HOMEPAGE



München

HURRA!

"Unstern" von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München



Die Tanzperformance "Unstern" beschäftigt sich mit der gewaltbereiten Gesellschaft kurz vor der Katastrophe.


  • "Unstern" von Moritz Ostruschnjak mit Eli Cohen, Antoine Roux-Briffaud, Gaetano Badalamenti und Lazare Huet Foto © Jubal Battisti
  • "Unstern" von Moritz Ostruschnjak; Antoine Roux-Briffaud und Lazare Huet Foto © Jubal Battisti
  • "Unstern" von Moritz Ostruschnjak; Lazare Huet Foto © Jubal Battisti
  • "Unstern" von Moritz Ostruschnjak mit Lazare Huet, Eli Cohen, Antoine Roux-Briffaud und Gaetano Badalamenti Foto © Jubal Battisti
  • "Unstern" von Moritz Ostruschnjak mit Eli Cohen, Antoine Roux-Briffaud, Gaetano Badalamenti und Lazare Huet Foto © Jubal Battisti
  • "Unstern" von Moritz Ostruschnjak mit Lazare Huet, Eli Cohen, Antoine Roux-Briffaud und Gaetano Badalamenti Foto © Jubal Battisti
  • "Unstern" von Moritz Ostruschnjak; Eli Cohen und Antoine Roux-Briffaud Foto © Jubal Battisti

Aaaaaaaaahhhhhh!!! Zwei Männer schreien sich gegenseitig an. Werden dabei immer lauter. Laufen währenddessen langsam aufeinander zu. Bis sie sich irgendwann ganz nah gegenüberstehen, weiterhin schreien und tief in die Augen blicken. Ihre Münder treffen sich. Es sieht aus, als ob sie sich gegenseitig beatmen würden. Die beiden legen sich auf den Boden, die Münder immer noch verbunden. Und dort bleiben sie erst einmal liegen.

So beginnt „Unstern“, die neue Tanzperformance von Moritz Ostruschnjak, die im Schwere Reiter ihre Premiere feierte. Der Titel ist die Bezeichnung für ein schlechtes Omen und das Programmheft besagt, dass die Performance „in kaleidoskophaften Szenen den Moment vor der Katastrophe beleuchtet; jene Melange aus Gewaltbereitschaft, nationalistischer Propaganda, beginnendem Kriegsgeheul, Machismo und Verunsicherung“. Eigentlich sollte das Stück wie der kriegseuphorische Schlachtruf „HURRA!“ heißen. Doch änderte sich dies während der Proben und der Fokus ging von den Mechanismen kollektiver Gewalt, die durch die Verbindung von Live-Musik und Tanz dargestellt werden sollten, hin zur Betrachtung des Aufkeimens eines universellen und aktuell-zukünftigen Unheilsgefühl in der Gesellschaft mit historischer Rückschau.

Und so ändern sich denn auch die auf der Bühne Liegenden. Eine der beiden Personen wird ausgetauscht und verharrt in gleicher Position auf dem Boden. Bis die zweite ebenfalls ausgetauscht wird; bald tanzen sie durch den Raum, sind stets über den Mund miteinander verbunden, dem Körperteil der Sprache und des Atems und verrenken sich ohne voneinander abzulassen. Auf die Thematik der Performance übertragen: Abstrakt wird perfides Gedankengut unablässlich weitergegeben, aufrecht erhalten und aus Gemeinschaften genährt, die beinahe nach Erlösung in gleichgesinnten Gruppen suchen. In „Unstern“ sind das eben nationalistische, faschistische und rassistische mit gewaltbereiten Mechanismen. Tagesaktuell also.

Die vier tollen PerformerInnen - Eli Cohen, Antoine Roux-Briffaud, Gaetano Badalamenti und Lazare Huet - verkörpern diese Inhalte von Disziplin, Manipulation, Dominanz, Macht und Unterwerfung und Uneigenständigkeit. Neben ganz einfachem Hinterherlaufen werden hervorragende tänzerische Bilder gefunden. Beispielsweise halten sich die PerformerInnen die flachen Hände über dem Kopf zusammen und eröffnen so die Interpretation zur Kutte des Ku-Klux-Klans, dem Inbegriff der rassistischen Vereinigung. Oder sie bilden in Gemeinschaft mit ihren Fingern sternförmige Symbole, die sie als Gruppe definiert und eint. Parallelen zum Dritten Reich sind schnell hergestellt.

