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Heidelberg

GEHEIMNIS VERRATEN

Nanine Linning erweckt die Welt des „Hiernonymus B.“ zu tänzerischem Leben



Die Vorbereitungen für eine Würdigung des 500. Todestages von Hieronymus Bosch laufen schon auf Hochtouren. Aber keine Institution war so schnell wie die Heidelberger Tanzchefin, die sich mit dieser Tanzpremiere Großes vorgenommen hat.


  • "Hieronymus B." von Nanine Linning am Theater Heidelberg Foto © Kalle Kuikkaniemi
  • "Hieronymus B." von Nanine Linning am Theater Heidelberg Foto © Kalle Kuikkaniemi
  • "Hieronymus B." von Nanine Linning am Theater Heidelberg Foto © Kalle Kuikkaniemi
  • "Hieronymus B." von Nanine Linning am Theater Heidelberg Foto © Kalle Kuikkaniemi
  • "Hieronymus B." von Nanine Linning am Theater Heidelberg Foto © Kalle Kuikkaniemi

Die internationalen Vorbereitungen für eine gebührende Würdigung des 500. Todestages von Hieronymus Bosch im Jahr 2016 laufen schon auf Hochtouren. Aber keine Institution war so schnell wie die Heidelberger Tanzchefin Nanine Linning, die sich mit der zentralen Tanzpremiere in dieser Spielzeit Großes vorgenommen hat: die überquellende Bilderwelt des niederländischen Malers in ein Bühnenformat zu zwängen. Für dieses Event, das in einem entsprechend ungewöhnlich langen Tanz-Theaterabend mündet, hat sie sich bewährte künstlerische Unterstützer gesucht - allen voran das Künstler-Duo „Les Deux Garcons“ (bekannt aus ihrem Heidelberger Einstand „Requiem“). Mit im künstlerischen Boot auch Loes Schakenbos (Lichtdesign), Roger Muskee (Foto, Video), Erik Sprujit (Video und choreografische Assistenz) und Michiel Jansen (Auftragskomposition).

„Tanz zwischen Hölle und Paradies“ ist der Untertitel des Stückes und verweist damit auf eines der berühmtesten Bosch-Bilder: Das Triptychon „Der Garten der Lüste“. Bis heute sind sich Kunsthistoriker uneins in der Deutung dieses Gemäldes mit seiner skurrilen, respektlosen, ebenso idyllischen wie grausamen Bilderwelt voller überzeitlicher Allegorien und gesellschaftlicher Anspielungen. „Les Deux Garcons“ haben sich nicht nur von diesem Bild, sondern vom gesamten phantastischen Figurenarsenal des Malers an der Schwelle von Mittelalter und Neuzeit zu rund 30 Kostüm-Skulpturen inspirieren lassen; herausgekommen sind Engel und Teufel, Mönch, Ritter, Burgfräulein und Narren, Tiere und abstruse Mischwesen mit symbolträchtigem Zubehör – im spannungsvollen Gegensatz zu beinahe nackten Tänzer-Menschen. Die Phantasie-Figuren residieren in Riesengemälden und Jahrmarkt-Schaukästen, sind durch die Saiten einer Riesenharfe gezogen, in überdimensionierte Schlüssel gefesselt oder tragen ihr Narrenschiff gleich mit sich herum. Die eine Hälfte der Besucher darf gleich zum Auftakt ganz nah ran, ja regelrecht mit hinein in diese zum Leben erweckte Bilderwelt, die andere erhält derweilen im Saal eine videogestützte kunsthistorische Lehrstunde – und umgekehrt.

Beim Umherwandern zwischen den lebenden Skulpturen haben die Besucher ausgiebig Zeit, so manches optische Geheimnis aufzudecken. Das hat, wie bei jedem Geheimnisverrat, zwei Seiten. Bei genauer Betrachtung sieht man hinter jedem Pappmaché-Kopf ein verschwitztes Gesicht oder die außen auf den hautfarbenen Trikots angebrachten Brustnippel - aber will man das wirklich so genau wissen? Rätsel bieten Raum für Phantasie, Auflösungen nicht. Einen magischen Moment gibt es doch in diesem Part: Wenn ein Bühnengeviert hochfährt und den Blick freigibt auf das Orchester und den Heidelberger Countertenor Artem Krutko, der dem Abend seine unverwechselbare Stimme verleiht. Bei der Musikauswahl (barocke Arien und Motetten gemixt mit der rhythmisch und atmosphärisch prägnanten Komposition von Michiel Jansen) hat Nanine Linning gewohnt gutes Gespür bewiesen, und bei Dietger Holm am Pult des Philharmonischen Orchesters war der anspruchsvolle Mix in guten Händen.

Nach der Pause wird alles anders. Die Bühne wird dominiert von einer phantastischen Baumskulptur, aus deren Wurzelbeinen die Tänzer hervorquellen und in dessen Astarmen der rote Teufel lauert. Jetzt hat der Tanz das Sagen, und das ist gut so. Die Adams und Evas, die sich durch Verführung und Lust kämpfen, die kriechen und sich verstecken, die Stärke in Gemeinsamkeit entdecken und heftig übereinander herfallen, die sich Vampirbisse verpassen und die Köpfe in Vogelkäfige stecken lassen, sind gefangen in ihren Trieben und streben doch in höhere Sphären. Das hat phantastische Momente und einige Längen, bevor am Ende Himmelsleitern aus dem Schnürboden herabschweben und Erlösung von aller Erdenschwere anbieten; ein riesiger Granatapfel bietet Adam und Eva eine neue Heimstatt.

Kaum zu glauben, dass die nur zwölfköpfige Dance Company (darunter etliche neue Gesichter) diesen Abend im wahrsten Sinne des Wortes schmeißt. Viel Premierenbeifall – dennoch: Die Gleichung „viel Aufwand entspricht tollem Ergebnis“ geht nicht durchgängig auf.

Veröffentlicht am 20.01.2015, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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