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Leipzig

GEWAGT UND GEWONNEN

„Carmen“ als Ballett an der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig



Mirko Mahr setzt mit dieser „Carmen“ einen ganz eigenen Akzent in der Leipziger Tanzszene.


  • "Carmen" von Mirko Mahr; Escamillo (Özgür Tuncay) & Carmen (Annelies Bindley) Foto © Ida Zenna
  • "Carmen" von Mirko Mahr; Carmen (Annelies Bindley) & Manuela (Irina Weber) Foto © Ida Zenna
  • "Carmen" von Mirko Mahr; Don José (Tom Bergmann) & Carmen (Annelies Bindley) Foto © Ida Zenna
  • "Carmen von Mirko Mahr; Carmen (Annelies Bindley) & Tänzer des Balletts der Musikalischen Komödie Foto © Ida Zenna
  • "Carmen" von Mirko Mahr; Ensemble Foto © Ida Zenna

Georges Bizets „Carmen“, Opèra comique mit tragischem Ausgang, nach der Novelle von Prosper Mérimée, 1875 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt, war zunächst alles andere als ein Erfolg. Der stellte sich später ein und heute kann jedes Opernhaus sich dessen sicher sein. Die Brisanz der Handlung um eine Frau, die um ihrer Selbstbestimmung, vor allem ihrer bedingungslosen Selbstachtung wegen, auch angesichts des Todes nicht bereit ist, sich den Besitzansprüchen eines Mannes zu unterwerfen, hat nichts an Aktualität verloren. Das erkannten auch Choreografen und so gibt es inzwischen etliche Carmen-Ballette, die sich auch von der Opernvorgabe emanzipiert haben, wie Roland Petits Fassung von 1949, die sogar als Film erfolgreich war. Auch John Cranko ließ sich von dieser Geschichte der Femme Idéal anregen und brachte 1971 zu einer Musikcollage von Wolfgang Fortner seine Kreation in Stuttgart heraus. Insbesondere zur Musik von Rodion Shchedrin, der es verstand Bizets Opernhits mit raffiniertem Sound für Streicher und großem Schlagwerk tänzerisch zu forcieren, entstanden weitere Ballette, von Mats Ek oder die rasante Fassung für das Kubanische Nationalballett von Alberto Alonso. Dass schon 1845 Marius Petipa in Madrid „Carmen et son Toréro“ choreografierte ist zumindest ein Beleg dafür, dass nicht erst Bizets Oper den Stoff der Novelle szenisch auf die Bühne brachte. Als Antonio Gades und Carlos Saura 1983 ihren Film herausbrachten, traf diese Thematik, grundiert mit der expressiven Sinnlichkeit des Flamenco, den Nerv der Zeit.

Jetzt hat in Leipzig Mirko Mahr mit dem Ballett der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig eine sehr eigene und in sich letztlich auch sehr schlüssige Fassung auf die Bühne dieses Theaters der musikalischen Unterhaltungskunst gebracht. Mirko Mahr braucht knapp zwei Stunden, die flugs vergehen, um linear und ohne große Schnörkelei die Geschichte von Carmen, Don José, Micaëla und Escamillo auf die Bühne zu bringen. Musikalisch fügt er mit dem Dirigenten Tobias Engeli dramaturgisch überzeugend Musik aus Bizets Oper, aus dessen L`Arlésienne Suite und Rodion Shchedrins Fassung zusammen. Er fügt Chorszenen aus der Oper ein, lässt aber die Sängerinnen und Sänger äußerst sparsam agieren, manchmal gemeinsam mit dem Corps de ballet, sodass diese musikalischen Passagen der Tradition des kommentierenden Chores der antiken Tragödie entsprechen. Tobias Engeli eröffnet den Abend am Pult des Orchesters der Musikalischen Komödie mit der Ouvertüre zur Oper bravourös, hat genau das richtige Händchen für die aufpeitschende Dramatik der Varianten von Rodion Shchedrin und ebenso für die so heitere wie von tänzersicher Rhythmik untermalte Musik aus Bizets Suite. Frank Schmutzlers Bühne wird von der beweglichen Silhouette eines massigen Stiers beherrscht, dessen Rückseite wie ein Balkon begehbar ist, auf dem dann kurz vor dem tödlichen Finale Carmen und Don José in einem so berührenden wie ausdrucksstarken Pas de deux zu tanzenden Geschwistern der Liebenden von Verona werden.

Immer präsent ist für den aus der Unentschlossenheit sich in die eigentlich machtlose, daher in mordende Raserei steigernden Don José des Tänzers Tom Bergmann die zärtlich, zerbrechliche Tänzerin Sara Barnard als Micaëla, mit deren von Carmen verächtlich weggeworfenen Schal er sie erwürgt. Mit der Geste, das habe er nicht gewollt und sie sei ja schuld daran, schießt sich José eine Kugel in den verwirrten Kopf. Annelies Bindley als temperamentvolle, starke und ganz und gar nicht klischeeverhaftete Carmen versteht es, die Kerle anzutanzen, ohne sie an sich heranzulassen. Sie hält eigentlich auch, was die Tragik ihres Todes noch verstärkt, einen Tänzer wie Özgür Tuncay als Stierkämpfer Escamillo auf Abstand, und an dessen Selbstverliebtheit lässt auch Tuncays Art zu tanzen keinen Zweifel. In den Gruppenbildern gibt es Eleganz und Lässigkeit, die Militanz der Soldaten wird augenzwinkernd vertanzt, ganz und gar nicht scherzhaft sind die netten Kerle in Uniform dann, wenn sie Micaëla gefährlich bedrängen.

Mit dieser Carmen-Choreografie setzt das Ballett der „MuKo“, wie die Leipziger liebevoll ihre Musikalische Komödie nennen, einen eigenen Akzent in der Tanzszene der Stadt. Mirko Mahr als Ballettdirektor kann mit dieser Kreation nach seiner schon erfolgreichen Sicht auf Prokofjews „Romeo und Julia“ noch stärker durch die Stringenz seiner klaren Erzählweise und die entsprechend gewählten und zueinander in Beziehung gesetzten Tanzstile bei erstaunlicher Präsenz der gesamten Kompanie überzeugen. Das Publikum am Premierenabend ist begeistert.

Veröffentlicht am 28.02.2016, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Gewagt und gewonnen"



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