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Dortmund

AM HORIZONT DER TANZLANDSCHAFT

Millepied, Bubeníček und Volpi: "Drei Streifen: Tanz" in Dortmund



Es ist ein Abend großer Emotionen, heiter und ernst, tragisch und komisch. Wie klug in seiner Konzeption Ballettdirektor Xin Peng Wang eine Hommage an die Kunst des Pas de deux zu Beginn des Abends gesetzt hat, wird sich erst am Ende erschließen.


  • "Drei Streifen: Tanz" am Theater Dortmund mit Jiří Bubeníček Foto © Bettina Stöss
  • "Drei Streifen: Tanz" am Theater Dortmund mit Demis Volpi Foto © Bettina Stöss
  • "Drei Streifen: Tanz" am Theater Dortmund mit Benjamin Millepied Foto © Bettina Stöss

Zunächst erscheint am weiten Horizont der Tanzlandschaft der milde Streifen der Zärtlichkeit in Benjamin Millepieds „Closer“, ein Repertoirstück des Ballett Dortmund aus dem Jahr 2006. Varianten der Nähe, deren größte Kraft sich erweist, wenn sie den Abstand zulassen kann. Schmiegsam und elegant bewegen sich Monica Fotescu-Uta und Mark Radjapov durch die Facetten neoklassischer Tanzkunst zur mitunter überraschend dunkel grundierten Komposition „Mad Rush“ von Philip Glass, dessen „Minimalismus“ hier schon mal die Abgründe romantischer Empfindsamkeit streift. Die Pianistin Tatjana Prushinskaya atmet mit den Tänzern, bei ihrem Spiel von Begleitung zu sprechen, wäre unangemessen.

Wie klug in seiner Konzeption Ballettdirektor Xin Peng Wang gerade diese Hommage an die Kunst des Pas de deux in der Abfolge des Abends gesetzt hat, wird sich erst am Ende erschließen. Dann nämlich, wenn das Licht verlischt, kaum noch ein Streifen der Hoffnung am Horizont der so ungewiss wie tragisch zu Ende gegangenen Geschichte der stummen Pianistin Ada McGrath in Jiří Bubeníčeks Uraufführung zu sehen ist, dann ist zu spüren, wie weit der Bogen gespannt war an diesem Abend.

Ganz anders dann der Streifen der Zweisamkeit in den Dortmunder Erstaufführungen von Demis Volpi, darunter befindet sich auch sein an diesem Abend uraufgeführtes Duett zu Igor Strawinskys swingender Musik „Ebony Concerto“ von 1945. "Drei Streifen: Tanz" also mit dem Stuttgarter Hauschoreografen, der bestens vertraut ist mit neoklassischen Traditionen und Techniken à la Cranko und dennoch gewandt und aufgeschlossen, um in seinen drei Stücken an diesem Abend durch zeitgenössischere Gefilde des Tanzes zu streifen.
Spielerisch, aber nicht verspielt, und auch ein wenig nostalgisch, aber auf keinen Fall rückwärtsgewandt, ist „Little Monsters“ zu den Ohrwürmern „Are You Lonesome Tonight“, „Love Me Tender“ und „Want You / Need You / Love You“ von Elvis Presley. Stephanie Ricciardi und Francesco Niro erzählen mit ihrem Tanz eine kleine Liebesgeschichte ohne Happy End, dafür beglücken sie das Publikum mit der Kunst ihres Tanzes, außergewöhnlich bei ihren Versuchen aus der Distanz keine Entfernung werden zu lassen. Die ausdrucksstarken Bewegungen der Arme und das Spiel der Hände sind von besonderem Reiz und Anspruch.
Abstrakter streifen dann Clara C. Sorzano Hernandez und Andrej Morariu in „Private Light“ zu Musik von Carlo Domeniconi und Heitor Villa-Lobos weitere Varianten der Zweisamkeit. Da ist die selbstbewusste Tänzerin mit toller Spitzentechnik. Verblüffend, wenn man erkennt, dass sie so gut wie nie mit beiden Spitzen den Boden berührt. Kommt der Partner hinzu, bleibt sie auch bei den Vorgaben in der „Spitzenposition“, und es macht viel Spaß zu erleben, wie ein Mann auf verlorenem Posten in einer Beziehung mit ungewissem Ausgang seine Position hält und ganz und gar nicht auf verlorenem Posten tanzt.
Zog sich schon durch diese Kreationen von Demis Volpi ein angenehmer Streifen heiterer Ironie, dann jetzt, in der Uraufführung erst recht. So wie Igor Strawinsky sich mit seinem „Ebony Concerto“ auch mit einem gewissen Augenzwinkern in die Gefilde der Jazz- und Swingmusik begibt, so nimmt der Choreograf diese bewegte Heiterkeit auf und gibt mit seinen tänzerischen Erfindungen noch etliche Streifen aus Witz und Übermut hinzu. Keine Geschichte, keine Handlung, nur die Musik bewegt, und wie sich Denise Chiaroni und Giuseppe Ragona hier rasant bewegen lassen, das bewegt auch das Publikum. Mit Jubel geht es in die Pause.

