„Generation2“ war für Yvonne Eibig lange Jahre das Stichwort. 2013 übernahm sie beim schrit_tmacher Festival die Projektleitung der so bezeichneten jungen Sparte mit Workshops und Performances mit und für ein junges Publikum. Mit Ende der 30. Ausgabe des Festivals hat der Initiator und langjährige Künstlerische Leiter Rick Takvorian seine Aufgaben abgegeben und sozusagen die „2. Generation“ nach vorn geholt. Seitdem hat Yvonne Eibig in Aachen den Hut auf. Und der ist ziemlich groß, denn das ursprünglich etwa zwei Wochen dauernde Festival ist über die Jahre hinweg zu einem gut vierwöchigen Mammutprojekt angewachsen.
Das Projekt „Generation2“ gibt es seit dieser Ausgabe nicht mehr in der bisherigen Form. Hier sind Formate für jüngeres Publikum stärker differenziert worden und finden sich unter Programmpunkten wie „Talent“ und „Young“. „Mir liegt weiterhin die Förderung von jungem Publikum und jungen Künstler*innen am Herzen. Mit Sophie Görgen habe ich eine kompetente und engagierte Nachfolgerin für diesen Bereich gewinnen können, den ich seit über 10 Jahren als Kooperationspartnerin für den deutschen Partner des Festivals aufgebaut habe“, erklärt Eibig.
Das schrit_tmacher Festival spannt traditionell einen großen Raum auf zwischen dem deutschen Partner Aachen, Heerlen und Kerkrade auf der niederländischen Seite und dem belgischen Eupen. Eupen verzahnt seit einigen Jahren das dortige Festival für Cirque Noveau SCENAR!O mit dem Programm des schrit_tmacher Festivals.
Große Namen waren schon über die Jahre in jeder Ausgabe zu Gast. Über Hofesh Shechter, Marcos Morau oder Louise Lecavalier und Dada Masilo haben sich dort wirklich alle die sprichwörtliche Klinke in die Hand gegeben. Auch dieses Jahr funktioniert name dropping: Sasha Waltz, NDT oder Akram Khan gefällig? Bitteschön!
Neue Spielorte
Die grundsätzliche Struktur ist für das Festival beibehalten worden. Von innen her bohrt Yvonne Eibig die Sache gemeinsam mit ihrem Team aber gehörig auf. „Ich bin mit der Vision angetreten, die Struktur des Festivals weiter aufzubrechen, Themen im Bühnenprogramm zu diversifizieren und stärker auf partizipative und kommunikative Formate zu setzen, als das bisher der Fall war. Der Zuspruch des Publikums und der Stadtgesellschaft in den ersten vier Wochen zeigt, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind“, so Eibig.
Und wie das so ist mit Veränderungen, nicht alles löst sofort Begeisterung aus. Dass etwa mit dem Stahlbau Strang einer der traditionsreichsten Veranstaltungsorte des Festivals nicht mehr im Programm stehen würde, hat schon lange vor Beginn der diesjährigen Ausgabe Ende Februar in der Stadt für Unmut gesorgt. Gleichzeitig legten einige Fans des Festivals die Stirn in Falten, weil das Theater Aachen als einer der neuen Spielorte bekanntgegeben wurde. Als käme das einem Affront dem Festival gegenüber gleich.
Trotzdem waren beide Vorstellungen der spanisch-britischen Company Humanhood genau dort proppenvoll. Von deren hypnotischem „Vortex“ waren nicht nur die Tontechniker des Hauses begeistert, deren Anlage endlich mal mit satten Bässen durchgespült wurde. Ein Risiko im Programm, das ein kompletter Erfolg beim Publikum war. Das ist das Ergebnis einer generellen Dezentralisierung und das Konzept geht auf, wie Yvonne Eibig feststellt: „Dafür mussten neue Prozesse und kollaborative Teams aufgesetzt werden, was uns in sehr kurzer Zeit gelungen ist. Ich spüre überall großes Vertrauen und Engagement, das freut mich sehr!“
Das fing bereits Ende Februar mit der Aachener Eröffnung an. Nach einigen Jahren war das Ludwig Forum für internationale Kunst wieder mit dabei. Dessen „Mulde“, eine großzügige Vertiefung im Boden des größten Saals entpuppte sich als ideale Bühne für „Hype the Pain“ des Dresdner Choreografen-Duos Miller de Nobili. Deren künstlerische Auseinandersetzung mit den süchtig machenden Informationsfluten in den sozialen Medien hat in den Publikumsgesprächen entsprechende inhaltliche Wirkung gezeigt.
Überall Haare
Auch in den beiden Nachbarländern, wo es mit der diesjährigen Ausgabe keine so großen Veränderungen gab, ist das Publikum nicht nur treu, sondern unverändert offen und neugierig. Bis unter die Decke war der Alte Schlachthof in Eupen an einem Donnerstag gefüllt, obwohl das Duo Humo y Polvo mutmaßlich niemandem im Publikum bekannt war. Ihre Mischung aus Breaking-Elementen, akrobatischer Performance, Gesang und absurd-grotesken Begegnungen mit Haaren hat gezeigt, dass der Titel nicht zu viel verspricht: „I dreamt I had hairy teeth“ sagt wirklich alles. Da tauchen Haarbüschel plötzlich an den unmöglichsten Stellen auf (im Schuh, unter der Bluse oder im Mund) und kommt das, was man nur ungern aus dem Abfluss des Waschbeckens zieht, in Menschengröße selbst auf die Bühne gekrochen. Die beiden Performerinnen kriechen einfach drunter und werden zu einer Art albernem Yak, das durch die Zuschauerreihen schleicht und neugierig die Frisuren der Zuschauer*innen studiert.
Das Programm in Aachen traut sich auch an den Rand des Tanzes und hatte mit Kadir „Amigo“ Memiş ein Urgestein des Breaking im Programm. In seiner „Paint´formance: BACK TO ZERO“ kombiniert er Live-Painting mit Bewegung. In Bewegung kommt natürlich auch das Publikum, das mit teils kostenlosen Workshops (auch im Stadtraum) die Choreograf*innen und Tänzer*innen persönlich kennenlernen kann. Filme und Ausstellungen stehen genauso auf dem Programm.
Dass Breaking auch mit der französischen Company Uzumaki auf dem Programm stand, verwundert nicht. Mit „Generation2“ hatte sich Yvonne Eibig in der Vergangenheit bereits intensiv den urban arts gewidmet. Uzumaki überzeugten hier vor allem das junge Publikum mit ihrem Stück „Be.Girl“, in dem konsequenterweise nur B-Girls performt haben. Ihr mittlerweile geradezu klassisch anmutendes, lupenreines 80er-Jahre-Breaking wurde einige Tage später aber in den Schatten gestellt. Im Theater Heerlen kam für die „Breaking Games“ die regionale Szene zusammen. Fast am stärksten beeindruckten dabei die lässigen Powermoves der mit gut 6-7 Jahren Jüngsten. Trotzdem konnte man nicht ignorieren: Unter den gut 40 Teilnehmer*innen waren nur eine Hand voll Mädchen.
Jetzt geht das Festival In den Endspurt. Auf dem Plan stehen noch Out Innerspace Dance Theatre mit ihrem absurden Stück „Rhino“ am Freitag und Samstag im Theater Aachen. Den endgültigen Abschluss macht dann am 29. März die „Johannes-Passion“ in der Choreografie von Guillaume Hulot und Olivia Fuchs.
Der Autor hat im Rahmen des schrit_tmacher Festivals mehrere Einführungen gegeben und Publikumsgespräche moderiert.
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