Glanz und Grusel
Compagnie Marie Chouinard beim Tanzfestival Rhein-Main
„Strike“ der Company Dorfproduct feiert Premiere beim Tanzfestival Rhein-Main
„06 – 069 CHO!“ Bereits beim Einlass sind die ersten Takte des berühmten Haftbefehl-Songs im Loop zu hören. Die Tänzer Santiago Mariño und Omar Torrico Real schlendern nackt über die Arenabühne mit verspiegelter Rückwand und beobachten in Ruhe das ankommende Publikum. Ausnahmsweise ist es in der Frankfurter Naxos Halle an diesem 4. November sehr warm und weil der ganze Raum hell ausgeleuchtet ist, sind die sich langsam bildenden Schweißtropfen auf ihren Körpern zu sehen. Sogar als Haftbefehl zu rappen beginnt, bleiben beide völlig unbeeindruckt: sie fläzen gemütlich auf dem giftgrünen Bühnenboden oder verschränken die Arme hinter ihrem Rücken. Dieser Kontrast zwischen verletzlichen Körpern und aggressiver Musik löst sich scheinbar auf, als beide beginnen, wie Bodybuilder zu posieren.
Übungen in Zärtlichkeit
Nach dem Verstummen der Musik wird es so still im Saal, dass man die auf die Bühne fallenden Schweißtropfen hört. Diese aufmerksame Stille grundiert den Rest des Abends, aus ihr heraus agieren die beiden Tänzer und kehren immer wieder zu ihr zurück. Ihre flexenden Muskel-Posen verlieren allmählich die Kontur und nehmen Elemente der Graham Technik auf. Während Mariños Bewegungen durch An- und Entspannung die Grenze zwischen Kraftsport und Modern Dance auflösen, zeigt Torrico Real am rechten Bühnenrand eine symbolische Geste. Er formt mit beiden Händen eine Pistole, die eine hält er an seinen Kopf, die andere auf den Boden, als zielte er dort auf jemanden. Sein Körper zittert. Plötzlich beginnt er zu weinen, leise zunächst, dann heult er immer lauter auf. Das Thema des Abends tritt hier mit Wucht auf die Bühne: rassifizierte Männerkörper und die Gewalt, die ihnen zugeschrieben wird, die vermeintlich von ihnen ausgeht.
Assoziationen drängen sich auf: Merz’ widerwärtige Stadtbild-Äußerungen, Wehrpflichtdebatte, die Gen-Z-Proteste der letzten Woche. Dass von Männerkörpern in einer patriarchalen Gesellschaft Gewalt ausgeht, steht außer Frage. Dass ihnen aber auch Gewalt angetan wird, zeigt sich in den aktuellen politischen Debatten deutlich. Rassifizierten Körpern zumal, die sich den rassistischen Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft nicht entziehen können. Oder doch? Was, wenn diese Körper versuchen, das ihnen auferlegte weiße Blickregime zu unterwandern? Was, wenn sie streiken?
Hier setzt das eklektische Bewegungsrepertoire von Möllendorfs Choreografie an, der bereits in früheren Arbeiten mit Kampfsport-Techniken experimentierte. In „Strike“ greift er erneut darauf zurück, mit dem üblichen Twist: Griffe, die im Ringkampf der Überwältigung des Gegners dienen, unterlaufen bei Mariño und Torrico Real dank tänzerischer Verlangsamung und Überbetonung stereotype Erwartungen. Stattdessen erzeugen sie ein Gefühl von Zärtlichkeit. Und Zärtlichkeit bedeutet Verweigerung von Gewalt.
Streik mit Handtuch, ganz in Ruhe?
Viele der Duettelemente kombinieren Kampfsport mit Hebefiguren aus dem Ballett. Torrico Real dreht sich mit Mariño auf seinen Armen in einer Arabesque über die Bühne. Dann verschränkt der Getragene seine Beine hinter dem Kopf des Tragenden und lässt sich baumeln. Kurz darauf liegen sie am Boden, der Kopf des einen jetzt in der Beinschere des anderen. Beide schwitzen, ihre Körper glitschen übereinander und der Klammergriff löst sich in intime Nähe auf. Sie halten sich, beinahe wie ein Liebespaar nach dem Sex. Der vielleicht eindrücklichste Moment des Abends entsteht jedoch, nachdem die Tänzer sich voneinander lösen und jeweils in eine der hinteren Ecken der Bühne gehen, wo weiße Handtücher liegen. Als Kontrapunkt zur dichten Choreografie gipfelt die Ruhe der Körper hier in der selbstfürsorglichen Geste des Sich-Abtrocknens. Hier ist der titelgebende Streik zu suchen. Hier entziehen sich die Körper nicht nur den Zuschreibungen, sondern sie verweigern für einen Moment auch den Tanz und sind einfach da.
Doch nur für einen Moment, denn schon liegen Mariño und Torrico Real wieder umschlungen am Boden. Mariño tanzt mit seinen Beinen in der Luft Wasserballett, erkundet mit schnellen, eckigen Tritten eine ganz andere Bewegungsqualität. Aus dieser Position heraus beginnt die letzte Formation des Abends, bei der beide sich aus einem Schulterstand abdrücken und so laut auf den Tanzboden fallen lassen, dass mein Sitznachbar hochschreckt. Die Wiederholung dieser Bewegung erzeugt einen knallenden Rhythmus, der den Haftbefehl Song und die symbolische Pistole zitiert. Seine Intensität hält noch an, als der letzte Knall schon im Dunkel verhallt.
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