„Khooee“ von Igor Volkovskyy 

Wechselbad der Gefühle

Zum sechsten Mal „PTAH“: Das Essener Aalto-Ballett gibt Tänzer*innen die Chance, ihr choreografisches Talent zu entdecken.

Miteinander, Gewalt, Identität aber auch Humor und Unterhaltung inspirierten die Essener Nachwuchschoreograf*innen zu ihren Arbeiten. Und tauchen dabei das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle.

Essen, 27/06/2026

von Susanne Mansfeld

Wie funktionieren wir miteinander? Fast wissenschaftlich geht William Emilio C. Hechavarria in „Quiankun“ an diese Frage heran. Die physikalische Verbindung zwischen Himmel und Erde, Anziehung und Abstoßung haben ihn fasziniert. Daraus entstanden ist ein Duo, das mit Bewegungen aus dem Repertoire des Contemporary klare und starke Shapes zeigt und dabei bewusst auf große Gefühle verzichtet.

„What kind of dance ist this? We call it life!“ tönt es aus dem Off bei Igor Volkovskyys ebenso verspielter wie origineller Choreografie „Khooee“.  Auch hier geht es um Beziehungen und das alltägliche Miteinander. „Khooee“ beginnt mit einer Runde stille Post durch die Reihen des verblüfften Publikums. Überrascht mit einer Sequenz, in der vorne auf der Bühne ein Korb voller Äpfel aussortiert und geschält wird – mit ganz überraschenden Reaktionen der Gruppe im Hintergrund. Schließlich endet das humorvolle Tanzstück mit sehr viel Miteinander der Company, verspielten Hebungen und Bodenkombinationen. „Tuesday“, ein zweites Stück von Volkovskky, entstand während der Corona-Epidemie. Eine statische, uniforme Gruppe steht dem Individuum gegenüber, dessen Bewegungen verunsichert und vereinsamt wirken. Stark genug choreografiert, um auch ohne die unterstützenden Texte zu wirken.

Wenn das Miteinander völlig scheitert, herrscht Krieg, wie in Kieren Bofingers „A light Play“.  Würde man alles aufzählen, was Bofinger an Perspektiven, Inhalten und tänzerischen Bewegungsstilen zeigt, könnte man denken, es sei ein abendfüllendes Werk. Doch Bofinger hatte nur ein Neuntel von PTAH VI zur Verfügung. Diesen Slot nutzt er, um im Rahmen einer nostalgischen Lichtspielvorführung mit tanzenden Lampenschirmen die Geschichte der Entstehung von Olivier Messiaens „Quartett für das Ende der Zeit“ mitten im zweiten Weltkrieg zu erzählen, leitet über zu fliehenden und ängstlichen Kriegsopfern und einem zarten Pas de Deux mit einem Luftballon. Kann so viel Verletzlichkeit in der feindlichen Umwelt des Krieges überleben? Dann wird es nochmal amüsant mit den Lampenschirmen, die die Kinovorstellung beenden. So viel Inhalt, so viele Techniken: Tanztheater, vom Contemporary inspirierte Klassik, minimalistische Sequenzen und Broadway-Style fordern alles von Bofingers Tänzer*innen. 

Von den Leiden des Kriegs zu einer intimeren Form der Gewalt: „Silent Violence“ von Harry Simmons hat mit Unterstützung seiner Freundin Helen Amber Berges zu den Bereichen Femizid und häusliche Gewalt gearbeitet. Er choreografierte eine Gruppe von drei neoklassischen Pas de deux zu den Themen häusliche Gewalt und Femizide. Während auf der Videowand die schrecklichen Zahlen Präsenz bekommen, krümmen sich auf der Bühne die Tänzerinnen vor Furcht, die Tänzer können den Kreislauf der Gewalt nicht unterbrechen. Die Frauen heben schützend die Arme vor ihre Gesichter, machen sich klein, geben auf, halten zusammen. Sicher ist dies der Teil des Abends, der am nachdenklichsten macht.

Mit der Identität ihrer Heimat, der Insel Neuseeland, beschäftigt sich Samantha Kate Grammer in „I(s)land“. Ein ruhiges Duo, dominiert von in sich gekehrten, verdrehte Bewegungen auf der einen und weiten Ports des Bras auf der anderen Seite. Verinselung und Rückzug treffen auf Neugier und Offenheit.

Wie frei kann ich in der Gruppe sein? Das fragt Julia Schalitz in ihrer Choreografie „From Red to Blue“. In ausladenden Röcken mit rüstungsähnlichen, metallischen Oberteilen agiert die Gruppe als Einheit, fast ein einen Bewegungschor des Ausdruckstanzes erinnernd. Immer wieder versuchen einzelne Tänzerinnen auszubrechen oder sich zurückzuziehen. Die kühle blaue Ordnung, das rote individuelle Pulsieren wird auch vom Lichtdesign (Gerd Eckardt) unterstützt. 

Bei „For you“ hat sich Mariya Tyrina von der Musik Armin van Buurens zu einem tänzerischen Gemälde inspirieren lassen. Sie malt mit ihren Tänzer*innen ein abstraktes neoklassisches Pas de deux auf die Bühne, schnörkellos, pur und im Aufbau des Stücks klar durchdacht.

Unterhaltung und reinen Tanzspaß gibt es von Dale Rhodes, der mit „A new hope“ den Abend beschließt. Die spritzige Parodie auf den Star-Trek-Kosmos begeistert das Publikum mit klassischen Pirouetten, Brisés und Cabrioles.

PTAH, der ägyptische Gott der Schöpfung, hat auch diesmal die Hand über die jungen Choreograf*innen gehalten. Das allein hätte wohl nicht gereicht, wenn nicht die Tänzer*innen des Aalto-Balletts die unterschiedlichen stilistischen Handschriften und starken Gefühle der Choreograf*innen mit Leidenschaft und Präzision auf die Bühne gebracht hätten. 

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