„Langes Wochenende“ von Sanfte Arbeit/Elsa Artmann, Tanz: Diana Treder, Anne-Lene Nöldner und Elsa Artmann (v.l.n.r.)

Kampfunfähig

War die Tanzplattform zu harmlos für diese Zeiten?

Es droht die größte Kürzungswelle für den freien Tanz, und die Welt brennt an allen Ecken. Doch bei der Tanzplattform übt man sich in Harmonie statt Kampfgeist.

Dresden, 17/03/2026

Es wirkt fast wie eine Belohnung. Einen Tag nach der Tanzplattform Deutschland wird Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste mit dem 200.000 Euro dotieren Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet, der vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien vergeben wird. Nochmal davon gekommen in einer Zeit, in der allerorten (auch in Dresden) Kürzungen drohen. Wirtschaftlich ist dieser Preis ein Einmal-Effekt und kann kaum über die Dauerkürzungen hinwegtäuschen, welche der Kulturstaatsminister und seine Vorgängerin dem Tanz bisher zugemutet haben. Gekürzt wurde alleine vom Bund beim Bündnis internationaler Produktionshäuser, dem Bundesnetzwerk flukks+ e. V. (Nachfolgeorganisation der flausen+ gGmbH), dem Netzwerk Freier Theater sowie explore dance – Netzwerk Tanz für junges Publikum, das Programm „Verbindungen fördern“ und weitere Netzwerke. Auch die Kommunen und Länder drohen mit dem Rotstift, Beispiele gibt es wie Sand am Meer. Wie in Hellerau, wo der Dresdner Stadtrat den Etat um 500.000 Euro gekürzt hat und auch Akteure wie das Tanznetz Dresden auf Null setzen möchte. Ähnlich sieht es in anderen Städten aus. Die 200.000 Euro aus Berlin erscheinen da allenfalls als Notgroschen.

Das alles ist sattsam bekannt, doch wandelte man die letzten Tage über die Tanzplattform, immerhin die wichtigste Leistungsschau für den Tanz aus Deutschland, so spielten diese unsicheren Zukunftsszenarien kaum eine Rolle. Keine Proteste, keine Petitionen, keine kulturpolitischen Panels, nicht einmal der Hauch von symbolischen Aktionen, die sicher nicht die Welt da draußen verändern, aber doch auch in die Szene hineinwirken können. Als der Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert bei der Eröffnung von der Tanzstadt Dresden schwärmte, was angesichts der obigen Zahlen nur als realitätsfremder Hohn verstanden werden muss, passierte nichts. Die Politik lächelt ihre eigenen Taten weg, und die Szene lächelt gleich mal mit. Offenbar meint jeder der gestandenen Tanzreck*innen, das Schlimmste für sich in kulturpolitischen Hinterzimmer-Gesprächen abwenden zu können oder hat bereits resigniert. Der Dachverband Tanz Deutschland etwa erzählt regelmäßig und gerne, wie produktiv man mit den Kulturpolitiker*innen im Austausch sei – aber offensichtlich reicht das nicht, denn gekürzt wird trotzdem, überall.

Keine Proteste, keine Petitionen, keine kulturpolitischen Panels

Auch inhaltlich war diese Tanzplattform auf den ersten Blick erstaunlich unpolitisch. Jessica Nupen verhandelte in „Reparation Nation“ immerhin das Thema von post-kolonialer Restitution, doch ansonsten war da weitgehend Schweigen im Walde. Die Kriege auf dieser Welt, soziale Ungerechtigkeit, Klimawandel – war das was? Selbst sich als queer-feministisch verstehende Akteur*innen wie Katharina Senzenberger und Team feiern mit „Lovedance“ in großen kitschgefährlichen Bildern nur das romantische Loblied auf die monogame Liebe – traditioneller wird’s nimmer, auch wenn da kein heteronormatives Paar miteinander in den Flugseilen turtelt. Und wenn Stefan Kaegis „Spiegelneuronen“ nicht einmal in einer Fußnote zu den autoritär-totalitären Verführungspotentialen des Settings kommt, dann weiß man gar nicht mehr, wo überhaupt noch kritische Geister zu erwarten sind. Ausnahme von der Regel ist hier „Langes Wochenende“ von Elsa Artmann und Sanfte Arbeit, die immerhin die eigenen Arbeitsbedingungen sehr klug aufspießen und sezieren. Die lächelnde Repectfulness wird zur betonierten Fratze der kalkulierten Selbstausbeutung, das Projekt zum Fetisch, die Arbeitsbeziehungen der emotionalen Ausbeutungsproblematik durchaus anverwandelt. Das Poetische und Politische  – hier geht es wunderbar zusammen und ist vielleicht sogar als vorauseilende Kritik der arg harmoniebewussten Tanzplattform zu lesen.

Das gilt es nach außen zu tragen. Wacht auf, werdet laut. Macht was. Der durchaus umstrittene Dresdner Erich Kästner schrieb einst: „Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!“ Also nicht weiter lächeln, sondern Unzumutbarkeiten benennen. Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren.

Am 17. April verleiht Kulturstaatsminister Wolfram Weimer den Theaterpreis des Bundes in Berlin – vielleicht ist das ja eine Möglichkeit, den Kakao zumindest nicht weiter zu trinken.

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