KRITIKEN 2019/2020



Dresden

KLARE KANTE

„Heim@“: Massimo Gerardi verortet seine TänzerInnen im Bauhaus



Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums haben Studierende der Bauhaus-Universität Weimar in einer Raum-Installation die Grundlinien des Büros von Walter Gropius rekonstruiert - Gerardi hat sich diese mit dem Bodhi Project tänzerisch angeeignet.


  • „Heim@“: Massimo Gerardi verortet seine TänzerInnen im Bauhaus Foto © Ian Whalen
  • „Heim@“: Massimo Gerardi verortet seine TänzerInnen im Bauhaus Foto © Ian Whalen
  • „Heim@“: Massimo Gerardi verortet seine TänzerInnen im Bauhaus Foto © Ian Whalen

Es gilt als vermeintliches Credo einer nervösen, unruhigen Gesellschaft: Man müsse jetzt klare Kante zeigen. Was gerade im Begriff ist, zur Floskel verwischt zu werden, hätte genauso gut das Leitmotiv der Bauhaus-Bewegung sein können. Kaum eine Strömung ist so stark von Geradlinigkeit, Schnörkellosigkeit und rechten Winkeln beeinflusst.

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Schule haben Studierende der Bauhaus-Universität Weimar unter der Projektleitung von Julia Heinemann in einer Raum-Installation die strukturierenden Grundlinien des Büros von Walter Gropius, dem legendären Direktor, rekonstruiert. Noch bis zum 9. Dezember steht diese im Foyer des Hygienemuseums in Dresden, bevor sie nach Siena weiterreist.

Nur zwei Teilflächen assoziieren die Wände, alle anderen Flächen existieren nur in ihrer Umrahmung durch die Stahlkonstruktion. In diesem „Raum“ finden sich weiße, offene Quader unterschiedlicher Größe, die das ursprüngliche Mobiliar des Direktorenzimmers schematisch andeuten. Rechte Winkel, soweit das Auge reicht. Dabei mag man kaum glauben, dass diese Installation tatsächlich nicht für dieses Foyer geschaffen wurde. Die rechten Winkel werden in den raumhohen Rückfenstern zum Innenhof reflektiert, die selbst die gleiche Klarheit ausstrahlen. Tatsächlich findet sich auch in den quadratischen Bodenfliesen in altrosé fast der gleiche Farbton wie auf den beiden einzigen Flächen des Gropius-Raums. Rein zufällig gleicht ein Bereich hinter der Konstruktion tatsächlich auch dem Gang vor dem eigentlichen Raum an der Universität, wie Julia Heinemann im Hygienemuseum feststellen musste.

Diesen von Ratio geprägten Raum im Raum eignet sich der italienische Choreograf Massimo Gerardi mit sechs Tänzerinnen und Tänzern der österreichischen Compagnie Bodhi Project an. Und sofort wird deutlich: Der Mensch selbst verfügt über keinen rechten Winkel. Begleitet von einer unaufdringlichen, aber trotzdem strukturierenden Musik von Dirk P. Haubrich tasten sich die Performenden vorsichtig in einen unbekannten Raum, um ihn, nach etwa einer halben Stunde, tatsächlich zur eigenen „Heim@“ zu machen, wie der Titel der Choreografie suggeriert. Sie suchen und entdecken den Raum zögerlich, ganz offensichtlich nicht ohne zeitweilige innere Widerstände. Damit wird die Konstruktion auch innerlich reflektiert. Dass die Kostüme der Tänzerinnen und Tänzer dabei jeweils einfarbig sind, erklärt sich geradezu als konsequente Fortführung der äußerlichen Aufgeräumtheit des Raumes.

Genauso konsequent erfolgt auch die Eroberung des Raumes. Wenn sich die Performenden das „Mobiliar“ zu eigen machen, kann es über kurz oder lang nicht ausbleiben, dass die rechten Winkel gebrochen, die Möbel verschoben werden. Und so kommt es schließlich auch. Am Ende steht alles schief im Raum, quer übereinander. Dieses simple Bild hat geradezu etwas Anarchisches angesichts der umgebenden Strenge.

Diese Performance im offenen Foyer des Hygienemuseums zu zeigen, geht auch atmosphärisch auf. Während sich das Publikum auf das Geschehen konzentriert, kommen immer mehr BesucherInnen hinzu, rein zufällig, Kinder lärmen im Hintergrund, entdecken die Aktion und nehmen den Raum schließlich so ganz für sich wahr. Dadurch beginnen die ganzen rechten Winkel plötzlich ein Eigenleben zu entwickeln.

Veröffentlicht am 24.11.2019, von Rico Stehfest in Kritiken 2019/2020

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