Drei Personen sitzen nebeneinander auf dem Boden. Sie halten eine ruhige, gemeinsame Pose, als wären sie Teil eines inszenierten Standbilds. Die Umgebung und ihre Kleidung erscheinen überwiegend in Grau-, Blau-, Weiß- und Schwarztönen.

„A Change is as Good as a Rest“ von Sanfte Arbeit, Performance: Anne-Lene Nöldner, Diana Treder und Elsa Artmann

Aufhören! Weitermachen!

„A Change is as Good as a Rest“ von Sanfte Arbeit in der Tanzfaktur Köln

Auf Berg- und Talfahrt im Kulturkapitalismus verwickelt Elsa Artmann sich selbst, ihr Ensemble und das Publikum in eine gemeinsame Übung im Anhalten.

Köln, 19/04/2026

Von Hannah Emami

 

„Solange ich hier stehe, heißt das: Noch kein Crash.“ Im fast leeren Bühnenraum schaut das Publikum von drei Seiten auf das Geschehen. Die Sitzreihen verlaufen in ungewohnten Winkeln und sind immer wieder unterbrochen, um Platz für die Tänzerinnen zu machen. Elsa Artmann, Anne-Lene Nöldner und Diana Treder sitzen schon während des Einlasses in den Lücken, bereit, über ihren Schaffensprozess und die Bedeutung von Pausen zu reflektieren. Dabei stellen sie Behauptungen von Austauschbarkeit an: „A change is as good as a rest.” „A rest is as good as a crash.” Oder: „A leap is as good as an hour of sleep”. Manchmal ist ein Tanzstück so gut wie eine produktive Therapiesitzung. 

Manchmal ist eine Stütze so gut wie ein Sicherheitsgurt

Die Drei gehen langsam einige Schritte vorwärts, nur um denselben Weg schnell und weiter zurückzurennen. Wie für Sanfte Arbeit typisch, formt Sprache die Bewegung und umgekehrt: Während eine der Tänzerinnen immer wieder erzählt, einen Hügel hinauf und einen Berg hinabzugehen, singen die anderen hoch und rhythmisch „Peak! Valley!“ Gipfel und Tal. „Peak, Peak! Valley!“ Klang, Text und Bewegung übereinanderzulegen und zu verweben, ist eine der charakteristischen Stärken von Sanfte Arbeit. Rückwärts rennend stößt Artmann fast mit einer Zuschauerin zusammen. Diese hebt die Hand, um sie zu halten. Die Tänzerin nimmt die Unterstützung an und bedankt sich mit einer Geste, einem Blick. Der ungeplante Moment zeigt die besondere Beziehung, die hier mit dem Publikum etabliert wird. Gleichzeitig passt er inhaltlich wie die Hand zwischen die Schulterblätter: Der ganze Abend ist eine Übung im Anhalten. 

Manchmal ist eine Pause so gut, wie einen Förderantrag zu stellen

Das Tanz- und Hörstück „A Change is as Good as a Rest“ bildet den letzten Teil der künstlerischen Auseinandersetzung der Kölner Gruppe mit Arbeit und Selbstausbeutung im Kulturkapitalismus, der Vermischung von Privatleben und Lohnarbeit. Der Umstand, dass die Premiere von der Choreografin Elsa Artmann aus gesundheitlichen Gründen mehrmals verschoben und beinahe abgesagt werden musste, fügte dem Projekt unfreiwillig einen Real-Prolog hinzu. „Mal wieder passt die persönliche Krise super zum Thema“. Aktuell ist Anhalten für Artmann und ihr Ensemble besonders schwierig: Im März eröffnete das Vorgänger-Stück derselben Serie mit dem Titel „Langes Wochenende“ erfolgreich die Tanzplattform Deutschland 2026 in Dresden. „A Change is as Good as a Rest“ setzt inhaltlich und atmosphärisch da an, wo uns der vorherige Abend zurückließ: Das Thema der Intimität bleibt erhalten, fordert nun aber neben athletischen Darbietungen mehr Momente der Ruhe und Distanz oder in den Worten von Sanfte Arbeit: „Wir finden es ist okay, wenn es zwischendurch auch mal schön ist“.

Manchmal ist Hören so gut wie Fühlen

Humorvoll-selbstironisch verkörpern die personifizierten Konzepte „Rock Bottom“ (Elsa Artmann), „Slowly Falling“ (Diana Treder) und „Not Yet Daylight“ (Anne-Lene Nöldner) Perspektiven und Schwierigkeiten im Schaffensprozess. Es wird mit Nähe und Distanz gespielt, mit gegenseitigem Stützen und freiem Fall. Manche Songs haben Ohrwurm- bzw. Sinnspruchqualitäten: „Another Job is as good as this one“ – „If you´re too exhausted then you are doing something wrong”. Der nachdenkliche Sound von Annie Bloch vermischt sich mit den Stimmen der Tänzerinnen – mal erzählend, mal singend, mal dem Publikum ins Ohr flüsternd. Artmann lehnt sich kurz an die Wand, ruht sich aus. Im nächsten Moment drehen sich Nöldner und Treder im Kreis, sich gegenseitig im Arm haltend: „All is well as long as we keep spinning“. Das wiederkehrende Motiv der Drehungen spielt wirkungsvoll auf das Dilemma zwischen Weitermachen und Aufhören an. 

Manchmal ist eine Produktion ist so gut wie ihr Inhalt

Der sorgfältig angebahnte, auf Verhandlung und echtem Einverständnis basierende Publikumskontakt verleiht der Performance ihre besondere Form der Glaubhaftigkeit. Persönlich und auffallend ungezwungen gehen die Zuschauer*innen auf die Berührungs- und Bewegungsangebote der Tänzerinnen ein. In diesem Zusammenhang überrascht es nicht, dass die Relaxed Performance das Thema Zugänglichkeit nicht einfach abhakt, sondern auf allen Ebenen mit bedenkt. Dabei ist das Ensemble besonders um blindes und seheingeschränktes Publikum bemüht (Accessdramaturgie: Lilian Korner). 

Es bleibt zu hoffen, dass die Gruppe um Artmann diese sanfte Arbeitsweise zukünftig auch sich selbst zuteilwerden lässt und nicht nur erschöpft, sondern sich selbst mit der einen oder anderen widerständigen Selfcare-Strategie aus der eigenen Stückserie entlässt.

 

 

Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW

Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW“, einer Kooperation von tanznetz mit dem Masterstudiengang Tanzwissenschaft des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz (ZZT) an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und dem nrw landesbuero tanz.

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