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London

„HOOCHIE KOOCHIE“

Trajal Harrells erste Live-Performance-Ausstellung in der Barbican Art Gallery in London



Trajal Harrell hat mit seiner Ausstellung ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das sich auf humorvolle und intelligente Art mit der Tanzgeschichte, Tanzikonen, unterschiedlichen Tanzstilen und vielem mehr auseinandersetzt.


  • "Wall Dance" von Trajal Harrell in "Hoochie Koochie. A Performance Exibition at Barbican Art Gallery"
  • "Caen Amour" von Trajal Harrell in "Hoochie Koochie. A Performance Exibition at Barbican Art Gallery" Foto © Tristan Fewings
  • "Creon's Solo" von Trajal Harrell in "Hoochie Koochie. A Performance Exibition at Barbican Art Gallery" Foto © Tristan Fewings
  • "Caen Amour" von Trajal Harrell in "Hoochie Koochie. A Performance Exibition at Barbican Art Gallery" Foto © Tristan Fewings
  • "The Return of La Argentina" von Trajal Harrell in "Hoochie Koochie. A Performance Exibition at Barbican Art Gallery" Foto © Tristan Fewings
  • "Caen Amour" von Trajal Harrell in "Hoochie Koochie. A Performance Exibition at Barbican Art Gallery" Foto © Tristan Fewings
  • "Ghost Trio" von Trajal Harrell in "Hoochie Koochie. A Performance Exibition at Barbican Art Gallery" Foto © Tristan Fewings
  • "Showpony" von Trajal Harrell in "Hoochie Koochie. A Performance Exibition at Barbican Art Gallery" Foto © Tristan Harrell

Von Katharina de Andrade Ruiz

Nichts ist wie in einer gewöhnlichen Ausstellung, denn hier wird gevoguet, getanzt, performt, und die Musik von Klassik über Pop und Elektro bis zum Anschlag aufgedreht. Im Barbican in London präsentiert der amerikanische Choreograf Trajal Harrell seine allererste Performance-Ausstellung. Sie umfasst neben Videoprojektionen und bühnenartigen Installationen 14 ausgewählte Stücke von 1999 bis 2016, die täglich während der Öffnungszeiten von 17 Tänzern und vom Künstler selbst live und im wechselnden Turnus aufgeführt werden.

Bekannt wurde Trajal Harrell durch seine Werkserie „Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church“ (2009-2013), die imaginativ Tanzpioniere des postmodernen Judson Church Theaters der 1960er Jahre und die Voguing-Ball-Szene Harlems, der tanzgeschichtlich weniger Beachtung geschenkt wurde, aufeinandertreffen lässt. Trajal Harrell geht es nicht wie vielen seiner Künstler-Zeitgenossen um Rekonstruktion oder Re-enactment historischer Tanzereignisse oder Performances, sondern er lässt sich von der Vergangenheit inspirieren und wählt seine subjektive Vorstellung als künstlerische Strategie, die er im Hier und Jetzt aufführt. Seit Beginn seiner Karriere produziert er nicht nur für die Bühne, sondern präsentiert seine Arbeiten weltweit auch im Kontext der Bildenden Kunst, u.a. im ICA Boston, Stedelijk Amsterdam, Centre Pompidou Paris und im MoMa New York. Der Wechsel und Austausch zwischen Theater- und Ausstellungsformat spiegelt sich auch in seinen Performances wider, die im Barbican präsentiert werden.

