“ am Stadttheater Pforzheim; Elias Bäckebjörg und Alba Valenciano Lopez Foto © Andrea D’Aquino
  • „Die vier Jahreszeiten“ am Stadttheater Pforzheim; Yannis Brissot und Abraham Rodríguez Iglesias Foto © Andrea D’Aquino
  • „Die vier Jahreszeiten“ am Stadttheater Pforzheim; Alex Ferro und Elias Bäckebjörg Foto © Andrea D’Aquino
  • „Die vier Jahreszeiten“ am Stadttheater Pforzheim; Abraham Rodríguez Iglesias (Mitte) und Ensemble Foto © Andrea D’Aquino
  • „Die vier Jahreszeiten“ am Stadttheater Pforzheim Foto © Andrea D’Aquino

Von Susanne Roth

Die zarten Saiten, die werden von der Solistin Maria Gawrilenko bedient. Die Geigerin der Badischen Philharmonie Pforzheim steht sogar ein paar Minuten lang mitten auf der Bühne, umwogt von tanzenden Körpern. Ansonsten gibt es weniger Schwelgen in harmonischen Klängen in den 2012 von Max Richter „rekomponierten“ vier Jahreszeiten von Vivaldi. Ballettdirektor Guido Markowitz betritt mit seinem Ensemble neues Terrain, und dieses ist überwiegend düster, schwermütig, von nur wenigen leichten Momenten gezeichnet, auch farblich. Der Frühling kommt mit Pastelltönen als zarte Andeutung in den Kostümen, die aber von eher dunklen oder auch silbrig glänzenden kalten Tönen verschlungen werden. Auch das reduzierte Bühnenbild gibt durch seine transparenten und flexiblen „Vorhänge“ einen mal abstrakten, mal gegenständlichen, oft organischen Accessoire-haften Beigeschmack. Gleich zu Beginn erinnert das transparente Bild vor allem wohl Pforzheimer an die Zerstörung ihrer Stadt am 23. Februar 1945. Der jährliche Gedenktag erhält die Bilder lebendig.

Im Prinzip setzt Guido Markowitz seine Linie fort. Beim Tanzstück „Metamorphosen“ ist ein von der Liebe zermürbtes Paar an den Wolkenkratzern der Großstadt zerschellt. Die Individualität zerfällt, der Mensch geht an sich selbst kaputt. Er fällt, er zittert, er versucht, sich krampfhaft an seinem Gegenüber festzuhalten, wird von seiner sozialen Umgebung getragen und dann doch niedergetrampelt. Auch nun zittert, zögert, kämpft, stößt, huscht das Ballettensemble in meist modernen, aggressiven, abgehackten und nur ab und zu an klassisches Ballett erinnernden Bewegungen durch die vier Jahreszeiten. Diese verschwimmen ineinander. Etwas vom Sommer taucht im Winter auf. Der Frühling ist nur ein Schatten. Und gekämpft wird immer, ums Überleben.

Im Mittelpunkt steht Tänzer Abraham Iglesias Rodriguez – mal mit seiner Begleiterin Soraya Leila Emery, mal ohne. Immer aber und ganz offenbar nach dem Sinn des Lebens Ausschau haltend. Sein suchender Gesichtsausdruck, seine verkrümmte Haltung, die in wenigen Augenblicken federleicht nach oben Richtung Glückseligkeit strebt und dabei die Schwerkraft zu überwinden scheint - ist es doch die Mühsal des Lebens, die an seinen Füßen zerrt, ihn hinabzieht, sich in seiner Verzweiflung wälzend. Um ihn herum tobt das Leben, braune, ameisengleiche Körper wuseln über die Bühne. Dann: Stille. Man kann den imaginären Schnee, den das Ensemble in die Luft wirft fast fallen hören. Elias Bäckebjörk umspannt kraftvoll die Bühne, er sieht aus wie ein silberner Ritter, mit einer glänzenden Maske, die außer seinem haarigen Pferdeschwanz nichts von seinem Kopf freilässt. Es wird ein ungleiches Ringen und doch steht Abraham Iglesias Rodriguez immer wieder auf. Taumelnd zwar, aber er steht.

