Die Herzblutmaschine
Wie Tanz entsteht: „Showing“ im Choreografischen Centrum Heidelberg
Der heutige Tag markiert den Beginn der Spielzeit bei Theater & Orchester Heidelberg, die erste unter der neuen Intendanz von Bernadette Sonnenbichler und mit Tim Plegge als Direktor der Tanzsparte. Den offiziellen Saisonauftakt feiert das Theater Anfang Oktober mit einem mehrtägigen Eröffnungsfest. Für Tim Plegge ist dieser Start auch ein persönlicher Neuanfang.
2022 hatte er aus privaten Gründen die Leitung des Hessischen Staatsballett in Wiesbaden niedergelegt, ohne mit einer Rückkehr ans Theater zu rechnen. Er nutzte die Zeit, um sich in seinem Luzerner Zuhause darüber klar zu werden, was ihm wichtig ist, über den Arbeitsplatz Theater nachzudenken und sich Herzensprojekten wie der Regiearbeit für den Schweizer Zirkus Chnopf zu widmen.
Das Angebot von Bernadette Sonnenbichler, die Tanzdirektion in Heidelberg zu übernehmen, kam für ihn überraschend. Doch ihre Vision für Heidelberg und ihr partizipativer Ansatz überzeugten ihn. „Die Gespräche mit ihr und der große Gestaltungsspielraum haben Freude geweckt und in mir viel Energie freigesetzt“, so Plegge. Mit viel Sensibilität spricht er zugleich über die Verantwortung, die mit der Leitungsposition einher geht.
Zuallererst ist da die Verantwortung für sein zwölfköpfiges Ensemble mit einer Altersspanne von 21 bis 35 Jahren, das viele unterschiedliche Lebenswelten vereint. Mit drei der Tänzer*innen – Meilyn Kennedy, Ludmila Komkova, Tatskuki Takada – arbeitete er bereits in Wiesbaden. Inês Fernando, Yael Fischer, MingXuan-Vincent Gao, Alfredo Napoletano, Margaux Pagès, Patrick Short und Davide Sioni lernten er und sein Team erst im Auswahlprozess für Heidelberg kennen. Das Dutzend voll machen Laure de Juli und Paolo Marchegiani, die beide Contemporary Dance an der Zürcher Hochschule der Künste studieren und in Heidelberg ihr Internship-Jahr absolvieren.
Bewerbungsflut und sorgsame Auswahl
Der Weg zum neuen Ensemble führte über einen aufwendigen Audition-Prozess; es gingen über 1000 Bewerbungen ein. Tim Plegge: „Heidelberg hat durch Nanine Linning und Iván Pérez einen Ruf“. Und fügt nachdenklich hinzu: „Gleichzeitig ist die Not einfach groß, die jungen Leute brauchen Arbeit. Es ist bemerkenswert, dass noch so viele in der heutigen Zeit der finanziellen Kürzungen diesen Beruf unbedingt ausüben wollen.“
60 Tänzer*innen wurden letzten Herbst zum Vortanzen eingeladen, es folgten mit einer engeren Auswahl einstündige Gespräche via Zoom. Eine zeitintensive, nicht gängige Praxis, die zeigt, was ihm neben Talent und künstlerischem Ausdruck wichtig ist: „Ich habe Menschen gesucht, die Lust haben, mir auf Augenhöhe zu begegnen, die sich auseinandersetzen wollen. Und die auch meinen eigenen Denkraum erweitern, damit sich Dinge in einer Gemeinschaft entwickeln können.“ Davide Sioni, viele Jahre Tänzer beim Staatsballett Hannover, zeigt sich auch jetzt noch beeindruckt: „Bei dem Interview habe ich mich nicht einfach nur als Tänzer gefühlt, sondern ich wurde in meiner ganzen Persönlichkeit wahrgenommen. Dieser wertschätzende Umgang hat auch unsere erste Probenphase sehr geprägt.“
Gemeinschaftsbildung vor Spielzeitstart
Das neue Ensemble fand erstmals Anfang Juni zusammen, bereits für den Sommer wurden acht Probenwochen anberaumt. Tim Plegge und den Tänzer*innen konnten im Alten Karlstorbahnhof proben. Die Logistik war nicht einfach, einige hatten noch Verpflichtungen bei ihren vorherigen Engagements und nicht immer konnten alle anwesend sein. Aber jeder Tag dieser Vorlaufzeit wurde gebraucht, denn „Orlando“, Plegges neue Kreation und die erste Tanz-Premiere der Spielzeit, findet bereits in weniger als einem Monat statt.
Diese Sommerwochen gaben auch Raum und Zeit für das Zusammenwachsen der Gruppe. Gemeinsam wurde ein Code of Conduct erarbeitet. Regelmäßige Check-Ins geben auch weiterhin Gelegenheit zum Austausch darüber, was die Einzelnen beschäftigt, welche Energie sie gerade mitbringen und welche Bedürfnisse sich daraus ergeben. Dies gilt auch für Plegge selbst: „Ich kann nicht Ehrlichkeit erwarten und selbst nichts sagen, ich mache meine Empfindungen genauso transparent.“
Einstieg in den neuen Alltag
Tim Plegge vermittelt eindrücklich seinen Anspruch, die „Offenheit, Gelassenheit und positive Lust auf Suche“ dieser ersten Probenzeit zu erhalten. Er ist sich aber auch der Aufgabe bewusst, all dies in einen Theateralltag zu integrieren, in dem „Zeit ein kostbares Gut ist“ und die Anforderungen von vielen Seiten hoch sind.
„Orlando“ wird der erste Meilenstein der gemeinsamen Arbeit. Am 3. Oktober hebt sich der Vorhang im Theater Heidelberg. Virginia Woolfs Roman fasziniert Tim Plegge als „radikale Hymne auf das Sowohl-als-Auch“. Das Libretto, das er mit seiner Dramaturgin Esther Dreesen-Schaback erarbeitet hat, verspricht eine spannende Lesart. Steht doch sowohl in Woolfs Werk als auch in dem Miteinander von Tim Plegge und seinem neuen Ensemble ein Gedanke im Zentrum: Die Freiheit, Mensch sein zu dürfen.
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