Die Herzblutmaschine
Wie Tanz entsteht: „Showing“ im Choreografischen Centrum Heidelberg
Über die Hälfte des menschlichen Körpers besteht aus Wasser. Für menschliches Leben ist Wasser genauso entscheidend wie die Luft zum Atmen; entsprechend eng ist die emotionale menschliche Bindung an das flüssige Element. Vor acht Jahren gab der Heidelberger Tanzchef Iván Pérez mit „The Inhabitants“ seinen Einstand, einer Aufführung unter freiem Himmel rund um einen kleinen See. In dem Stück hatte er die Rituale einer von der aktuellen Welt abgeschlossenen Gemeinschaft thematisiert. Zum Abschluss seiner Amtszeit zeigte er in „Bodies of Water“ einen poetischen Blick auf das Thema Mensch und Wasser. Noch einmal stand der große Maguerre-Saal im Zeichen seiner zwölf Tänzerinnen und Tänzer, noch einmal war eine Auftragskomposition von Rutger Zuydervelt zu hören, noch einmal konnte er der großen Bühne ein paar kleine Theaterwunder abluchsen.
Großen Anteil daran hatte die Bühnenbildnerin Yoka Seyama, eine experimentelle Berliner Designerin mit großen Visionen; sie gestaltete zum Beispiel die Eröffnungszeremonie der EXPO 2025 in Osaka. In „Bodies of Water“ sorgte sie für Wow-Effekte mit einem hauchdünnen, durchsichtigen, spiegelnden und doch überraschend reißfesten Gewebe, das verblüffende Ähnlichkeiten mit Wasser zeigte. Die Riesenstoffbahn ließ sich von den Tänzerinnen und Tänzern in schwingende Bewegungen versetzen, entfaltete Wellen und schien zu fließen, umhüllte eine überraschend schwerelos wirkende Tänzerin und ließ sich von der Windmaschine in dramatische Wellen formen. Im zweiten Teil hing sie wie eine atmende fluide Wolke hoch über der Bühne. Erst eine bizarre Eislandschaft – geformt aus herausgerissenen Streifen des Tanzbodens – ließ das zugleich zarte und starke Gewebe erstarren. Dafür versetzte die Hebebühne sich formende Riesenstufen in einen rhythmischen Kreislauf von Auf und Ab.
Innerer Flow
Kostümbildnerin Naomi Kean hatte sich vom inneren Flow als zentraler Eigenschaft des Wassers inspirieren lassen und die zwölf Heidelberger Tänzer*innen individuell abgestimmt in farbenfrohen Mustermix mit viel Pink gehüllt, bequem und nur angedeutet sexy. Viel Bewegungsfreiheit für ein Bewegungsmaterial, für das sich Iván Pérez gründlich von den Eigenschaften der nassen Materie hatte inspirieren lassen. Immer scheinen die Körper regelrecht zu fließen, gerne in Zeitlupe; sie winden sich in Körperknäueln, trennen und verbinden sich wieder neu. Auch die Musik startet mit unaufdringlichem Fließen, einem allmählich anschwellenden elektronischen Klangteppich, der bei der Änderung der Aggregatzustände des Wassers – und natürlich beim obligatorischen Sturm – in eindringliche rhythmische Wucht wechselt.
Zwischendurch versammelt sich das Ensemble einmal vorne an der Bühne und versucht in einem babylonischen Sprachgewirr auf sich aufmerksam zu machen – vergeblich. Bewegung als Motor für Verständigung. Dabei ist der Choreograf seinem ursprünglichen Stil treu geblieben: viel Winden dicht am Boden, viel Innensicht und fein differenzierte Emotionen. Der kritische Blick von außen, die dunkle Seite des Wassers – vom verhängnisvollen Sog über die drohende Knappheit der lebensnotwendigen Ressource bis zur zerstörerischen Wucht – blieben weitgehend ausgespart.
In seiner letzten Heidelberger Choreografie entfaltet Iván Pérez für das dankbare Publikum eine Bühnen-Wunderwelt zum Staunen – der Abschied von der gesamten „dancecompanyheidelberg“ fiel entsprechend freundlich aus. Iván Pérez wird in Zukunft wieder frei arbeiten; der designierte neue Leiter der Tanzsparte, Tim Plegge, wird In der kommenden Spielzeit ein frisch gecastetes Ensemble präsentieren.
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