Umbruch ohne Brüche
31. Ausgabe des schrit_tmacher Festival
„Thikra: Night of Remembering“ von Akram Khan beim schrit_tmacher Festival
Ganz tief unten, in den Eingeweiden, dort ist der Ort, den Akram Khan mit seinen Stücken mühelos berührt. Wer seine Arbeiten kennt, weiß, dass er als ausgezeichneter, feinfühliger Geschichtenerzählter das Publikum emotional zu berühren versteht.
Auch mit „Thikra: Night of Remembering“ packt er das Publikum schlagartig: In harmloses Vogelgezwitscher schlägt ein markerschütterndes Geräusch, das vielleicht der Schrei eines Neugeborenen ist, vielleicht aber auch der einer Sirene. Es ist furchteinflößend, wie sich langsam aus der dunklen Tiefe der Bühne ein regloser Pulk schwarzer Silhouetten schält. Vor einer kargen Felslandschaft (Bühne und Kostüme: Manal AlDowayan) steht vor gemeinschaftlicher Kraft strotzend eine Riege aus Frauen. Vor ihnen auf der Bühne, reglos, liegt eine weibliche Figur, die sich im Lauf des Stücks als die Verkörperung der kollektiven Erinnerung lesen lässt. Sie ruht auf einem großen Stein, dessen Unterseite später Schriftzeichen preisgibt, die wie Anweisungen für einen Bewegungsritus wirken. Wie auch schon im vorherigen Stück „Turning of Bones“ für Gauthier Dance in Stuttgart, raucht dieser Stein effektvoll.
Selbstverständliche Wahrheiten
Ist „Turning of Bones“ schon eine Art Amalgam bisheriger Stücke, schreibt Akram Khan mit „Thikra“ das Rituelle fort, das Mythologische. Gänzlich wortlos sind seine Geschichten von der Menschheit selbstverständliche Wahrheiten einer Natur, die keinen Widerspruch kennt. „So ist es“, will man angesichts seiner Stücke sagen. Auch beim schrit_tmacher Festival ist er gern und oft gesehener Gast. Dass er es auch dieses Mal geschafft hat, das volle Haus im niederländischen Heerlen zu begeistern, war zu erwarten.
Auffällig stark sind seine Frauenfiguren, stark die Energien der Tänzerinnen. Licht, Kostüme, Bühnenbild und die Intensität der Musik bilden eine Einheit, die das Publikum in diese mythologische Welt einsaugt. Das ist es, wofür man die Arbeiten von Akram Khan kennt. Al-Ula, eine Oasenstadt in der saudi-arabischen Wüste, inspirierte ihn hier zu den rituellen Exerzitien, die diese Frauen in der „Night of Remembering“ vollziehen. Dabei orientiert sich die Choreografie an madagassischen Bestattungsbräuchen. Eine Matriarchin leitet die Gruppe an, zwei Frauen an ihrer Seite, als Medium, als Beschwörerin, als Unterstützerin.
Kollektive Erfahrung in den Körpern
Eine „kulturübergreifende Hommage an die Mütter unserer Zivilisationen“ will das Stück sein. Es wäre aber zu simpel, die Sache auf Frauenpower zu reduzieren. Sisterhood, als wäre das eine verschworene Gemeinschaft mit der Absenz von Männern oder im schlimmsten Fall gar in irgendeiner Weise gegen diese. Mit Blick auf die jeweilige Allgemeingültigkeit seiner Geschichten kann man Akram Khans Ansatz hier getrost gelöst von Geschlecht lesen. Es ist ein generelles Leben von Erinnerung. Die Frauen gehen in die Erinnerung hinein, hindurch, beleben sie und machen sie emotional erfahrbar, als Teil des eigenen Ichs in der kollektiven Erfahrung. Ein Gedächtnis im Körper ist Tänzer*innen wörtlich als Körpergedächtnis eingeschrieben. Das ist es, was Akram Khan hier umsetzt. Das Leben von Erinnerung in, durch und mit der Bewegung. Das lebendig Erhalten von Erinnerung.
In „Turning of Bones“ ist das Rituelle durch das Rauschhafte und die Opferung eines Mannes von unglaublicher, rauschhafter Intensität, die noch durch die Singularität des Ereignisses verstärkt wird. Bei „Thikra“ ist es mehr ein Ritus der Wiederholung, ein Kreislauf, der mit der leblos am Boden liegenden Tänzerin beginnt und endet. Die Folge dessen ist allerdings, dass „Thikra“ insgesamt dramaturgisch schwächer wirkt als Akram Khans bisherige Arbeiten. Es fehlt an einem tatsächlichen Spannungsbogen. Durch den Kreislauf des Rituals bleibt eine Entwicklung aus.
Es ist Akram Khans letztes Stück im Rahmen der bestehenden Strukturen. Nach 25 Jahren löst er seine eigene Company auf, allerdings nicht, um die Hände in den Schoß zu legen. Der Brexit sei es gewesen, der seinem Touring nicht gerade zugute gekommen sei, wird Akram Khan zitiert. Sein Arbeiten habe sich aber auch verändert. Andere Strukturen will er aufbauen, wohl größer denken und arbeiten. Es lässt sich spekulieren, dass er näher an Eric Gauthiers Company in Stuttgart rücken wird. So oder so kann man sicher sein, das Akram Khan nicht von der Bildfläche verschwinden wird.
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