38. Ausgabe des Internationalen Festivals Tanz im August
Vom 13. bis 29. August 2026, präsentiert von HAU Hebbel am Ufer
Der Wind, der Wind, das himmlische Kind... Festivalleiter Ricardo Carmona war in seiner Eröffnungsrede zur 38. Ausgabe des Tanz im August in Berlin ganz hingerissen vom Bild des Windes, der verschiedene Namen trägt, mal kalt, mal heiß sein kann und Grenzen überschreitet, ohne nach dem Pass zu fragen. Genauso sei der Tanz, er bringe Menschen zusammen, sorge für eine Zirkulation von Ideen. Das schließt Widerspruch ein, denn: „Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber doch im Gespräch bleiben.“ Ähnlich politisch eröffnete auch HAU-Leiterin Annemie Vanackere, die im Rückgriff auf das Buch „Nation of Strangers“ von Ece Temelkuran ihre Gedanken formulierte und das Ganze als durchaus politische Überlegungen gegen die Angst präzisierte: „Da wo Angst herrscht, ist der Mensch heimatlos. Heimat braucht Freude.“ Angesichts der bevorstehenden Wahlen in Berlin, die auch über die Kulturpolitik und damit über die finanzielle Ausstattung des Festivals (und des HAU) entscheiden, ein klarer Wink mit dem Zaunpfahl. Ein*e Vertreter*in des Senats war denn auch gar nicht mehr anwesend, sodass endlich getanzt werden konnte. Insgesamt bietet das Programm bis zum 29. August 19 Produktionen, davon drei Premieren, und sechs Deutschlandpremieren.
Zum Start ein Dreigestirn zusammen mit Kampnagel
Den Anfang macht im Hebbeltheater, dem HAU 1, Joana Tischkaus „Trapikana“, das sie zusammen mit Jeremy Nedd, Sophie Yukiko und der Malpaso Dance Company aus Kuba erarbeitet hat. Tischkau ist bekannt für ihre politisch grundierten Performances, Nedd hat lange mit Trajal Harrell zusammengearbeitet und Yukiko gilt als Mitbegründerin der deutschen Ballroom-Szene. Zu dritt haben sie den neuen Abend erarbeitet als Koproduktion mit dem Internationalen Sommerfestival Kampnagel in Hamburg, wo es letzte Woche Uraufführung feierte. Die Malpaso-Company ist eine der renommiertesten Companies für zeitgenössischen Tanz aus Kuba. Sie ist assoziiert mit dem The Joyce Theater in New York und hat in der Vergangenheit unter anderem mit Ohad Naharin oder Mats Ek zusammengearbeitet. Doch neben dem westlichen zeitgenössischen Tanz sind sie ebenso firm in den kubanischen Tanztraditionen jenseits des Salsa und so wird dieser Abend hier zu einer Tiefenbohrung in kubanische Tanzwelten und gleichzeitig einem wohldurchdachten Spiel mit Perspektiven und dem westlichen Blick auf Kuba.
Schon der Beginn ist ein Verwirrspiel. Während erst einmal vier Scheinwerfer den Zuschauerraum blenden, hören alle bald Geräusche, die an Meeresrauschen erinnern. Auf der Bühne – oben hat Bühnenbildnerin Lea Steinhilber eine mehrstufige Linie einer Entwicklung vom Kreis zur Insel installiert – wird eine Figur sichtbar, die an irgendetwas Monströsem herumzieht. Das Meeresrauschen entpuppt sich als die Schleifgeräusche eines aufgeblasenen Plastiktors ganz im Stil des Massentourismus: Willkommen zum Club „Trapikana“, einer Neuschöpfung aus den Worten „Tropicana“ und „Trap“. Willkommen also in der Touristenfalle, in der Opfer und Köder, das wird der Abend zeigen, gleichermaßen gefangen sind.
Wetterleuchten am Tropenhimmel
Doch nach dem Prolog beginnt es erstmal heiter. In grünen Fellkostümen, in denen Kostümbildnerin Lenna Stam durch Unförmigkeiten die klassischen Revuekleidchen parodiert, und mit viel Glitzer gibt es erstmal den Hauch einer Revue mit eingefrorenem Lächeln, akrobatischen Hebefiguren und den üblichen gruppenchoreografischen Spielchen. Dazu spielt eine Karibik-Fahrstuhlmusik mit einigen wenigen Takten im Loop, die aber unmerklich verändert werden, langsam drückt ein Bass rein, dann verschwindet er wieder, die Musik wird halliger und so fort. Das setzt buchstäblich den Ton für den Rest des Abends. Frieder Blume erschafft eine Klanglandschaft aus dem Mäandern durch Wiederholungen bis zum Verzerren von wiedererkennbaren Klassikern wie „Chan Chan“, das hier mit den zwei Textzeilen im Loop wie ein untoter Wiedergänger des Originals daher kommt und genau dieses halbtote Element, dieses verwesende Moment der touristischen Unterhaltungsindustrie, macht das Thema des Abends aus, in dem alle Tänzer*innen auf hohen Absatzschuhen durch die immergleiche Hölle des Kuba-Exotik-Entertainments durchmüssen. Wer steckt hier in der Falle?
Erschöpfung macht sich breit, gähnende Tänzer*innen und ein Publikum, das sich auch durch offenkundige erotische Offerten kaum mitreißen lässt. Körper, die tanzen, aber Gesichter, die ganz andere Geschichten erzählen. Kraft gentankt wird im Zusammenschluss zu einer riesigen Amöbe zu den percussionslastigen Sounds einer kubanischen Rumba, die ihre Wurzeln in der afrokubanischen Bevölkerung hat und ähnlich arbeitet wie Blumes Soundwelten. Hinzu das kongeniale Lichtdesign von Hendrik Borowski, der pulsierende Wellen über die Bühne jagt und jeden Beat glasklar mitnimmt. Aus den Boxen dröhnen derweil Trumps Drohungen gegen Kuba und die Bühne verwandelt sich in einen Hurrikan. Doch wenn Nebel und Regen verzogen sind, ist die Show vorbei und das neunköpfige Ensemble kann befreit so tanzen, wie es eigentlich möchte. Ohne Schuhe, ohne Puschel in den feuchten Sommerabend hinein. Wohl selten hat eine Tanzproduktion so gekonnt und empathisch den Exotismus aufgespießt. Ohne Anklage und voller Empathie und dennoch mit unglaublicher Wucht.
Und viel Wind, ganz so wie Festivalleiter Carmona sich das gewünscht hat.
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