Für die Londoner Ausstellung titelgebend sind Hoochie Koochie Shows, die in den Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert aufkamen und von tourenden ‚Girls‘ mit verführerischen Kostümen und bauchtanzähnlichem Bewegungsstil vorgeführt wurden. Als eine Art zeitgenössische Hoochie Coochie Show konzipiert ist Harrells neueste Arbeit „Caen Amour“, die zugleich den Kern der Ausstellung bildet. Gegenstand der Performance ist ein fiktionales Aufeinandertreffen von Tanzikone Loïe Fuller mit ihrem berüchtigten Schleiertanz, dem Begründer des Butoh-Tanzstils Tatsumi Hijikata sowie der Modedesignerin Rei Kawakubo. Als Bühnensetting dient eine installative Holzkonstruktion, die den Performanceraum in Vorder- und Hinterbühne aufteilt. Vor einer leuchtend blauen Hauswand mit orientalischen Spitzfenstern und einer Türöffnung, aus der die Performer immer wieder mit neuem Outfit herausstolzieren, führen Männer – Thibault Lac, Ondrej Vidlar und Trajal Harrel selbst – Schleier- oder Maskentänze auf. Sie schreiten auf Zehenspitzen verführerisch, elegant, emotionsgeladen, mystisch, aber auch mit Grimassen oder komisch über die Bühne und posieren mit vor ihre Körper gehaltenen langen Kleidern und Kostümen. Performance- und Zuschauerraum sind zwar deutlich voneinander getrennt, doch ist es den Zuschauer erlaubt, auch hinter die Bühneninstallation zu gehen. Hier eröffnet sich ihnen ein Blick in ein mit Teppichen ausgelegtes Ankleidezimmer mit einer Wand, die mit Zeitschriften, Klopapier, Putzmitteln, Kerzen und Müslischachteln und vielem mehr bestückt ist. Wie Voyeure beobachten die Besucher hier das Geschehen hinter der Kulisse, erleben, wie der eine Performer sich hastig umzieht, der andere seinen Turban vorm Spiegel richtet oder wie Perle Palombe, die weibliche Erotik verkörpernd, sich mit ihrem fast komplett entblößten Körper im Lichtschein für die Besucher im Backstagebereich räkelt.

Zum aktiven Teilnehmer werden die Besucher auch in „Showpony“ (2007). Erwartungsvoll sitzen die Zuschauer in der ersten Reihe vor einem Laufsteg. Gleich soll ihnen etwas geboten werden. Ein Tänzer steht vorm Catwalk, die Performance kann beginnen. Doch plötzlich setzt er sich auf den Schoß eines Zuschauers, verweilt kurz und macht es sich dann auf dem nächsten Schoß bequem, einer nach dem anderen – ein Lapdance eben. Es wird wieder laut, der Song „Let’s get Sick“ von Mu beschallt den Raum. Zwei Tänzer voguen energetisch die Treppe zum Saal herunter. Sie bewegen sich stolzierend, wild drehend, den Kopf nach hinten werfend und sexy posend durch die gesamte Ausstellung, ziehen alle Blicke auf sich und reißen das Publikum mit.

Trajal Harrell hat mit seiner Ausstellung ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das sich auf humorvolle und intelligente Art mit der Tanzgeschichte, Tanzikonen, unterschiedlichen Tanzstilen wie Voguing, Butoh, Modern und Postmodern Dance, griechische Mythologie, Pop- und Subkulturen, Geschlechterrollen, Stereotypen und vielem mehr auseinandersetzt. Es ist etwas Besonderes, so viele Performances zur gleichen Zeit am gleichen Ort in Verbindung sehen zu können. Den Besuchern steht dabei frei, wie lange, wie oft und welchen Arbeiten sie sich widmen möchte. Auch ohne Hintergrundwissen ist diese Show unterhaltsam. Wer mehr wissen will, kann mehr erfahren, Saaltexte und ein Leseraum bieten hierfür den Ort.

In „Hoochie Koochie“ findet vieles gleichzeitig oder eben nacheinander statt. Langweilig wird es nicht und eins steht fest: Live Performance ist magnetisch!

Das Spektakel ist noch bis zum 13. August 2017 im Barbican in London mitzuerleben.

Veröffentlicht am 26.07.2017, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2016/2017

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Kommentare zu "„Hoochie Koochie“ "



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