HOMEPAGE



Hannover

AUF DEM NARRENSCHIFF WELT

Tanztheater International Hannover: "Ship of Fools" und "We love Arabs"



Die israelischen Choreografen Niv Sheinfeld und Oren Laor sowie Hillel Kogan wagen sich mal mit Bezug auf einen realen Fall, mal in einer lachenden Annäherung an einen ernsten politischen Konflikt.


  • "We love Arabs" bei Tanztheater International Hannover Foto © Gadi Dagon
  • "Ship of Fools" bei Tanztheater International Hannover Foto © Gadi Dagon

Von Andreas Berger

Es ist ein Stück, das sich erst im Rückblick erschließt, ja sogar poetischen Reiz gewinnt. Da stimmt Uri Shafir zur Gitarre noch einmal das Lied vom Wechsel von Freude und Sorgen an, das wir vorher etwas platt fanden, als er es uns im Kirchentagsstil einstudierte. Doch nun, nachdem wir um einige tänzerische Erfahrungen reicher geworden sind, drückt es, von ihm jetzt mit teils tränenunterdrückter Stimme stockend vorgetragen, die bittere Melancholie menschlicher Selbsterkenntnis aus, um die es in den verschiedenen Übungen des Stücks „Ship of Fools" (Narrenschiff) ging.

Da hat sich Uri immer wieder mit der Hand vor den Kopf geschlagen wie beim Knockout. Da reagierte der muskulösere Kollege Sascha Engel mit Fingerpistolenschüssen. Und die Ballerina Anat Grigorio nutzte beide, um ihre Beine beim Stretchen auflegen zu können.

Die Bewegungen kehren alle in dem heiteren Pop-Tänzchen wieder, bei dem Sascha aber langsam das Stirnband vor die Augen rutscht. Plötzlich wird er unsicher, die beiden benutzen ihn für Selfie-Fotos, auf denen sie lachen, aber er der Gedemütigte ist. Ängstlich bittet er Uri, ihn wieder loszubinden. Dieses plötzliche Umschlagen der Situation geht unter die Haut. Freude und Sorgen liegen nicht nur im Schlager dicht beieinander, sondern auch beim Choreografieren und im Alltagsleben. Zumal im Leben unter ständiger Kriegsbedrohung wie in Israel – oder Palästina. Denn die israelischen Choreografen Niv Sheinfeld und Oren Laor beziehen sich mit diesen Fotos auf einen realen Fall, bei dem eine israelische Soldatin solche Bilder mit einem palästinensischen Gefangenen machte.

So bekommen die zunächst etwas versuchshaft wirkenden Szenen einen roten Faden. Die Tänzerin bleibt unbeeindruckt, als Sascha seine Boxhiebe bis dicht an ihr Gesicht führt. Nur so kann man in Palästina überleben. Uri probt derweil sein Begräbnis. Und im Wiegeschritt schwanken die Tänzer unter Windrauschen zum Bühnenrand wie über Gräbern. In steter Wiederholung. Ein schlichtes, berührendes Bild des Lebens zwischen Freude und Sorgen auf diesem Narrenschiff Welt.

Auch der zweite israelische Beitrag des Abends trägt politische Hintergründe. Hillel Kogan macht in seinem Stück „We love Arabs“ selbst den Moderator. Während er den Raum mit Schritten erschließt, erzählt er von den Stellen, in denen er sich wohlfühlt, und solchen, wo das nicht so ist: dafür, für das ganz Andere, bräuchte er einen Araber. Er soll sein Alter Ego sein, der seine Bewegungen symmetrisch konterkariert, bis hin zum Handstand.

Der Tänzerchoreograf erklärt das beim Tanzen mit schöner Selbstironie, führt so die Rassenklischees ebenso vor wie die choreografischen Goodwill-Muster. Und der eher zarte Araber Adi Boutrous ist auch schon das Gegenbild des gesuchten Macho-Moslems: Wie sich herausstellt ist er Christ und in Tel Aviv geboren – nichts ist eben einfach in Palästina.

Natürlich kommt es zur Annäherung beim Tanzen. Es gehe nicht mehr um Bühne, sondern um das Land, behauptet Hillel. Er will die Schwere des Körpers des anderen spüren. Sich gegenseitig tragend, erfahren sie, dass es zunächst mal um Respekt für den bloßen menschlichen Körper geht, danach erst vielleicht um die unterschiedlichen Geschichten, die sie mit sich tragen.

Dagegen karikiert der Traum Hand in Hand mit Austeilung der heiligen Humus-Speise auch an die Zuschauer vorschnelle Friedensymbolik – und setzt das Anliegen ironisch doch in Wert. Hillels lachende Annäherung an einen ernsten Konflikt wurde in Hannover herzlich beklatscht.

Veröffentlicht am 08.09.2014, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2013/2014, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3826 mal angesehen.



Kommentare zu "Auf dem Narrenschiff Welt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    LEBEN UND STERBEN FÜR DEN TANZ

    Abschluss des Festivals Tanztheater international in Hannover

    Anna Pawlowa muss mit einem Lächeln aus dem Himmelsdunst hinunter geguckt haben: Intime Choreografien beschäftigen sich mit ihrem "Sterbenden Schwan" und hinterfragen die Klischees und Berufung von Tänzerinnen und Tänzern.

