KRITIKEN 2011/2012



Köln

LIEBE AUF DEM PRÜFSTAND

Doppelabend „Serenade Me“ in der Halle Kalk


Dass die Liebe ein seltsames Spiel ist, wusste die Sängerin Connie Francis schon 1960, als sie mit dem gleichnamigen Schlager ihren größten Hit landete. Ein halbes Jahrhundert später, 2012, scheint das MichaelDouglasKollektiv noch der gleichen Meinung zu sein und engagierte gleich zwei Choreografen zum Dauerbrenner Liebeslust und Liebesleid. So entstand in Kooperation mit dem Schauspiel Köln der zweiteilige Tanzabend „Serenade Me“, der in der Halle Kalk uraufgeführt wurde. Es ist ein Tanzabend der Extreme, der das Thema Liebe von zwei sehr verschiedenen Seiten angeht.

Während Choreograf Georg Reischl in „Serenade“ ganz auf die emotionale Wirkung von Tschaikowskys „Serenade für Streicher in C-Dur“ vertraut, inszeniert Vivienne Newport in ihrem Teil des Abends mit dem bezeichnenden Titel „loving losing loving living“ Pop-Musik, die sich mit den Höhen und Tiefen der Liebe beschäftigt. Damit wird das Stück zu einem musikalischen Streifzug durch die Musikgeschichte des Pop, garniert von tänzerischen Episoden. Von den hingehauchten Liebesliedern einer Barbra Streisand über Otis Redding, den Stones bis hin zur brüchigen Stimme von Randy Newman, der kürzlich sogar eine Liebesballade für seine geschiedene Ex-Frau komponierte, findet sich Komplementäres und Widersprechendes nebeneinander. So wenig die musikalischen Zitate ein geschlossenes Ganzes ergeben, so wenig wächst hier tänzerisch zusammen, was eigentlich zusammen gehörte. Als wäre Liebe nur eine kurze Begegnung, verweilen die tänzerischen Paare selten länger als eine Umarmung beieinander. Die Umarmung ist manchmal Zuflucht, öfter aber, so scheint es, Umklammerung, der man sich schnell wieder entwindet. Deshalb fliegen die Plattencover dann auch stapelweise wütend über die Bühne. Newports Episodensammlung hält nicht das was sie verspricht. Lange dauert es, bevor sich überhaupt ein fließender szenisch-tänzerischer Verlauf entwickelt – doch da ist das Stück bereits am Ende.

So wird dieser Tanzabend ganz klar geprägt von seinem ersten Teil, Georg Reischls Choreografie „Serenade“. Reischl hat ein Tanzstück choreografiert, das aus reinem Tanz besteht, das sich dabei ganz auf die inspirierende Kraft der Musik und das Können seiner Tänzer verlässt. Alle Stamm- und Gast-Tänzer des MichaelDouglasKollektivs kommen hier mit ihren tänzerischen Qualitäten zum Zug: Douglas Bateman, Bryndis Brynjolfsdottir, Michael Maurissen, Sabina Perry, Adam Ster und Inma RubioThomas. Liebende Erinnerungen an den Tanz bringt Sabina Perry erst verbal, dann tanzend ein, wird damit durchgängig zur tänzerischen Protagonistin der Liebe. Man „glaubt“ ihren Bewegungen, die erzählend die Erinnerung unterstreichen. „Serenade“ bewältigt ein klassisches Thema mit klassischer Musik und zeitgenössischen Tanzformen. Fein gestaltet Choreograf Reischl die Trios und Duette mit den Stimmungsmomenten von Tschaikowskys Musik, findet dabei eine durchgängig klare Struktur. Nur manchmal streift er knapp die Leitplanke zur pathetischen Form. Es ist das Verdienst der Tänzerinnen und Tänzer, immer wieder schnell zurück zu kommen zum klaren Ausdruck des Tanzes.

Der Abend in seiner Gesamtheit hinterlässt doch zwiespältige Gefühle. Einerseits zeigt er die Bandbreite des MichaelDouglasKollektivs auf, andererseits steht er in seinem Kontrast symptomatisch für die immer noch andauernde Suche des Ensembles nach seinem künstlerischen Weg. Auch nach drei Jahren künstlerischer Selbstständigkeit bleibt offen, wofür dieses Ensemble überhaupt steht.

Veröffentlicht am 06.04.2012, von Klaus Keil in Kritiken 2011/2012

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