KRITIKEN 2012/2013



Leipzig

ZWÖLFMAL TANZ AN ZWÖLF ORTEN: "MIT ALICE IN DEN STÄDTEN“

Das Künstlerkollektiv Go Plastic aus Dresden im Leipziger LOFFT


  • "Mit Alice in den Städten" – das Dresdner Künstlerkollektiv Go Plastic im Leipziger LOFFT Foto © Juliane Müller
  • "Mit Alice in den Städten" – das Dresdner Künstlerkollektiv Go Plastic im Leipziger LOFFT Foto © Juliane Müller
  • "Mit Alice in den Städten" – das Dresdner Künstlerkollektiv Go Plastic im Leipziger LOFFT Foto © Juliane Müller

Eigentlich müsste man „Mit Alice in den Städten“ zwölfmal sehen. Denn vermutlich läuft jede der Städtereisen mit Alice anders ab. Die zwölf Stationen werden jeweils in anderer Reihenfolge angetanzt. Das Los entscheidet. Die Kompanie selbst weiß laut Programmzettel nicht, welche Musik, welche Sounds als nächste zugespielt werden, welche Stationen und welche dazugehörigen Choreografien aufeinander folgen. Für die Zuschauer aber folgen die zwölf Stationen ohne wahrnehmbare Unterbrechungen aufeinander.

Das „Zufallsprinzip“ hingegen wird sichtbar gemacht, indem die Tänzerin Sarah E. Lewis im eleganten, schwarzen Abendkleid in einem Kasten aus Plasteglasscheiben jeweils Karten zieht und deren Nummern in unsichtbarer Schrift auf die Scheiben schreibt. Hin und wieder spielt sie mit einem großen Wollknäuel, als versuche sie dem Faden der Ariadne zu folgen, kommentiert mit ihren Bewegungen auch das Geschehen an den Stationen, wozu sie Requisiten aus Geschenkkartons entnimmt, die sich auch andernorts in der ganzen Szene verteilt befinden.

Andere Stationen dieser Städterreise sind ein altmodischer Tisch und zwei Stühle aus schwerem Gusseisen, wie man es in alten Gärten oder Terrassen von Kaffeehäusern finden könnte. Hier sitzt ein massiges Tier aus Plüsch. Ob Herrscher der Kaninchen oder König der Mäuse, ist nicht ganz eindeutig erkennbar. Es gibt eine Kaffeebar, auf der Menschen und Kaffeetassen tanzen, an der getrunken und von der aus Wasser auf Tänzer unterm Regenschirm geschüttet wird. Eine Vielzahl schwarzer Autoreifen findet Verwendung in unterschiedlich zu fügenden plastischen Konstellationen. Von besonderem Reiz ist es, wenn die Reifen zu Türmen aufgeschichtet werden und die Tänzer darin die Gebilde bewegen oder wie seltsame Gewächse im Wind sich daraus hervor bewegen. So wie die Szenen in austauschbarer Reihenfolge Gestalt gewinnen, so tauschen auch zwei Tänzerinnen und ein Tänzer ihre Gestalten. Wobei sie aber dennoch in der Art ihres Tanzes oder ihrer Bewegungskunst jeweils gewissen Typisierungen verpflichtet bleiben. Da ist vor allen Josefine Wosahlo als Tänzerin mit ausgesprochen starker Bewegungspräsenz. Susan Schuberts Part hingegen ist zurückhaltender, als gelte es ein Gegensatzpaar zu zeigen: was sich die Eine traut, und was sich die andere noch nicht, oder nur unter Zögern zutraut. Robin Jung ist der Mann für alle, für beide Frauen und für sich selbst. Ob er geradewegs mit dem Gesicht in eine Geburtstagstorte matscht, von den Kolleginnen gewässert wird, oder mit Josefine Wosahlo eine rasante Showeinlage tanzt.

Cindy Hammer hat dieses Verwirrspiel mit den unterschiedlichen musikalischen Sounds und Songs, für die allein zehn Namen und Stile stehen, inszeniert und choreografiert. Alltagsgegenstände, Straßenrequisiten, Tanz- und Musikstile werden genutzt, um ein Verwirrspiel wie ein Puzzle aus zwölf Teilen in 75 Minuten willkürlich zusammenzusetzten und festzustellen, dass es augenblicklich, in dieser Zeit, in dieser Tanz-Theater-Welt passt. Morgen wird es anders sein. Für Tänzer offensichtlich kein Problem, für Zuschauer auch nicht: denn zu schroffen oder gar provozierenden Unstimmigkeiten kommt es nicht. Man zieht mit Alice durch die Städte, kommt hier und da per Zufall an, man verweilt länger oder kürzer, Eile ist nicht angesagt, Gefahren scheinen auch nicht zu lauern. Und darin mag das Problem liegen. Es fehlt diesem sympathischen Tanz-Trip noch an Momenten existenzieller Schärfe, es fehlt an Abgründen, an denen die Reisegesellschaft mit Alice gerade noch mal so vorbei schrammt. Die Potenzen sind auf jeden Fall da, tänzerisch, choreografisch, musikalisch und auch was die Ideen angeht. Und weil das so ist, möchte man gerne gespannt sein auf die weiteren Stationen der Reise mit Alice, alias Cindy Hammer und Go Plastic, an noch verrücktere, irreale Orte, als Spielgelbilder der scheinbar so normalen Realität.

Veröffentlicht am 11.09.2012, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2012/2013

Dieser Artikel wurde 3225 mal angesehen.



Kommentare zu "Zwölfmal Tanz an zwölf Orten: "Mit Alice ..."



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    VERTRAUENSVOLLE ZUSAMMENARBEIT

    International Greater Bay Dance and Music Festival in Südchina
    Veröffentlicht am 15.10.2018, von Dagmar Klein


    ABSCHIED

    Yuki Mori verlässt das Theater Regensburg
    Veröffentlicht am 15.10.2018, von Pressetext


    DIREKT UND STARK

    Die TanzTour der Freien Szene in Stuttgart
    Veröffentlicht am 14.10.2018, von Katharina de Andrade Ruiz



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ZORBAS

    Roberto Scafati, der neue Ballettdirektor des Theaters Trier, eröffnet die Spielzeit 2018/19 im Tanz mit Mikis Theodorakis’ Ballettsuite ZORBAS. Das Stück feiert am 13. Oktober im Großen Haus Premiere.

    In diesem Werk sucht der griechische Komponist erstmalig eine Verbindung symphonischer Formen mit dem traditionellen Liedgut seiner Heimat – für Chor und Solisten.

    Veröffentlicht am 28.09.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    FAIR? FESTIVAL!

    Die internationale tanzmesse nrw 2018 in Düsseldorf - Ein Rückblick
    Veröffentlicht am 05.09.2018, von Natalie Broschat

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    PHILIP LANSDALE GESTORBEN

    Am 10.10. verstarb der ehemalige Bielefelder Ballettdirektor

    Veröffentlicht am 11.10.2018, von Pressetext


    ABSCHIED

    Yuki Mori verlässt das Theater Regensburg

    Veröffentlicht am 15.10.2018, von Pressetext


    WESTERNHELDEN UND STEPP-ROMANTIK

    "Cowboys" mit der Sebastian Weber Dance Company am LOFFT in Leipzig

    Veröffentlicht am 17.10.2018, von Boris Michael Gruhl


    GLITZERFUMMEL VS T-SHIRT

    Godani meets Forsythe bei der Dresden Frankfurt Dance Company

    Veröffentlicht am 15.10.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP