„Summer Snow“ von Ella Rothschild

Stillleben mit Vase

„Summer Snow“ von Ella Rothschild am Theater Bielefeld

Das Gefühl der Isolation und Einsamkeit ist hier ein statisches Treten auf der Stelle. Den Abend rettet ausgerechnet ein Schwein.

Bielefeld, 25/10/2026

Dass hier irgendwas nicht stimmt, liegt auf der Hand: Schnee im Sommer ist nicht gerade das, was man als „normale Ordnung“ kennt. Irgendwas ist in Schieflage geraten. Allerdings nicht im Außen. In den Tänzer*innen selbst liegt die Unwucht. Umgeben von den materiellen Dingen der eigenen Behausung steht ein Mann da, geradezu eingeengt von den Dingen, die Bedeutung haben, weil sie die eigene Vergangenheit und damit das individuelle Ich markieren: ein Wandspiegel, ein gerahmtes Foto, ein Buch, ein Kaffeekocher, eine Vase mit Blumen ... Es sind viele Dinge. Dinge, die wie Ballast hinter dem Tänzer herziehen, lautlos gleiten, bewegt durch das Ensemble. Was Halt und Orientierung geben kann, kann eben auch erdrückend wirken, wenn einen die Vergangenheit nicht loslassen will.

In einen neutralen Raum mit hellen Wänden setzt die neue Künstlerische Leiterin der Bielefeld Dance Company Ella Rothschild diese Ansammlung der kleinen Dinge. Ein großzügiges Regal im Hintergrund funktioniert nicht nur als Ordnungssystem. In die einzelnen Fächer packen sich die Tänzer*innen auch selbst, versuchen, sich wegzuräumen, schaffen aber die Herstellung der inneren Ordnung damit nicht. 

Rothschild nutzt verhaltene Klaviertöne, um das zähe Nicht-Vergehen der Zeit hörbar zu machen. Man wartet nur darauf, dass eine Depression an die Tür klopft. Immer wieder dehnt sie den Moment über Slo-Mo-Bewegungen. Das ist vor allem eins: statisch. Wenn eine Tänzerin in langem Mantel mit fast bodenlangen Armen wie aus einem Traum auftaucht und langsam über das Regal läuft, könnte das ins Absurde umkippen. Nur leider funktioniert das nicht.

Die Botschaft bleibt leer

Rothschild hat lange Jahre unter Ohad Naharin bei Batsheva getanzt. „Summer Snow“ hatte sie auch ursprünglich für dessen Company geschaffen. Aber dort, wo Naharin dafür berühmt ist, jede noch so kleine Geste mit rätselhafter Bedeutung aufzuladen, berührt Rothschild mit ihren Bildern nicht. Ihre Botschaft bleibt leer. An dem großen Schritt hin zum Tanztheater, den sie mit „Summer Snow“ macht, liegt es nicht. 

Das Bewegungsmaterial wirkt stellenweise bedeutungslos mechanisch, die Gesten stehen isoliert voneinander und scheinen wie abgespult. Der Inhalt dahinter wird nicht sichtbar. Damit tritt das Stück lange auf der Stelle. Gleichzeitig ist offen, ob ein live von einer Tänzerin gesprochener Text in Englisch das überwiegend ältere Premierenpublikum wirklich abgeholt hat. Dieses Klagelied über Einsamkeit und Isolation bleibt auf der Bühne und dabei für sich, besonders dann, wenn sich viele Szenen am hinteren Ende und damit weit entfernt vom Publikum abspielen. 

Einzelne Szenen lässt Rothschild ganz ohne Musik tanzen. Die nüchternen Geräusche des dabei rumpelnden Bühnenbodens tragen zwar diesen Sound des Alleinseins, bringen aber in ihrer Trostlosigkeit keinen künstlerischen Ansatz mit. Das in dieser Isoliertheit eben niemand und nichts von der Stelle kommt, liegt auf der Hand, nur bleibt das leider auch für das Stück so bis zum Schluss. Wiederholte stumme Schreie der Tänzer*innen zeigen zwar einen Wunsch nach Ausbruch aus diesen Wänden, lösen aber nichts aus. Alles bleibt diese eine Situation. Kein Ausblick auf Veränderung.

Ein Schwein mit Charakter

Interessant wird das Stück komischerweise genau dann, wenn es weiter geht - in's Theatralische und damit in's Komische. Nach einer Reihe unklarer Auseinandersetzungen in der Gruppe bleibt ein Tänzer reglos am Boden liegen. In diesem Moment hat ein lebensgroßes Schwein seinen Auftritt. Die Figur wird von drei Tänzer*innen überraschend lebendig geführt. Wenn das Schwein anfängt, den am Boden liegenden Tänzer nach und nach seiner Kleidungsstücke zu entledigen, scheint die Trägheit der Einsamkeit aus dem Stück verschwunden und kein Thema mehr zu sein. Das Publikum kichert über das amüsante Vieh. Wem hat denn schon mal ein Schwein am nackten Hintern geschnüffelt? Kommt wohl nicht jeden Tag vor.

Der schließlich Nackte ist allerdings gar nicht von Interesse. Stattdessen verursachen dessen Socken, Hose und Oberteil herrlich überspitzt gezeichneten Ekel erst bei einer einzelnen Tänzerin und schließlich bei allen anderen. Das ist amüsant. Offen bleibt nur: Wozu? Vielleicht ist es eine Flucht in den eigenen Kopf, eine Flucht vor der Welt in das Innere. Dort, wo es so viel sicherer zu sein scheint, können die Verletzungen ausgeblendet werden, die in einem letzten Lied aufscheinen, das das Ensemble live singt. „A year without summer / a year without laughter / a year without you“. Am Ende heißt es schließlich, man sei „on the edge of nowhere“. 

Das ist das Publikum zwar auch, aber nicht direkt in einem guten Sinn. Als Mikrokosmos funktioniert das für sich durchaus. Nur ist es nicht für Zuschauende gemacht. Dieser haltlose Traum teilt sich nicht mit, lässt niemanden in sein Inneres. Und kommt damit eben aber auch nicht über die Rampe. 

 

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