    Veröffentlicht am 09.09.2019, von Andreas Berger


    KRAFTGEBORENE ENTSCHLEUNIGUNG

    33. Festivalausgabe von Tanztheater international in Hannover

    Boxen, Hip-Hop, Pirouette – Tanztheater international zeigt die Vielfalt zeitgenössischer Ausdrucksmittel: mit Hofesh Shechter, Kyle Abraham, der Kompanie ALDES und Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero.

    Veröffentlicht am 10.09.2018, von Andreas Berger


    ZEITSTRÖMUNGEN

    Tanztheater international Hannover: Didier Boutiana und Sharon Eyal/Gai Behar

    Die Kompanie L-E-V wurde zum mitreißenden Mittelpunkt des Festivals. Es ist schön zu sehen, wie das israelische Choreografenpaar seiner zeitgenössischen, technodurchpulsten Stilistik treu bleibt und doch neue Bewegungen kreiert.

    Veröffentlicht am 14.09.2016, von Andreas Berger


    WIR WOLLEN MEHR

    Tanztheater international mit seinem Künstler-Residenz-Programm "Think big"

    Was brennt eigentlich in den jungen Choreografen von heute? Welche Themen treiben sie um, wofür entwickeln sie Leidenschaft, was wollen sie ändern an dieser ungerechten Welt? Drei junge Choreografen durften sich ausprobieren.

    Veröffentlicht am 08.09.2016, von Andreas Berger


    DIE POETISCHE KRAFT DER CHANCENLOSEN

    Kyle Abrahams „Pavement“ ist ein berührendes Stück über den Großstadtdschungel

    Wer eine Breakdance-Battle bei Tanztheater international erwartet hatte, durfte überrascht sein. Was Abraham mit seiner Truppe zeigte, war ein ins Klassisch-Tänzerische ausgreifender Traum aus den Schluchten des schwarzen Pittsburgh.

    Veröffentlicht am 05.09.2016, von Andreas Berger


    BLICK HINTER DIE FASSADE

    Die Eröffnung von Tanztheater international

    Hannovers Tanzfestival startet in der Herrenhäuser Orangerie mit „Everyness“ von Sébastien Ramirez und Honji Wang sowie dem Solo „Avec Anastasia“ von Mickaël Phelippeau.

    Veröffentlicht am 04.09.2016, von Andreas Berger


    ZUM ABSCHLUSS VON TANZTHEATER INTERNATIONAL

    "Made in Bangladesh" von Helena Waldmann und ein 'Made in Hannover': "Albert" von Felix Landerer

    Das Festival Tanztheater International ist am Sonntag zu Ende gegangen.

    Veröffentlicht am 15.09.2015, von Andreas Berger


    GUY & RONI, OURAMDANE, MARTENS

    Starke Stücke bei Tanztheater International in Hannover

    „Phobia" von Club Guy & Roni, „Tordre" von Rachid Ouramdane und Jan Martens' „Sweat Baby Sweat" überzeugen nicht gleichermaßen.

    Veröffentlicht am 12.09.2015, von Andreas Berger


    EINE WARNUNG

    Das Festival Tanztheater International in Hannover zeigt VA Wölfls Kompanie Neuer Tanz mit ihrem aktuellen Stück "CHOR(E)OGRAPHIE / JOURNALISMUS: kurze stücke".

    Dies ist eine Warnung: Nehmen Sie die Warnung des Conferenciers zu Beginn des neuen Stücks der Gruppe Neuer Tanz ernst. Er begrüßt Sie an der Kunstfront und lädt Sie ein, jederzeit zu gehen oder zu schreien.

    Veröffentlicht am 08.09.2015, von Andreas Berger


    „THINK BIG“

    Drei Choreografen der freien Szene beim Tanztheater International

    Für „Think Big“ spendiert das Festival Tanztheater International in Kooperation mit dem Ballett der Staatsoper Hannover drei Choreografen der freien Szene eine zehnköpfige Kompanie, damit sie sich mal mit großer Gruppe ausprobieren können. Eine schöne Chance.

    Veröffentlicht am 06.09.2015, von Andreas Berger


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    DIGITALE ENTWICKLUNG

    Tina Lorenz wird neue Projektleiterin am Staatstheater Augsburg
    Veröffentlicht am 09.07.2020, von Pressetext


    FÜR DIE ZUKUNFT DES TANZES

    Petition der Tanzschaffenden in Niedersachsen
    Veröffentlicht am 09.07.2020, von tanznetz.de Redaktion


    AUSBILDUNG EINER NEUEN GENERATION

    Der World Ballet School Day (WBSD) verbindet weltweit die nächste Generation von Tanzkünstler*innen
    Veröffentlicht am 09.07.2020, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MATTERS FOR MATTERS

    Ein Film der Choreografischen Werkstatt der Company johannes wieland des Staatstheaters Kassel - 2 x für 24 Stunden online -

    Digitale Filmpremiere: Samstag, 4. Juli, 19.30 Uhr, YouTube-Kanal des Staatstheaters Kassel

    Veröffentlicht am 25.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    ANZEIGE ERSTATTET

    Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin

    Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    TANZLEITUNG VERLÄSST 2021 DAS THEATER OSNABRÜCK

    Mauro de Candia und Patricia Stöckemann haben ihren Abschied angekündigt

    Veröffentlicht am 18.06.2020, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP