Wer drückt die Stopp-Taste?
Helene Weinzierl gastiert mit „Escape“ im Mannheimer EinTanzHaus
Menschliche Körper sind für Alexandra Bachzetsis medial geprägt und den inszenatorischen Gesetzen von Pop- und Subkultur unterworfen. In ihren verstörenden Performances durchquert die in Zürich ansässige Choreografin mit griechischen Wurzeln Körper- und Geschlechterinszenierungen als Projektionsflächen mit unhaltbaren Versprechen: Bald spielt sie mit den Botschaften perfekter weiblicher oder männlicher Körper, zeigt sich und ihre Partner als Film-Ikonen, Sport- oder Mode-Idole. Immer aber blitzt noch etwas Anderes durch ihre erotischen und pornografischen Begehrensformen hervor: Gewalt, Wut, Schrecken und Angst. Bachzetsis kratzt an Oberflächen, um sichtbar zu machen, was sie verbergen oder umgekehrt, um zu zeigen, dass sie nichts preisgeben wollen.
Im Eintanzhaus in Mannheim hat sie jetzt ihre Soloarbeit „Rush(es)“ von 2025 gezeigt, die zuerst als Avant Premiere im Grand Palais in Paris zu sehen war. Eine Idee von Eile, Andrang oder Anstürme passen, wie der Titel nahelegt, äußerst gut zum Stück. Denn die Körperbilder, die Bachzetsis hier als Solistin produziert, eilen einem voraus, sind immer schon vorher dagewesen und in gewisser Weise auch verbraucht.
Aber das ist Absicht. Etwa, wenn sie sich aus einem großen Gerätekoffer, der ihr gesamtes Inventar für die Performance zu beherbergen scheint, türkisfarbene High-Heel-Schnürstiefel und eine Tüte Chips zieht, im enganliegenden Overall lässig stolziert und schließlich mit dem Publikum Kontakt aufnimmt. Dem Griff in die Chips-Tüte folgen Selfies mit Zuschauern, die offen sind für künstlerische Teilhabe. Und schon ist das abgenutzte fetischisierte Körperbild, das im kollektiven Bewusstsein ankert, in ein ironisches Gruppenbild mit Künstlerin gewandelt.
Digitale Wiedergängerin
Die Performerin fährt fort, in dem sie aus dem Koffer Maske und Perücke zieht und ihre türkisen in weiße Stripperstiefel tauscht. Mit schwarzen langen Haaren, das Gesicht unkenntlich durch eine Maske aus feiner Gaze, reckt sie ihre Beine mit der Kraft ihrer Arme von sich weg in die Luft oder lässt sie am Boden hart zurückplumpsen. Hier erscheint sie wie die digitale Wiedergängerin einer ehemals analogen Wunschfigur, die jetzt anonymisiert und gewandelt ist in ein tiefes unheimliches Fake.
Mit „Privat Song“, ihrer ersten Arbeit im Eintanzhaus, hat Bachzetsis noch die populären griechischen Lieder des Rembetiko, die jede Griechin, jeder Grieche kennt, als eine Art Identität stiftende Geschichte vorgeführt. Dabei hat sie die melancholischen Narrative der Lieder in grandios eingefrorene Geschlechterbilder transformiert und sie zugleich mit stereotypen Szenen einer westlichen Konsumgesellschaft gekoppelt.
In „2020:Obscene“ konfrontiert sie angesichts der Pandemie das eigene Spiel der Inszenierung mit der Struktur des Obszönen. Verstörende Szenen sexueller Praktiken lässt sie dabei ebenso aufscheinen wie bekannte Ikonen aus Film und Werbung. Dann in „Notebook“ (2023) verabschiedet sie die narrative Rahmung ihrer Choreografie und lässt das Publikum an ihren gesammelten Notizen teilhaben wie an einem Archiv aus Musik, Bildern, Gesten, Stoffen, Stimmen und Geräuschen. Durch die Kamera werden die Aktionen zudem doppelt und dreifach auf Video und Leinwand gebannt.
Naives Liebesversprechen
„Rush(es)“ wirft nur zwei filmische Versionen des Körpers der Künstlerin auf die Leinwand. Davon ist einer verkleinert zum Schatten des Live-Videos, als wäre hier schon der Endlichkeit aller Bilder und Inszenierungsformen gedacht. Dazu passt auch die Pudelmaske, die sich Bachzetsis überstülpt, um den wehleidig romantischen 1962er-Song „Sealed with a Kiss“ von Brian Hyland mitzusingen, der in voller Lautstärke den Kirchenraum vom Eintanzhaus beschallt. Im großen naiven Liebesversprechen des mit ebenso großem Erfolg gekrönten Songs, die ganze Liebe des Senders in einem Brief zu schicken, der mit einem Kuss für die Geliebte verschlossen wird, lässt des Pudels Kern dunkel erahnen.
Es ist die andere Seite der Liebes-Medaille, die den Stoff bereithält, aus dem Bachzetsis ihre verstörenden Werke schafft. So kann, wer das Anfangsbild der Solo-Performance „Rush(es)“ studiert, schon alles entdecken, was verborgen bleiben soll: Es zeigt Bachzetsis am Boden auf dem Bauch liegend in Froschposition mit Anglerhosen und Gummistiefeln. Sie bewegt sich unbeholfen und ziellos in dieser bauchplatschenden Haltung. Unter einer lockigen, roten Haarpracht gibt das Wesen kein Gesicht preis. Sie ist eine gestrandete namenlose Unbekannte und steht damit für alle an ihr Ende kommende Wunschprojektionen. Man könnte auch eine Nixe in der Figur sehen, deren Lebensraum abhandengekommen ist. Sie sucht in der letzten Eile das verschwundene Wasser.
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