KRITIKEN 2016/2017



München

TIME IS RUNNING

In München ist die Performance „Rush Hour“ von Ceren Oran im Schwere Reiter zu sehen



Darin erforscht die Choreografin mit zwei Performern und einer Performerin das Problem der Überforderung im modernen Leben.


  • "Rush Hour" von Ceren Oran Foto © Christoph Gredler
  • "Rush Hour" von Ceren Oran Foto © Christoph Gredler

Es rauscht und rattert. Drei Laufbänder, zu einem Halbkreis angeordnet, stehen auf der Bühne des Schwere Reiter. Neben ihnen liegt jeweils ein kleiner Kleiderhaufen, bestehend aus Socken, Schuhen und einem T-Shirt. Einige Schritte entfernt stehen die drei PerformerInnen, nur in Sporthosen gekleidet. Den Laufbändern fehlt ebenfalls etwas: das Geländer mit der Armatur zur Regelung der Geschwindigkeit. Nur eine Box mit einem großen roten Knopf und einem kleinen schwarzen Regler erlaubt eine Kontrolle der Geschwindigkeit. Es sieht so aus, als ob man mit dieser Box etwas in die Luft sprengen könnte. Abwegig ist diese Assoziation nicht, denn soll es in „Rush Hour“ um die permanente Überforderung durch Geschwindigkeiten und Leistungsanforderungen im Leben gehen. Dabei ist der Titel natürlich treffend für das Hetzen von A nach B gewählt.

In diesem reduzierten Bühnenbild liegt die große Stärke und tiefe Interpretationswelt der Performance. Die Laufbänder können als Metaphern für Zeit und Raum gleichermaßen verstanden werden, denn sie bewegen sich ständig vorwärts und sind in ihrer Größe begrenzt. Nur einige Schritte hat man darauf Platz. Doch reicht den drei PerformerInnen – Caglar Yigitogullari, Daphna Horenczyk und Jaroslav Ondrus – diese kleine Welt vollkommen aus, um sie zu bespielen und aufzuladen. Sie verarbeiten in „Rush Hour“ ihre persönlichen Erfahrungen mit Stress, schwindender Zeit, Überforderung und hohen Ansprüchen.

Die Drei bewegen sich ganz langsam und behutsam in Richtung ihrer Laufbänder. Caglar Yigitogullari erreicht seines als Erster, wird es erkunden und irgendwann den Mut finden, es zu betreten. Er wird mit der Zeit die Geschwindigkeiten anpassen, seine Bewegungen optimieren und laut über Zeit im Allgemeinen philosophieren. „Time is running“ bemerkt er, während er verwirrt auf das Band unter ihm blickt und Schritt halten muss. Er versucht darauf zu liegen, doch auf dem Band kann man nicht schlafen, keinesfalls ruhen, denn es ist in ständiger Bewegung und wird nicht müde.

Für Jaroslav Ondrus scheint seine Gerätschaft ein Ort des Sich-gehen-lassens, des Ausprobierens und Abspackens zu sein. Der Buch-Bestseller „Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari galt der Choreografin Ceren Oran als thematische Grundlage und Jaroslav Ondrus demonstriert diese quasi auf dem Laufband der Evolution – aber eben rückwärts, da sich aus dem aufrechten Gang immer tierischere und gebeugtere Bewegungen entwickeln. Es sieht lustig aus, was er da alles macht, wie er immer gummiartiger wird oder sich bald auf allen Vieren vorwärts bewegt. Es wird überdeutlich, dass die Menschheit vom Affen abstammt, dass wir früher viel beweglicher gewesen sind. Der menschliche Körper ist dazu gebaut, bis zu 15 Kilometer am Tag zurückzulegen. Doch davon merkt man heutzutage nichts mehr, selten wird dieses Potenzial ausgeschöpft, da man im Streben nach Leistung gefangen ist. Immer vorwärts, immer schneller, ohne Pause, meistens im Sitzen.

Dieses Hamsterrad der Karriere mit seinen ständigen Anforderungen wird durch eine immergleiche Choreografie von Daphna Horenczyk in drei Schnelligkeitsstufen dargestellt. Fast kann es als Bild der Frau in der Arbeitswelt an sich verstanden werden. Sie steht in Konkurrenz zu sich selbst, muss sich alles erkämpfen und ist im Wettlauf mit der Zeit, die sich unter ihren Füßen davonbewegt. Daphna ist es, die sich von den drei PerformerInnen am kontrolliertesten bewegt und keinen Fehler machen will, um mithalten zu können in diesem Rennen um Anerkennung durch Leistung, Druck und Geschwindigkeit. Also in unserer Gesellschaft.

Dass die drei PerformerInnen sich nach und nach ihre Kleidung anziehen, die ja neben den Laufbändern bereitliegt, kann als eine Uniformierung gesehen werden. In Sportklamotten auf dem Laufband rennend, sehen sie aus wie die Fleißigen in den Fitnessstudios unserer Großstädte. Und dort herrschen vielleicht die größten Anforderungen: die nach dem perfekten Körper.

Ceren Oran konzipierte „Rush Hour“ mit ihren drei wunderbaren PerformerInnen zusammen und obwohl die drei in einigen Bildern vereint sind, erzählen sie alle ihre eigene Überforderungsgeschichte, dabei kreuzen sich ihre Blicke nur manchmal. Verständlich, denn jeder ist mit seinem eigenen Wettkampf, seinem eigenen Laufband beschäftigt und muss darauf achten, den Halt nicht zu verlieren. Der Komponist Hüseyin Evirgen begleitet sie mit sich ständig steigernder, pulsierender, elektronischer Musik. Auf der Bühne steht zeitweise auch der Saxophonist Simon Couratier, der aus seiner künstlerisch-kreativen Freiheit schöpft und manchmal nur ungläubige Blicke für die Gefangenen auf ihren Laufbändern aufbringen kann.

Das durchdringendste Bild auf dieser kargen Bühne ist allerdings das, was unsere digitalisierte, maschinisierte und hetzende Gesellschaft am besten porträtiert: der Strom. Ohne Strom läuft heutzutage nichts. Im Schwere Reiter gipfeln die drei Ladekabel der drei Laufbänder in einem einzigen, dicken in der Wand hinter ihnen. Einfach mal den Stecker ziehen scheint die Lösung des Problems zu sein, um die lang ersehnte Entschleunigung zu erhalten. Nach genau einer Stunde ist die „Rush Hour“ vorbei, die Zeit wurde wörtlich genommen und man ist wieder sein eigener Antrieb. Schade eigentlich, denn diese „Rush Hour“ war eine tolle.

Veröffentlicht am 25.06.2017, von Natalie Broschat in Kritiken 2016/2017

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