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Regensburg

KÖRPER FLIEGEN ÜBEREINANDER

Overhead Project bei den Regensburger Tanztagen



Das in Köln und Freiburg ansässige „Overhead Project“ um den Choreografen Tim Behren punktet in Regensburg mit phänomenalem Mix aus Tanz, Akrobatik und reflexiver Bewegungssprache.


  • Overhead Project bei den Regensburger Tanztagen: „(How To Be) Almost There“ von Tim Behren und Florian Patschovsky Foto © Michael Scheiner
  • Overhead Project bei den Regensburger Tanztagen: „My Body Is Your Body“ mit Leon Börgens, Leonardo García und Mijin Kim Foto © Michael Scheiner

Zum Abschluss der diesjährigen Tanztage in Regensburg hat Intendant Hans Krottenthaler vom Kulturzentrum Alte Mälzerei den Choreografen Tim Behren mit der Compagnie Overhead Project eingeladen. Im Theater der Universität brachten sie zwei Stücke auf die Bühne, die sich diesmal in der Mitte zwischen aufsteigenden Rängen befand. So hatte das Publikum keinen schwarzen Vorhang – wie gewohnt – oder eine leere dunkle Tanzfläche vor Augen, sondern ein Gegenüber.

Statt (nur) KünstlerInnen zu beobachten, zu taxieren und abzuschätzen, gewissermaßen auch einem kulturellen Voyeurismus zu huldigen, konnte man zunächst sich selbst im Anderen erblicken. Daraus ergaben sich neue Perspektiven, weil jede Zuschauerseite etwas anderes im Blick hatte, als die gegenüberliegende. Zudem wurde mit dieser Anordnung eine ungewohnte räumliche Situation geschaffen, die auch die Beziehung zwischen Akteuren und Rezipienten veränderte.

Das ungleiche Trio in „My Body Is Your Body“ trug diesem Aspekt gleich am Anfang seiner bravourösen Show aus Tanz, Akrobatik und reflexiver Bewegungssprache Rechnung. In farblich voneinander abgesetzten modischen Anzügen traten sie vor die Zuschauenden, beäugten, taxierten und schienen sie auch zu kontrollieren. Im Hintergrund eskalierte eine undefinierbare Musik aus Gezirpe, Geräuschen und Zischen ganz sacht die latent ungemütliche Stimmung. Daraus entwickelte sich ein dynamisch-kraftvolles Spiel aus Hand- und Schulterständen, aus Wanken und Stürzen und präzisen Sprüngen, die mitten in der Bewegung gestoppt und zurückgeworfen wurden. Dieser schweißtreibende physische Akt nahm das Publikum in Beschlag. In spiegelnden Aktionen wurde es dabei immer mal wieder auf sich zurückgeworfen. Die Tänzer, das aus Belgien stammende Akrobatenduo Leon Börgens und Leonardo García, und die Kölner Tänzerin Mijin Kim, reizten im Raum zwischen den Zuschauerblöcken ihre Grenzen aus. Sie legten ihre Jacketts und anschließend die Oberbekleidung ab, konfrontieren das Publikum mit Nacktheit und schweißglänzenden Oberkörpern. Nach einem von sehr lauter elektronischer Musik vorangetriebenen aufgepeitschtem Solo Kims, welches an kommerzielle Erotikperformances denken ließ, stürzten sich die beiden Männer in einen Kampftanz ritueller Männlichkeitsgesten und Maskulinitätsgehabe.

Beim Abgang eines Tänzerakrobaten übernahm Kim mit unverhohlener Angriffslust dessen Rolle und stellte die erwartbaren Geschlechterklischees nicht nur einfach in Frage, sondern mit kühl distanzierender Miene auf den Kopf. Einer nach der anderen kleidete sich wieder an und die Körper flogen erneut übereinander, stürzten aufeinander zu und türmten sich in vertikaler Aufwärtsbewegung zu einer berührenden Zärtlichkeit und Poesie. Dabei scheint sich die Choreografie in einer Rückwärtsbewegung zu wiederholen, um am Ende am Ausgangspunkt zu landen.

Auf manchen Zuschauenden sich noch intensiver wirkte das Duett „(How To Be) Almost There“ von Tim Behren und Florian Patschovsky, den Gründern des Projekts. In einer wüsten Landschaft umgeworfener Stühle solennisierten die beiden Tänzerakrobaten dieses emotional packende Männerduett voller Passion und Hingabe. Während der eine zum Aktiven wird, auf den anderen zugeht, ihn herausfordert, anregt, auch demütigt, fängt ihn der andere auf. Er stützt und trägt ihn, fängt ihn, als er kopfüber ins Lock springt und das trotz seiner zunehmenden Schwäche. Zur grandiosen Musik von Akkordeonvirtuose Kimmo Pohjonen brechen bei diesem kühnen Mix aus fordernden Sprüngen und zärtlichem Auffangen Emotionen auf wie Blasen. Der tosende Applaus – in beiden Geschichten mehr als verdient. Dieser Tanzabend war ein Erlebnis ganz eigener Klasse – phänomenal und atemberaubend.

Veröffentlicht am 03.12.2019, von Michael Scheiner in Homepage, Kritiken 2019/2020

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Kommentare zu "Körper fliegen übereinander"



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