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Heidelberg

ICH KANN – ICH KANN NICHT

„About Clouds“ in der Heidelberger HebelHalle erinnert an William Forsythe



Jone San Martin und Amancio Gonzalez erinnern nicht nur an Forsythes legendäre Choreographie „Clouds after Cranach“, sie schaffen ein neues Unikat.


  • "About Clouds" von Jone San Martin und Amancio Gonzalez Foto © Günter Krämmer
  • "About Clouds" von Jone San Martin und Amancio Gonzalez Foto © Günter Krämmer
  • "About Clouds" von Jone San Martin und Amancio Gonzalez Foto © Günter Krämmer
  • "About Clouds" von Jone San Martin und Amancio Gonzalez Foto © Günter Krämmer

Wie kann man diesen Augenblick tanzen, in dem die unerträglichste Vorstellung Wirklichkeit wird? Jone San Martin macht es vor: ‚Ich kann, ich kann!’ ruft ihr Körper in ein paar raumgreifenden Posen aus dem klassischen Ballettvokabular. Sekunden später scheint er regelrecht zu implodieren, zieht sich die Bewegung der Gliedmaßen in den sich krümmenden Rumpf zurück, der ganze Mensch eine einzige Schmerzgrimasse. Der verzerrte Mund zerquetscht die Töne, deformiert die Sprache ... ‚Ich kann nicht!’ ist die existentielle Botschaft. Und schon ist der Zuschauer mitten drin im emotionalen Sog, den William Forsyths Choreografie „Clouds after Cranach“ bereithält.

Die 2005 entstandene Arbeit des Weltklasse-Choreografen war eine kleine Theatersensation, kaum eine Stunde lang und so dicht, dass man als Zuschauer kaum zum Luftholen kam. Das abgenutzte Attribut ‚vielschichtig’ – hier wäre es höchst treffend. Im ersten Teil des Abends konstruieren zwölf TänzerInnen eine Welt voller Gewalt und Gefahr. Dann wechselt das Publikum die Seiten, und auf einer zweiten Bühne findet ein verstörendes Kammerspiel statt: Eine Frau lässt einen Text ins Arabische übersetzen. Von ihrem Sohn ist die Rede, von einer Bombenexplosion, verletzten Kindern, Soldaten, Chaos. Überlagert wird dieser Dialog von einem Sprecher, der ein Bild analysiert, eine Kreuzigungsszene von Lukas Cranach aus dem 16. Jahrhundert. Je weiter die Frau in ihrem Bericht fortschreitet, desto mehr schweift sie ab, hält inne, beschwört, weicht zurück, zuckt und zaudert, bis ihr Körper dieses ‚Ich kann nicht’ in den Raum schleudert. Man ahnt es als Zuschauer und will es genauso wenig wahrhaben wie sie: Der Bericht ist keine Eingabe, sondern eine Totenklage. Erst beim Verlassen des Theaterraums schnüren zwei große Bilder – die Reproduktion des Cranach-Bildes und das Foto einer Bombenexplosion – die Themenfäden im Kopf der Zuschauer endgültig zusammen. Und diese Reflexion mit den Mitteln des Tanzes über Gewalt und Terror hatte das Zeug, im Kopf zu bleiben.

Bernhard Fauser und Jai Gonzales vom Heidelberger UnterwegsTheater hätten dieses Stück gern in der HebelHalle gezeigt. Aber Bill Forsythes Company wurde 2014 abgewickelt, die Tänzer sind in alle Winde zerstreut, „Clouds after Cranach“ ist Tanzgeschichte. So war die Veranstaltung „About Clouds“ – eine Art Nachschlag zur Tanzbiennale – eine kleine Sensation: Jone San Martin und Amancio Gonzalez, denen Forsythe die Rollen der Mutter und des Übersetzers anvertraut hatte, präsentierten Ausschnitte und Einblicke in die Arbeit an dem legendären Stück. Das Format „revisit“ war eine Uraufführung, vielleicht sogar ein Unikat – möglich gemacht durch den langjährigen persönlichen Kontakt des UnterwegsTheaters mit dem Forsythe-Ensemble.

Veröffentlicht am 03.02.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Ich kann – ich kann nicht"



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