HOMEPAGE



Hamburg

BLEIBENDE ERINNERUNG

Ein Blog zur Tanzplattform 2014



Am letzten Tag der Tanzplattform, schon etwas verausgabt von den Anstrengungen der letzten Tage, stand für mich noch Tino Sehgals Arbeit mit Frank Willens, Andrew Hardwidge und Boris Charmatz an.


  • Tanzplattform 2014 auf Kampnagel Hamburg Foto © Kampnagel

Carolin Jüngst, Absolventin der Theaterwissenschaft an der LMU München, ist für uns bei der Tanzplattform 2014 auf Kampnagel Hamburg und wirft einen Blick auf die eingeladenen Produktionen.

Am letzten Tag der Tanzplattform, schon etwas verausgabt von den Anstrengungen der letzten Tage, stand für mich noch Tino Sehgals Arbeit mit Frank Willens, Andrew Hardwidge und Boris Charmatz an, wovon ich leider nur die Charmatz-Version zu sehen bekam.

Nachdem ich noch einen Platz in der dritten Reihe ergattern konnte, machte ich es mir gemütlich und war gespannt, was mich erwarten würde. Das Saallicht ging aus, die Bühne blieb dunkel. Los ging’s...
Boris Charmatz betritt die Bühne, positioniert sich und fängt an zu sprechen. Er nennt den Titel, einmal auf Deutsch, einmal auf Englisch. Der ist jedoch in beiden Sprachen jeweils ein anderer und so heißt es auf Deutsch "Das 20. Jahrhundert", wobei Charmatz hier noch hinzufügt, wie man den Titel zu schreiben hat, und zwar "Das/zwei X/Hund/Hund/Hund/Jahrhundert". Der englische Name: "Museum of Modern Art". Danach geht das Licht auf der Bühne an und zu sehen bekommt man einen nackten, sich bewegenden Boris Charmatz, der in den folgenden 50 Minuten verschiedene Posen und Bewegungszitate ausführt. Das Spektrum dabei ist weit und so gibt er über die Dauer des Abends einen tanzgeschichtlichen Abriss des 20. Jahrhunderts und zitiert bewegungstechnisch alle Größen der letzten 100 Jahre, ohne deren Namen zu erwähnen: von Bausch, Wigman, Nijinsky, Cunningham, Bel, Le Roy bis hin zur Postmodern Dance-Ikone Trisha Brown, was mich besonders freut, da sie im Rahmen meiner Bachelorarbeit über mehrere Monate die Protagonistin meiner Forschung war und ich dadurch ihr Bewegungsrepertoire gut kennengelernt habe. Mit ihrem Stück "Accumulation With Talking" setzt Charmatz sich dann auch am längsten auseinander. Er erklärt ihr Konzept hinter dieser Performance, in der sie 1973, während einer Vorlesung in Paris, den Versucht machte, den bereits akkumulierten Bewegungen aus "Accumulation" von 1971 eine sprachliche Ebene hinzuzufügen. Ihr geht es, so erklärt es auch Charmatz dem Publikum, um die Frage, ob sich der Akt des Bewegens und der Akt des Sprechens ausschließen bzw. welche Verbindung zwischen ihnen besteht. Charmatz fügt dem Tanz selbst noch neue, eigene Bewegungen hinzu, während er sich ziemlich locker nebenbei mit dem Publikum „unterhält“.

Die ganze Performance ist wie ein unterhaltendes Spiel des Rätselratens, in dem ich versuche, so viele Bewegungen wie möglich zu identifizieren. Was mich also hauptsächlich amüsiert ist das Erraten und die Zuordnung der Bewegungen. Zuschauer ohne einen Tanzhintergrund oder tänzerisches Wissen sehen das Stück somit natürlich in einer anderen Weise – ob dies ein Manko ist oder vielleicht gar keinen zu großen Unterschied macht, wage ich nicht zu sagen. Aber Boris Charmatz beruhigt ja selbst: „It’s okay if you don’t understand everything“.