Dass der Tänzer und erste Solist beim Dresdner Semperoper Ballett Jiří Bubeníček auch durch die Gefilde der Choreografie streift, lässt sich längst nicht mehr sagen. Er hat sich bereits einen Namen gemacht, gemeinsam mit seinem Bruder Otto, erster Solist bei John Neumeier in Hamburg, als Spezialisten für Sounds, Raumgestaltungen und Projektionen. In Dortmund bringen sie ihre tänzerisch wie optisch beeindruckende Kreation „The Piano“ nach dem gleichnamigen Film von Jane Campions zur Uraufführung. Auf Michael Nymans Musik können sie nicht verzichten. Otto Bubeníček hat zudem für die Choreografie seines Bruders im kunstvollen Lichtdesign von Carlo Cerri eine musikalische Collage „komponiert“, die von der Romantik bis in die Moderne führt und Musik der Maoris einfügt. Das sind Klangkorrespondenzen zu großflächigen Projektionen stürmischer Brandung an der Küste Australiens oder üppiger Vegetation von sinnlicher Urkraft, dann wieder in krassem Schnitt europäische, englische Bürgerlichkeit, wie sie die Kolonialmacht mitgebracht hat.
In dieser Welt optischer Widersprüche prallen die Widersprüche der Emotionen und Lebensansprüche aufeinander. Mit den Kostümen von Elsa Pavanel führt das Ballett in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Aber in der choreografischen Gestaltung der Konflikte zwischen der stummen Pianistin Ada McGrath, dem streng in sich selbst verschlossenen Alisdair Steward und dem zwischen den Welten seiner europäischen Herkunft und der Faszination für die Ursprünglichkeit der Ureinwohner changierenden George Baines gelingt es Jiří Bubeníček auf so verblüffende wie beeindruckende Weise, besonders im jeweils handlungsverbundenen Pas de deux, den dynamischen Bogen bis in die Gegenwart zu spannen. Immer wieder gilt es die Chancen der Aktualität, jenseits von Moden oder purem Zeitgeist verpflichteten Aktualisierungen, in der Würdigung der Traditionen zu suchen und zu finden.
So wie der Pianistin die Sprache versagt ist, sie aber mithilfe eines Instrumentes in ganz andere Bereiche der Kommunikation vordringt, die natürlich im Tanz ihr bestes Ausdrucksmittel finden, so ist jener Alisdair Steward auf andere Weise verstummt. Dmitry Semionov, den man selten dermaßen expressiv und charaktervoll als Tänzer und Darsteller mit Wahnsinnspotential erlebt hat, kann nur extrem und verletzend handeln und in wütendem Neid auf die Möglichkeiten des Ausdrucks kraft der Musik die Hand der Pianistin verstümmeln. Dass er so die eigene, ohnehin verkrümmte Seele vollends verstümmelt, lässt ihn in tragischer Einsamkeit zurück.
Andere Facetten eines so zerrissenen wie einsamen Menschen zeigt Arsen Mehrabyan als George Baines - einen Mensch zwischen den Welten, einen Mann zwischen ungebremster Emotion und pfiffiger Berechnung. Dabei ist es von großer Bedeutung für die so starken, berührenden Momente dieser Choreografie, wie sich die Männer jeweils in ihren Haltungen zu der Tänzerin Emylie Nguyen als stumme Pianistin verhalten. Und da kann der Choreograf zum Einen die individuellen Möglichkeiten seiner Protagonisten, zugleich aber das weite Spektrum der vom modernen Tanz veränderten und erweiterten Musikalität neoklassischer Vorgaben nutzen.
Und dies inmitten eines bestens aufgelegten Ensembles, in exotischen Szenen als Maoris, Landbevölkerung oder Matrosen, prägnant dabei Casey Hoskins als Flora, Jelena-Ana Stupur und Sayo Yoshida als Aunt Morag und Nessie oder Arsen Azatyan als so auf- wie durchgedrehter Reverend.

„Drei Streifen: Tanz“ in Dortmund ist ein Abend großer Emotionen, heiter und ernst, tragisch und komisch zugleich.

Veröffentlicht am 16.02.2015, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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Kommentare zu "Am Horizont der Tanzlandschaft"



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