Schlussapplaus: MOUVOIR & École des Sables – Stephanie Thiersch & Alesandra Soutin: „Until the Beginnings“

 

Über die Reihen tanzen

Die Tanzplattform Deutschland 2026 in Dresden Hellerau: ein Fast-Live Ticker

Über die Reihen tanzt man heute. Partizipation des Publikums ist die Methode der Stunde. Ein überbordendes Programm an Sonderformaten. Schmerzende Füße und Terminstress. Die Tram Richtung Hellerau als perfekter Meeting Point. Wir teilen hier immer wieder neue Anekdoten und Eindrücke.

Dresden Hellerau, 11/03/2026

Donnerstag, 12. März 2026, 23 Uhr

Der zweite Tag der Tanzplattform ist geschafft, und das Programm gestaltet sich vielfältig. Auch das Dresdner Publikum und die Tanz-Professionals sind ganz verzückt von den „Spiegelneuronen“ aus dem Hause Sasha Waltz in einem Konzept von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll). Sich im Spiegel zu betrachten und dabei gemeinsam zu bewegen, ist offenbar ein Erfolgsrezept. Ein Trend ist jetzt schon das Klettern über Stuhlreihen: Ob die Tänzer*innen von Sasha Waltz & Guests, die Tänzerinnen von Sanfte Arbeit oder auch die mit ihren Gehhilfen umherwirbelnde Claire Cunningham: Alle steigen sie über die Stuhlreihen, als wäre das selbstverständlich, wobei Cunningham da die beeindruckendste Performance hinlegt. Ein langer Tag geht zu Ende, und die Straßenbahn vom Festspielhaus in Richtung Stadt wird zum Place to be. Hier finden die wirklich wichtigen Gespräche statt. Auch über die gelungene Juryvorstellung und die zahlreichen Sonderformate, aus denen alle etwas zu berichten haben, wenn sie denn einen der begehrten Plätze erhalten haben.

 

Donnerstag, 12. März 2026, 13 Uhr

Strahlender Sonnenschein auf dem Vorplatz des Festspielhaus Hellerau. Auf den Treppen und Bierbänken tauschen sich die Plattform-Besucher*innen bei Thai-Streetfood und Siebträger-Kaffee aus den Foodtrucks aus. Beim vorigen Jury-Treffen hatten alle Juror*innen hervorgehoben, wie viele Produktionen im Sichtungsprozess der letzten zwei Jahre Gastgeberschaft, Gastfreundschaft und Gemeinschaftlichkeit in den Vordergrund stellten. Und das stellte sich auch im anschließenden Soft Space ein. Statt der üblichen, oftmals verkopften Diskursformate bei so einer Plattform ging es v.a. um Entschleunigung, Ankommen, miteinander Zeit verbringen. Ein willkommener Wechsel inmitten des Netzwerk- und Vorstellungsgewusels. Um 13 Uhr öffnet Elsa Artmann mit ihrem Team wieder die Türen. Eine Stunde später veranstaltet die Tanztriennale ihr Moving Meeting, bevor der lokale Vertreter Charles Washington zu seiner Zero-Waste-Produktion „The Children of Today“ lädt. 

 

Donnerstag, 12. März 2026, 11 Uhr

Weiter ging es heute Morgen im Festivalzentrum in Hellerau schon um 9 Uhr mit Mornings on Fire: Tanz für alle mit The Saxonz. Im Anschluss hieß es: Meet the Jury! Die Tanz-Journalistin Elisabeth Nehring moderierte wie gewohnt souverän und charmant ein locker ausgeglichenes Gespräch mit allen Jurymitgliedern im neuen Probenstudio des Ostflügels. Es gehe um Hoffnung, erläuterte Joanna Leśnierowska eine der Hauptlinien zur Auswahl und Alexandra Morales befand: „Das Publikum giert nach Bewegung." Dieses gegenseitige Kennenlernen ließ sich danach in den Soft Spaces vertiefen. Katharina Christl, Rektorin der Palucca Hochschule für Tanz Dresden, kochte etwa für ihre Gäste Grünen Tee, während sich Simone Schulte-Aladağ vom Tanzbüro München gemeinsam mit Vertretern des TanzNetzDresden dem Thema Elternschaft im Tanz widmete. 

Hier hat sich fortgesetzt, was schon gestern deutlich wurde: Die Nachfrage nach allen einzelnen Programmpunkten ist sehr hoch. Das gilt nicht nur für die ausgewählten Arbeiten. Nach dem Ausfall der Vorstellung von Claire Cunnighams „Songs of the Wayfarer“ wird der Andrang zur heutigen Vorstellung im Kleinen Haus des Staatsschauspiels entsprechend groß sein. 

Danach wird ein Großteil der Gäste ins tjg pilgern: Dort bringen Sasha Waltz und Rimini Protokoll mit „Spiegelneuronen“ das Publikum definitiv in Bewegung.

Trotz aller ausverkauften Vorstellungen und Programmpunkte: Es lohnt sich in jedem Fall, an der Abendkasse vorbeizukommen. Einige wenige Plätze sind immer frei.

 

Mittwoch, 11. März 2026:

Die Züge aus dem Süden, Westen und Norden nach Dresden waren gut gefüllt mit Kolleg*innen aus der Tanzszene, und schon unterwegs wurde geprüft, wie sich die prall gefüllten Festivalkalender anpassen lassen, falls „Songs of the Wayfarer“ von Claire Cunningham trotz Bombenentschärfung doch noch am Eröffnungstag spielen könnte, wenn auch zu späterer Uhrzeit. Dass das doch nicht klappen sollte, tat der Stimmung der aus mehr als 40 Ländern angereisten Fachgäste sowie des Publikums vor Ort keinen Abbruch. 

Auf dem Gelände des Festspielhauses Hellerau als Zentrum des Festivals ließ sich entspannt ankommen und einchecken. Noch vor der offiziellen Eröffnung am Abend in der Staatsoperette zeigten Elsa Artmann / Sanfte Arbeit in Hellerau ihr mit Ironie gespicktes „Langes Wochenende“, mit dem sie sich der Lebens- und Arbeitswelt der Freelancer*innen widmen.

Bei der Eröffnung in der Staatsoperette loben sich zurecht Carena Schlewitt, die Intendantin von Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste, der Oberbürgermeister Dresdens, Dirk Hilbert, und Barbara Klepsch vom Sächsischen Staatsministerium für Kultur und Tourismus erst mal für ihre großartige Tanzstadt und vor allem die gegenseitige Unterstützung, ohne die so ein Riesenevent wie die Tanzplattform nicht stattfinden könnte. Leider passiert das Ganze fast ausschließlich ohne Hinweis auf die vielen diversen, internationalen und interkulturellen Produktionen und vor allem 30 Minuten lang auf Deutsch – ohne Übertitel oder simultane Übersetzung, sondern mit einem schlichten Hinweis auf die englische Übersetzung online. Das ist für die aus aller Welt angereisten Veranstalter*innen nicht so zugänglich wie das ansonsten ausgesuchte Programm und die vielen Rahmenveranstaltungen dazu. Doch kein Problem: All das machen in „Until the Beginnings“ von MOUVOIR / Stephanie Thiersch & Alesandra Seutin von der École des Sables anschließend gleich wieder wett. Komplett ins Deutsche übertitelt singen, tanzen und sprechen die Mitglieder der Produktion einen hoch energetischen Dialog über das Wesen von Gastgeberschaft. Apropos Gastgeberschaft: Die Stadt ließ sich nicht lumpen und schmiss einen Sektempfang - für Alle!

 

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