KRITIKEN 2011/2012



Berlin

REDEFREUDIGE PERFORMANCE VERSUS TANZ

Abschluss beim 24. Internationalen Festival „Tanz im August“


  • „Gnosis“ von Akram Khan Foto © Dieter Hartwig
  • „Gnosis“ von Akram Khan Foto © Dieter Hartwig
  • "Drugs kept me alvie" mit Tony Rizzi von Jan Fabre Foto © Dieter Hartwig
  • „Crack“ von Arco Renz Foto © Dieter Hartwig
  • „Gnosis“ von Akram Khan Foto © Dieter Hartwig

Stand das erste Drittel von „Tanz im August“ im Zeichen der Auftaktproduktion von Saburo Teshigawara, so prägte die beiden letzten Drittel mit Akram Khan ein weiterer Innovator des zeitgenössischen Tanzes. „Gnosis“ von 2009 zitiert den Begriff für Erkenntnis im religiösen Sinn und übersetzt ihn in dichten Tanz. In Teil 1 greift der in Bangladesh geborene, in London lebende Choreograf Motive aus zwei seiner Kathak-Solos auf: in Armführung, Handgestik, Fußsatz prägnant, in Drehungen, Wellen, Schwüngen flink, ganzkörperlich beredt in anbetender Zeremonie. Tabla, Cello, Drums, Violine und seine Fußschellen begleiten, treiben ihn in immer rasanteres Tempo. Nach kurzer Einführung nutzt er das Bewegungsmaterial in Teil 2 für eine Episode aus Indiens Nationalepos „Mahabharata“: fünf Szenen um Gandari, die Tochter des Königs von Gandhara, die einen blinden Prinzen heiraten muss, sich solidarisch die Augen verbindet. Ihr ältester Sohn wird zur morallosen Kampfmaschine, die alle Geschwister tötet. Mutter stirbt gramvoll bei einem Waldbrand.

Khan findet für dieses Gleichnis auf das Heute überwältigend theatrale Bilder. In nebligem Spot agiert mit Stock und fast am Platz blockhaft die Mutter, ganz mythische Gestalt, die sich wiegt, schlängelt, den Sohn gebiert. Mit ihm ficht sie, von der Live-Musik und erzählendem Gesang gelenkt, verliert gegen seine Brutalität, tobt sich in glühender Röte in den Tod. Der Sohn empfängt etwas von ihr, was in den Händen kreist, ihn zittern lässt, ehe er verunsichert durch jenen Spalt in der Auskleidung entschwindet, aus dem er aufgetreten war. Tanz von elementarer Wucht und mit humanistischem Appell, zu dem Fang-Yi Sheus Mutterfigur Großes beiträgt. Von anderer Couleur und enorm einprägsam auch „Drugs kept me alive“, Jan Fabres Solo für Antony Rizzi. Selbstbetrügerisch redet sich der Akteur seine Drogenabhängigkeit schön: als Chance, die Grenzen der Existenz zu erweitern. Wie der Ex-Forsythe-Tänzer Rizzi die Brüche von Rausch zu Entzug gestaltet, die falschen Freunde aus der Flasche liebkost, mit welcher Präsenz er aufwartet, ist grandios. Eine Performance der Sondergüte, von tragikomischer Tiefe. Zwischen Humor und Gesellschaftskritik changiert „Ship of Fools“. Niv Sheinfeld und Oren Laor aus Israel übertragen Sebastian Brants Mittelalter-Parabel „Narrenschiff“ auf ein Trio, in dem eine Frau mit ihrem Drang zum Ballett zwei Männer dominiert, sich führen und schleppen lässt. All der Blödel um mehr Fragen als Antworten schlägt in Dramatik um, als ein Song, den zuvor der Saal lernte, aus dem Off pathetisch bombastisch jeden Widerspruch niedertönt, ehe er im Nichts verhallt. Kritik auch am Politiker-Getön im eigenen Land? Beängstigend militärisch stellte sich Carte Blanche, Norwegens 1989 gegründete Nationalkompanie für Zeitgenössischen Tanz, in „Corps de Walk“ vor. Das israelische Doppel Sharon Eyal und Gai Behar presst die zwölf Tänzer unisex in inkarnatfarbene Trikots und verordnet ihnen in milchiger Atmosphäre zackige Marschier-Formationen, aus denen nur selten jemand auszubrechen versucht. Marionetten in maschineller Unaufhaltsamkeit mähen den Raum nieder, ein kopfwackelnd inhumanes Räderwerk, das sich mitunter ballt, die Hände floral nach oben ranken lässt. Gleichmotorik von ästhetischem Reiz, wiewohl etwas ermüdend. Reiz hat auch „Crack“ im Bemühen, kambodschanischen Khmer-Tanz für das Heute nutzbar zu machen. Posen, wie man sie von den Darstellungen der Apsaras, der himmlischen Tänzerinnen, kennt, lösen sich in freien Tanz auf, brillant präzis getanzt, vom Choreografen Arco Renz indes nicht straff genug gefügt.

Weniger und weniger Tanz sehe man heute auf der Bühne, klagte Akram Khan in seiner Moderation. Zu viele Gastspiele lieferten den Beweis. Vom witzigen Dialog mit John Cages Vortrag „Lecture On Nothing“ über endlos schwadronierende Performances und die Reanimation einer künstlerisch überholten Schwulen-Thematik von 1986 bis zur faden Travestie mit dreisten zwei Stunden Länge reichte das Spektrum. Womit uns 2013 die dann neuen Kuratoren überraschen, darf man gespannt erwarten.

Veröffentlicht am 25.08.2012, von Volkmar Draeger in Kritiken 2011/2012

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