„Romeo und Julia“ von Cathy Marston, Tanz: Jesse Fraser (Lord Capulet), Yun Su Park (Lady Capulet) und Tänzer*innen des Ballett Zürich und des Junior Balletts

Blumenduft und Todesdunkel

„Romeo und Julia“ von Cathy Marston am Ballett Zürich

Ringkampf statt Degengefecht, Scheintod durch Trance statt durch Gift – Funktioniert das?

Zürich, 25/05/2026

Wenn Cathy Marston, Direktorin und Chefchoreografin des Balletts Zürich, ein abendfüllendes Werk kreiert, zeichnet es sich regelmäßig durch ein ganz besonderes Merkmal aus. In „The Cellist“ stellte ein Tänzer das Cello der Musikerin Jacqueline du Pré dar. In „Clara“ wurde die Gattin des Komponisten Robert Schumann durch sieben verschiedene Tänzerinnen verkörpert. Jetzt, in der neuen Choreografie von „Romeo und Julia“ zur berühmten Ballettmusik von Sergej Prokofjew, teilt Marston das Geschehen in zwei scharf kontrastierende Akte auf, einen leidenschaftlich-heiter-farbigen und einen rabenschwarzen. 

Brachiale Gewalt bei Mercutios Ermordung

Der lange erste Akt spielt auf einem Blumenmarkt in Verona und endet mit der Ermordung von Romeos Freund Mercutio. Julias gewalttätiger Cousin Tybalt (Esteban Berlanga) ersticht ihn hier nicht im Degengefecht, wie bei Shakespeare und im Ballett-Libretto von 1940, sondern stößt ihn nach einem Ringkampf ins Spiegelglas eines Arkadenbogens. Mercutio taumelt in den Tod, trotz seiner Verletzungen voller scherzhafter tänzerischer Kinkerlitzchen. Esteban Berlanga gestaltet die Rolle virtuos. 

Romeo und Julia, Kinder der verfeindeten Geschlechter Montague und Capulet, verlieben sich spontan und heftig ineinander. Schon in der Nacht nach dem Kennenlernen steigt Julia vom Balkon und wirft sich in die Arme des entflammten Romeo zu einem langen und stark applaudierten Liebes-Pas-de-Deux. Karen Azatyan und Ayaha Tsunaki verkörpern diese zentrale Szene, die tanztechnische Höchstleistungen verlangt, voller Leidenschaft. Tsunaki gleicht der Schauspielerin Audrey Hepburn, hat den gleichen Charme. Sie tanzt voller Finessen, weiß allen Seelenlagen Ausdruck zu geben. Azatyan ist zwar kein jugendlicher Typ, wirkt aber in der Rolle des Romeo sehr romantisch und voller Vitalität. Ein enorm vielseitiger Tänzer.

Cathy Marstons Choreografie baut auf den klassischen Ballettstil auf, ihre darüber hinaus entwickelten zeitgenössischen Elemente sind in „Romeo und Julia“ aber besonders fantasievoll.  Die Solist*innen bringen auch ihre eigenen Tricks und individuellen Stärken ein. Die Liebenden tanzen verschlungen am Boden und in der Luft. Die Gruppenszenen auf dem Blumenmarkt haben Schwung und Witz. Locker-verspielt geben sich die Montagues, während die Capulets eher zackig auftreten, die Arme wie Roboter bewegend. 

Amme und Padre verwandeln sich in jugendliche Figuren 

Der Marktplatz von Verona bleibt Mittelpunkt aller Szenen des 1. Akts. Arkadengänge in wechselndem Licht reihen sich dahinter auf, wie auf einem Gemälde von Giorgio de Chirico. Die Kostüme sind unifarben, Varianten von Blau für die Montagues, in Rot für die Capulets. Da findet sich nichts Putziges oder allzu Niedliches. David Fleischer, zuständig für Bühnenbild und Kostüme, hat einen seh stimmigen Rahmen geschaffen. 

Cathy Marston hat die Titelrollen nicht nur mit Azatyan/Tsunaki einstudiert, sondern auch mit zwei weiteren Solo-Paaren. Begründung: Möglichst viele sollten Romeo oder Julia einmal in ihrer Karriere verkörpern können. Dazu hat Ballettchefin weitere Auftritte für ihre junge Truppe organisiert: Anstelle von Julias bäurischer alten Amme tritt nun eine lebhafte Cousine namens Angelica (Inna Bilash) auf, die zudem ein Verhältnis mit Tybalt hat. Der Dritte im Bunde neben Romeo und Mercutio, Benvolio, verwandelt sich in eine kecke Benvolia (Breanna Foad), die dem Trio zusätzlichen Pfiff verleiht. Sogar der ehrwürdigen Padre Lorenzo verschwindet zugunsten eines geselligen Mönchs (Brandon Lawrence), der auch ein Tänzchen mit Damen und Herren auf dem Blumenmarkt, ja sogar mit Romeo und Julia wagt.

Das Spiegel-Symbol wird überstrapaziert

Im zweiten Akt ändert sich alles. Es wird düster und tragisch. Romeo hat Tybalt im Rachezorn getötet. Die Farben sind erloschen, bis hin zu den Kostümen. Statt Rosen werden nun weiße Lilien – Totenblumen – verschenkt. Die Bühne ist schwarz, von der Chirico-Renaissance-Ausstattung steht lediglich noch ein Stück jener Treppe, die einst zu Julias Palast führte. Sie endet im Nichts. 

Die Tanzszenen spielen sich im Eiltempo ab. Julia und Romeo trennen sich verzweifelt, Lerche und Nachtigall verstummen. Der Bruch zwischen Julia und ihrer Familie ist endgültig. Marstons Choreografie erlaubt Romeo und Julia zwischen ihren Selbsttötungen noch ein kurzes Wiedererkennen, sie sterben in der Umarmung. Aber am Schluss findet keine Versöhnung der verfeindeten Geschlechter Capulet und Montague statt, anders als bei Shakespeare oder im ursprünglichen Ballettlibretto.

Ungewöhnlich wird auch Julias Scheintod herbeigeführt. Lorenzo gibt ihr dazu nicht ein Fläschchen mit Gift, sondern eine Scherbe jenes Spiegels, in den Mercutio geworfen wurde und womit Romeo seinen Gegner Tybalt getötet hat. Ein langer Blick in dieses Glas soll Julia in Hypnose, Trance und Scheintod führen. Wie das funktioniert, kann man sich schwer vorstellen. Marston und ihr literarischer Mitarbeiter Edward Kemp haben das Spiegelsymbol etwas überstrapaziert. 

Die Ballettmusik von Sergej Prokofjew ist die wohl populärste des 20. Jahrhunderts. Zürichs General-Musikdirektor Gianandrea Noseda, ein großer Prokofjew-Verehrer und -Spezialist, dirigierte bei der Premiere das wuchtig besetzte Orchester der Oper Zürich. Mitreißend vermittelten sie Leid und Leidenschaft in dieser großartigen Komposition. 

Es gab stürmischen Applaus für Cathy Maston und ihr bewundernswertes Ensemble. Heftigen Beifall auch für die hoch motivierten Musikerinnen und Musiker, den Bühnenbildner und alle anderen Mitwirkenden.

 

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