Dass es neben dieser Präsentation von verschiedenen Bewegungsstilen noch um etwas anderes geht, nämlich um das Museum und das Ausstellen des Tanzes – darauf macht bereits der englische Titel aufmerksam. Durch die Bühnensituation (die Bühne ist bis auf den Tänzer vollkommen leer und genauso nackt wie der Tänzer), das Fehlen von Musik oder Kostümierung und die teilweise monotone Präsentation, aber auch ungekünstelte Aneignung von Bewegungsabfolgen, wirkt der Tanz nüchtern und ist eben einfach so wie er ist. Vor allem jedoch wird der Körper an sich ausgestellt, und das selbstverständlich während er sich bewegt, es geht ja schließlich um Tanz. Dass Charmatz dabei nackt ist, ist somit also auch nicht verwunderlich. Vor allem, wenn er relativ neutral 100 Jahre Tanzgeschichte darstellen soll.

Am Ende erhält die Performance dann doch noch einen starken Beigeschmack an Absurdität, indem auf die Nacktheit und somit die Sichtbarkeit des Geschlechtsorgans explizit aufmerksam gemacht wird. Charmatz fängt an, mit seinen Geschlechtsteilen herumzuspielen, sie zu verformen oder an ihnen zu ziehen, um schließlich seine Performance damit abzuschließen, den Penis nach oben gerichtet, wie eine Fontäne, Wasser zu lassen. Das Licht geht aus und während die meisten Zuschauer Beifall klatschen, nutzen andere die Dunkelheit, sich vorzeitig aus dem Staub zu machen. Der Saal wird wieder hell – und Boris Charmatz? Der ist bis auf seinen Urin schon längst verschwunden.

Eine bleibende Erinnerung für die immateriellen Museen des Tanzes im 20. Jahrhundert.

Veröffentlicht am 03.03.2014, von Gastbeitrag in Homepage, Blogs, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3131 mal angesehen.



Kommentare zu "Bleibende Erinnerung"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    GEWONNEN UND VERLOREN

    Ralf Stabel kehrt nicht an die Staatliche Ballettschule zurück
    Veröffentlicht am 03.09.2020, von tanznetz.de Redaktion


    XENIA WIEST KOMMT NACH SCHWERIN

    Das Mecklenburgische Staatstheater bekommt mit Xenia Wiest eine neue Ballettdirektorin
    Veröffentlicht am 01.09.2020, von tanznetz.de Redaktion


    MONIKA GRÜTTERS STÄRKT DEN TANZ

    Neue Hilfsprogramme für die besonders gefährdete Kunstform
    Veröffentlicht am 30.07.2020, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    STEPHAN HERWIG :: IN FELDERN

    Das neue Tanzstück von Stephan Herwig feiert am Donnerstag, 29. Oktober 2020, in München Premiere.

    Das differenzierte Zusammenspiel von Tanz, Raum und Licht prägt Stephan Herwigs Choreografien - für seine neue Arbeit ergänzt und bereichert durch ein Objekt mitten im Bühnenraum.

    Veröffentlicht am 11.09.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    NACHTMAHR BEI TAGE

    Maria Chiara de’Nobili macht mit „Almost nothing“ in Dresden Alzheimer sichtbar

    Veröffentlicht am 20.09.2020, von Rico Stehfest


    TANZENDE HÜHNER

    „Bildzerstörer“ von Bodytalk und Teatr Rozbark im Pumpenhaus Münster

    Veröffentlicht am 20.09.2020, von Gastbeitrag


    EIN RAUM FÜR ALLE

    Ein Studio für die freie Tanzszene in Heidelberg

    Veröffentlicht am 19.09.2020, von Alexandra Karabelas


    HEUTE HIER, MORGEN DORT

    "7 PORTRAITS OF SOLITUDE - 7 Films by David Dawson" hat heute seine Online-Premiere

    Veröffentlicht am 17.09.2020, von Boris Michael Gruhl


    MOZARTS EROTIK AUF DER SPUR

    „Ohne Giovanni. Aber mit Mozart“ von Katja Erdmann-Rajski in Stuttgart

    Veröffentlicht am 19.09.2020, von Gastbeitrag



    BEI UNS IM SHOP