Suche nach anderen Körperlichkeiten
Die neue präsentiert sich mit gleich zwei Premieren am Leipziger Lofft.
Elsa Artmann und die Forward Dance Company: „Ich summe, um das Bersten zu übertönen“
Am Ende, nach 60 Minuten Performance, sitzen alle sechs Tänzer*innen versammelt und singen: „Making peace, with a poisonous place. No peace with a poisonous place.“ Sie singen zusammen, aber das „making“ und „no“ macht jede*r wie er oder sie es will. Mehr Einheit ist nicht zu erreichen. Es bleibt kompliziert.
Elsa Artmann hat die Leipziger Forward Dance Company im Lofft auf eine Reise geschickt unter dem etwas sperrig-paradoxen Titel „Ich summe, um das Bersten zu übertönen“. Die mixed-abled Company unter der Leitung von Gustavo Fijalkow ist in dem Leipziger Theater beheimatet und erarbeitet jedes Jahr eine Choreografie mit wechselnden Choreograf*innen, jedes Mal neu und jedes Mal eine Herausforderung.
Video und Fragmente als Struktur
Die erste Setzung, die Artmann vornimmt, ist eine Konfrontation zwischen Video- (Ale Bachlechner) und Live-Tanz. Während der Performance laufen immer wieder Videoeinspielungen, teils aufgenommen auf der Bühne, teils in unkonkreten Kellern oder anderen Räumen, welche die laufenden choreografischen Situationen spiegeln. Es ist, als ob die Tanzenden sich selbst zitieren oder sich in einem immerwährenden Loop befinden. Alles ist schon mal da gewesen, zugleich aber weichen Bild und Bühne auch klar voneinander ab. Wiederholung und Veränderung, Iterationen eines Themas brechen sich Bahn.
Das zeigt sich auch im Rest. Alles wird fragmentarisch und zerstückelt. Die Musik von Annie Bloch nutzt einzelne Saxofonstöße oder Orgelanspiele, die kurz und schnell hintereinander montiert sind. Auch die Bewegungen wirken mitunter zersplittert und laufen wellenförmig durch die Körper. Die Gruppe findet lange nicht zusammen, manchmal knäulen sich zwei auf einem Rollstuhl, wird mit Krücken durch die Luft gefahren, was Ausweichmanöver produziert oder es gibt einzelne Monologe und Soli. Aber einen Flow bekommt das Ganze nicht, alles taucht auf und verschwindet, fast schon zufällig und unverbunden. Nur manchmal kommt Gemeinsamkeit auf, wenn Tamara Rettenmund sich nach einem Monolog übers Fallen nach hinten in die Arme der Company fallen lässt oder wenn Lisa Zocher ein Solo für ihre spastische rechte Hand performt und die anderen Tänzer*innen im Video wie auf der Bühne zu aktiven Zuschauer*innen werden.
Zerschellende Splitter
In wechselnden Duetten ringen die Tanzenden miteinander, und immer wieder tauchen kryptische Wortreihen auf, aber ein Bild ergeben sie nicht, vielmehr verharrt der Abend über weite Strecken in Andeutungen auf allen Ebenen, die wie Splitter hintereinander auf die Bühne schießen und dort zerschellen, wie Kapitel aus einem Buch der Unruhe. Das wird mitunter ganz schön morbid, wenn Yen Lee, die die ganze Zeit eine Art glitzernden Gitterschutz auf Kopf und Gesicht trägt (Kostüme: Noemi Baumblatt), einer Zuschauerin vorsingt: „To die by your side is such a heavenly way to die.“
Hier und da finden sich schöne Bilder, wenn etwa Renan Manhães und Mouafak Aldoabl sich gegenseitig im Wechsel halten und dann auf die Füße stellen, sodass der jeweils andere nun gehalten wird, aber die Kreuzfigur der beiden Körper unverändert scheint. Oder wenn Alfred Quarshie und Lisa Zocher in ihren Rollstühlen aufeinander losgehen.
Der Schluss ist da schon fast utopisch: Es gibt kein Paradies mehr, da bleibt nur, aus den Trümmern das Beste zu machen. Was auch immer das sein wird.
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