Die stärkste Szene in „Unstern“ ist jedoch die, in der sich Antoine Roux-Briffaud elegant von rechts nach links über die Bühne bewegt; den einen Arm nach vorne gestreckt und zur Faust geballt, den anderen nach hinten. Er trippelt, schüttelt den Kopf und verändert seine Laufgeschwindigkeit. Er ist Reiter und Pferd zugleich. Ein autoritärer Zentaur. Napoleon und sein Pferd Marengo in einem. Diese Assoziation ist gut aufgebaut, sang Roux-Briffaud kurz zuvor ja noch „Le chant du départ“, das Kriegslied von 1794, das die Bereitschaft propagiert für das französische Vaterland zu sterben und sich der Republik zu verschreiben. Unter Napoleon war es sogar französische Nationalhymne. Diese feine, durchdachte Szene lässt jedoch auch Interpretationen zum Sonnenkönig, zu Dressur, Zwang, Macht, Kampf und Krieg zu. Alles auf einmal ist aus diesem Bild ab- und reinlesbar. Es taucht später nochmals auf, als alle vier PerformerInnen gemeinsam diese Bewegungen ausführen und sich so zum Hofstaat oder zur Gefolgschaft und Anhängerschaft machen.

Unterstützt wird dieses choreografische Kaleidoskop von „Unstern“ durch eine riesige Leinwand an der hinteren Bühnenwand, auf der etliche Fotos abgespult werden. Projektionen von Krisen, Krieg, Katastrophen, Zerstörung und immer wieder Waffen. Alles was tagtäglich stattfindet und in der medial dominierten Welt sichtbar und von jedem einsehbar ist.

Hat sich Ostruschnjak in seinem letzten Stück „BOIDS“ (2017) mit der Zukunft beschäftigt, so kehrt er in „Unstern“ wieder zurück zu einer aktuellen Bestandsaufnahme mit teils historischen Rückblicken. In „Text Neck“ (2016) beschäftigte er sich mit der Beeinflussung des Digitalen auf den Menschen. In den drei Stücken ist sein Team stets das Gleiche geblieben: Renate Ostruschnjak für die Kostüme, Daniela Bendini für die choreografische Unterstützung und Tanja Rühl für das stets tolle Lichtkonzept. In der neuesten Kreation setzt sie beispielweise mithilfe von LED-Scheinwerfern Akzente, Punkte, Kapitelenden. Das passt gut zur episodenhaften Form der gesamten Tanzperformance.

Doch gerade bei diesem Thema, hätte es absolut nicht geschadet einiges wegzulassen. Neben Fotos, Videos von Moritz Stumm, Texttafeln und der Musik sind viele verschiedene Bewegungen, auch popkulturelle Tanzstile, erkennbar. Wie beispielsweise die besonderen Moves medienwirksamer Stars wie Miley Cyrus (rausgestreckte Zunge, „I came in like a wrecking ball“) und Beyoncé (wackelnder Arsch). Deren Musikvideos und Fanbotschaften freilich über Massenmedien wie Instagram und YouTube verbreitet werden und dort ihre begeisterte Anhängerschaft finden. Ein Link zur Massenbeeinflussung und Manipulation der Gesellschaft durch bekannte Gesichter in der Werbung.

„Unstern“ zeigt gängige, menschliche und sozialpsychologisch erklärbare Methoden, Mechanismen und Phänomene, die in Pop, Propaganda und Politik zu finden sind. Doch wie schützt man sich davor? Wie geht man damit um? Gerade auch vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen wie denen im Osten der deutschen Bundesrepublik? Durch Information? Durch Reflektion? Durch Diskussion? Bestimmt. Aber auch durch Tanzperformances, die in die Tiefe gehen, anklagen, konfrontieren und anstoßen. „Unstern“ von Moritz Ostruschnjak ist eine davon. Am Ende gibt es dafür begeisterten Applaus. Es war ein wundervoller Abend, ein fröhliches Hurra!

Veröffentlicht am 14.09.2018, von Natalie Broschat in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 5887 mal angesehen.



Kommentare zu "Hurra!"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

    30 Jahre Tanzwerkstatt Europa

    Die einzigartige Tanzwerkstatt Europa von Walter Heun feiert ihr Jubiläum mit verschiedensten Performances und Workshops

    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Vesna Mlakar


    SUBTIL RASANT

    YESTER:NOW als Film on Demand

    Aus dem Nichts tauchen unvermutet Dhélé Agbetou, Guido Badalamenti, Daniel Conant, Quindell Orton, Roberto Provenzano und Magdalena Agata auf. Eine superstarke Mannschaft, die Ostruschnjak hier unter dem pulsierenden Soundmix von Jonas Friedlich kongenial zusammengeschweißt hat.

    Veröffentlicht am 31.03.2021, von Vesna Mlakar


    THEMATISCHER ÜBERBAU VOR KÜNSTLERISCHER FORM

    Ein Rückblick auf die Tanzplattform 2020

    Politisch aktuell, konzeptionell ambitioniert, aber künstlerisch durchwachsen. So fällt die Bilanz der Tanzplattform 2020 aus. Ein Rückblick auf die Ausgabe in München.

    Veröffentlicht am 09.03.2020, von Peter Sampel


    HYPE PUR – LIVE UND DIGITAL VERLINKT

    Uraufführung „Autoplay“ von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München

    Macht Spaß und nachdenklich zugleich: Er ist nicht der Erste, der sich für ein Stück im Netz bedient. Doch Respekt dafür, wie aus lauter kompilierten Fundstücken und vier ganz verschieden famosen TänzerInnen choreografische Kunst entsteht.

    Veröffentlicht am 18.11.2019, von Vesna Mlakar


    DIE ZUKUNFT KANN KOMMEN

    BOIDS von Moritz Ostruschnjak im Schwere-Reiter

    Die neue Arbeit von Moritz Ostruschnjak ist wieder hypnotisierend und erinnert teilweise an den Stil der israelischen Tanzgrößen Ohad Naharin und Sharon Eyal

    Veröffentlicht am 04.10.2017, von Natalie Broschat


    EINE MAGISCHE STUNDE

    Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München

    Im digitalen (N)Irgendwo: Die Performance "TEXT NECK" hinterfragt zu Musik von 48nord soziale Interaktionen im 21. Jahrhundert und liefert damit das tänzerische Abbild einer digital verwirrten Gesellschaft.

    Veröffentlicht am 10.12.2016, von Natalie Broschat


     

    LEUTE AKTUELL


    "EIN BALLETT PER SKYPE EINZUSTUDIEREN IST UNMÖGLICH"

    Ein Gespräch mit Pierre Lacotte über sein neues Ballett "Rot und Schwarz" nach dem Roman von Stendhal
    Veröffentlicht am 15.10.2021, von Julia Bührle


    IMMER AUF DER SUCHE NACH VERÄNDERUNG

    Ein persönlicher Nachruf auf Aat Hougée
    Veröffentlicht am 08.10.2021, von Ursula Kaufmann


    DIE WEIßEN MIT UNSEREN GEFÜHLEN KONFRONTIEREN

    Ein Gespräch vor der Berliner Premiere von „Ubiquitous Assimilation“ der Grupo Oito
    Veröffentlicht am 24.08.2021, von Volkmar Draeger



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ECTOPIA

    Choreographie Richard Siegal 2021, aufgeführt mit SHOOTING INTO THE CORNER (2008-09) von Anish Kapoor

    Seit 2015 bringt das Tanztheater neben Stücken aus dem Repertoire von Pina Bausch auch Kreationen verschiedener Gastchoreograph*innen auf die Bühne.

    Veröffentlicht am 16.09.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    IMMER AUF DER SUCHE NACH VERÄNDERUNG

    Ein persönlicher Nachruf auf Aat Hougée

    Veröffentlicht am 08.10.2021, von Ursula Kaufmann


    JAN RITSEMA IST TOT

    Der niederländische Theatermacher ist im Alter von 76 Jahren verstorben

    Veröffentlicht am 12.10.2021, von tanznetz.de Redaktion


    WANDEL NACH 20-JÄHRIGER ZUSAMMENARBEIT

    Tarek Assam beendet Tätigkeit als Ballettdirektor am Stadttheater Gießen mit Ende der Spielzeit 2021/22

    Veröffentlicht am 06.10.2021, von Pressetext


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    EIN EMOTIONALES PFLASTER

    Uraufführung von Ceren Orans "Geschichten in Blau"

    Veröffentlicht am 12.10.2021, von Vesna Mlakar



    BEI UNS IM SHOP