KRITIKEN 2009/2010



Erfurt

ZUFALL UND ZÄRTLICHKEIT

„Nearly 90²“ der Merce Cunningham Dance Company ist das Tanzereignis beim Kunstfest Weimar


  • Merce Cunningham Dance Company Foto © Anna Finke
  • Merce Cunningham Dance Company Foto © Anna Finke

Was wir ahnten, glaubten oder wünschten, wir haben es jetzt erfahren, gesehen und gespürt, samt jenen Schauern, die über die Haut gehen, die Härchen aufstehen lassen, wenn uns das Außergewöhnliche freundlich berührt. Im Paradies wurde getanzt und im Himmel wird getanzt. Einer, der aus dem Vorrat paradiesischer Erinnerungen schöpfte und im Hinblick auf alles was nach der kurzen Spanne zwischen Herkunft und Ankunft auf uns wartet, der dem Zufall als entscheidender Kraft zwischen den Energiepolen an den Lebensschwellen vertraute, war der amerikanische Tänzer und Choreograf Merce Cunningham. Er ist im letzten Jahr im Alter von 90 Jahren gestorben.

„Fast Neunzig“ war er, als er seine letzte Choreografie schuf. „Nearly Ninety“ wurde am 16. April 2009, seinem 90. Geburtstag, uraufgeführt. Ein so bewegtes wie bewegendes Vermächtnis für sieben Tänzerinnen und sechs Tänzer, jetzt in der Tourneefassung erstmals in Deutschland zu sehen. Diese Feier der Behutsamkeit geschieht auf schwarzer Bühne, deren Horizont sich hebt, zunächst einen Leuchtstreifen, dann eine große Lichtfläche frei gibt, die sich zum Ende wieder fast verdunkelt, jedoch in kaum erkennbarem Lichteffekt sich zu einem Tunnel verengt, dessen Ziel verborgen bleibt.

Der Tanz erzählt keine Geschichten im üblichen Sinne, die 13 Tänzerinnen und Tänzer beglücken uns mit ihren spielerischen Formen, die daran erinnern, wie Kinder entdecken, dass ihnen eine Vielfalt an Formen der Fortbewegung gegeben ist, wenn sie nur die Begrenzungen normierter Zweckmäßigkeit hinter sich lassen. Die Freude an der Wiederholung mit leichten Veränderungen und die Wahrnehmung des Zufalls in der Begegnung oder in der Empfindung des Raumes schaffen ein weites Spektrum der Verwandlungen von Erfahrungen in den Tanz. Dessen klassische Grundierungen bleiben erkennbar, auch wenn Symmetrien und Synchrones vermieden werden, es sei denn sie verdanken sich dem wiederholbar gemachten Zufall. Die Liebe zur Eleganz weiter Linienführungen ist unübersehbar und erfährt durch die Mitglieder der Kompanie schönste Gestaltung. Manchmal meint man Fragmente eines Pas de deux oder Pas de trois zu erkennen, nur sind die Zuordnungen aufgehoben, hier ist nicht männlich und nicht weiblich, es gilt die Vision der umspannenden Behutsamkeit im zärtlichen Umgang mit dem eigenen Körper, dem Zufall der Begegnung und der Unvorhersehbarkeit wechselnder Raumempfindungen.

So entstehen geheime Korrespondenzen zwischen den Tänzerinnen und Tänzern, deren Maß an Zartheit gegen die Härte der Klänge schwingt, welche mitunter durch den elektronischen Sound, den John King und Tkehisa Kosugi live verbreiten, an donnernden Hubschrauberlärm erinnern oder wie Peitschenhiebe in den Raum schlagen. Der Tanz in seinen Bewegungen, in seinen Linien und in seiner Rhythmik assoziiert eher Gesang, instrumental wie das weiche Spiel einer Oboe, dann wieder mit der Leidenschaft des dunklen Celloklanges oder wie jene Töne menschlicher Stimmen in den Liturgien des frühen Mittelalters. Dieser Tanz, selbstbewusst aber ohne jeden Anklang von überrumpelnder Militanz aus Bravour oder artistischer Verblüffung, gibt letztlich eine Ahnung vom Unendlichen in der Endlichkeit, allein auch deshalb, weil sich nach knapp 90 Minuten der Vorhang senkt.

Was Cunninghams 13 Tänzerinnen und Tänzer aber in diesem Zeitfenster geleistet haben, wie sie mit den enormen technischen Ansprüchen souverän umgegangen sind – man denke nur an die vielen weit ausgereizten Varianten des Tanzes auf der halben Spitze – das entlässt uns in einen wunderbaren Zustand der Gelassenheit gegenüber aller Endlichkeit und befreitem Augenmaß für die gültige Schönheit des Zufalls.

www.merce.org www.pelerinages.de

Veröffentlicht am 30.08.2010, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 5247 mal angesehen.



Kommentare zu "Zufall und Zärtlichkeit"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




Ähnliche Beiträge

MERCE CUNNINGHAM NIMMT ABSCHIED

Mit „Event“ beim Kunstfest Weimar und im nächsten Jahr bei Tanz im August 2011 in Berlin

Veröffentlicht am 02.09.2010, von Hartmut Regitz


 

AKTUELLE KRITIKEN


„DAMALS LEBTE ICH NOCH IM PRÄSENS“

Skoronel Reloaded/Judith Kuckart: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ in der „Wartburg“ Wiesbaden
Veröffentlicht am 20.09.2021, von Gastbeitrag


DIE ENTHÜLLUNG DES SELBST

„Personne“ von Isabelle Schad und Laurent Goldring in der Tanzhalle Wiesenburg
Veröffentlicht am 19.09.2021, von Gastbeitrag


WOHNZIMMERDISKO

„All in One“ lässt im Societaetstheater Dresden die Wände wackeln
Veröffentlicht am 18.09.2021, von Rico Stehfest



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



ECTOPIA

Choreographie Richard Siegal 2021, aufgeführt mit SHOOTING INTO THE CORNER (2008-09) von Anish Kapoor

Seit 2015 bringt das Tanztheater neben Stücken aus dem Repertoire von Pina Bausch auch Kreationen verschiedener Gastchoreograph*innen auf die Bühne.

Veröffentlicht am 16.09.2021, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


ZUSAMMENARBEIT

Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


EIN SCHWERER VERLUST

Ismael Ivo ist gestorben
Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

MEISTGELESEN (7 TAGE)


ALFONSO PALENCIA WIRD BALLETTDIREKTOR IN BREMERHAVEN

Ab der Spielzeit 2022/2023 tritt der Spanier Alfonso Palencia die Nachfolge von Sergei Vanaev an.

Veröffentlicht am 14.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


KINDERBRILLE AUFSETZEN!

Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


VORWÜRFE GEGEN TANZDIREKTORIN

Eine Compliance-Kommission prüft Vorwürfe von Tänzer*innen gegen Mei Hong Lin am Landestheater Linz.

Veröffentlicht am 17.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


AUSZEICHNUNGEN FÜR IVAN LIŠKA UND JIŘI KYLIÁN

Die Republik Tschechien ehrt verdiente Choreografen.

Veröffentlicht am 18.09.2021, von Pressetext


MÜLLSCHLACHT UND SEKTDUSCHE

Fotoblog von Dieter Hartwig

Veröffentlicht am 14.09.2021, von Dieter Hartwig



BEI UNS IM SHOP