Zum dritten Mal hat Markowitz den Chefdesigner von Hugo Boss, Marco Falcioni, eingebunden. Herausgekommen sind auffällige, mit glänzenden Partien bestimmte Muskelgruppen hervorhebende und durch ihre Raffungen Fell imitierende Kostüme. Weite Beinkleider geben die nötige Bewegungsfreiheit. Lediglich die Partnerin des Solo-Tänzers wird immer wieder ausgebremst, wenn sie ihren mit schweren, rasselnden Pailletten benähten schwarzen Schurz tragen muss.

Am Ende hat Abraham Iglesias Rodriguez ein ganzes Leben tänzerisch erzählt. Das macht er großartig. Und das nicht nur mit dem Körper, das Gesicht tanzt mit.

Veröffentlicht am 26.01.2020, von Gastbeitrag in Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 3276 mal angesehen.



Kommentare zu "Auf der Suche"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    GEWINNBRINGENDES EXPERIMENT

    Das URBAN THEATER PFORZHEIM LAB ist ein voller Erfolg

    In diesem, vom Land Baden-Württemberg geförderten Projekt, erforscht das Ballettensemble des Theaters Pforzheim gemeinsam mit 14 urbanen Tänzer*innen aus ganz Baden-Württemberg neue Bewegungsformen.

    Veröffentlicht am 03.10.2020, von Gastbeitrag


    KÖRPER WIE SCHMUCK – SCHÖN, ZERSPLITTERT, STÄHLERN

    Guido Markowitz und Damian Gmür kreieren ein neues Ballett für einen besonderen Ort in Pforzheim

    Das Ballett Theater Pforzheim versinnbildlicht in „Perfekt unperfekt“ für das Schmuckmuseum Pforzheim die Rush Hour des Lebens und liefert atemberaubenden Tanz

    Veröffentlicht am 05.11.2018, von Anzeige


    ANGSTFREI

    In Pforzheim wird das "Mozart-Requiem" vertanzt

    Guido Markowitz, seit zwei Spielzeiten Direktor des Ballett Theater Pforzheim, gelingt in seiner Interpretation der Zugriff auf ein klassisches Werk mit konsequent zeitgenössischer Bewegungssprache und multimedialer Inszenierungsweise.

    Veröffentlicht am 25.06.2018, von Alexandra Karabelas


    WECHSEL IN TANZSPARTE AM THEATER PFORZHEIM

    Guido Markowitz wird Ballettdirektor und Regisseur

    Der 45-jährige Österreicher hat seine Karriere als Tänzer an der Bayerischen Staatsoper München begonnen und war festes Ensemblemitglied an den Städtischen Bühnen Münster sowie am Staatstheater Darmstadt.

    Veröffentlicht am 17.10.2014, von Pressetext


     

    LEUTE AKTUELL


    VIELSEITIGKEIT IN PERSON

    Twyla Tharp wird 80 Jahre alt
    Veröffentlicht am 05.07.2021, von Pressetext


    TÄNZER*INNEN VON HEUTE UND MORGEN

    Ein Zoom-Interview mit den Geschwistern Julian MacKay, Nicholas MacKay, Nadia Khan und Maria Sascha Khan.
    Veröffentlicht am 02.07.2021, von tanznetz.de Redaktion


    CARLA FRACCI VERSTORBEN

    Die italiensiche Tänzerin und Ballettdirektorin ist im Alter von 84 Jahren gestorben
    Veröffentlicht am 28.05.2021, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    LINES & SIGNS

    Die TANZWERKSTATT EUROPA in München wird 30!

    Joint Adventures präsentiert in der Jubiläumsausgabe vom 21. Juli – 6. August 2021 Workshops & Performances

    Veröffentlicht am 17.07.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    KOEGLERNEWS 10

    Was nicht in den deutschen Zeitungen und Zeitschriften steht

    Veröffentlicht am 10.08.2009, von oe


    TRAGISCHER VERLUST FÜR DIE TANZWELT

    Colleen Scott unerwartet verstorben

    Veröffentlicht am 10.05.2021, von tanznetz.de Redaktion


    LIAM SCARLETT SUSPENDIERT

    Vorwurf des sexuellen Missbrauchs

    Veröffentlicht am 31.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    TÄNZER*INNEN VON HEUTE UND MORGEN

    Ein Zoom-Interview mit den Geschwistern Julian MacKay, Nicholas MacKay, Nadia Khan und Maria Sascha Khan.

    Veröffentlicht am 02.07.2021, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP