Irre!
International DANCE Festival München - Tag 2
„RI TE“ von und mit Marlene Monteiro Freitas und Israel Galván bei der Ruhrtriennale
Während das Publikum hereinströmt und alle Plätze besetzt, hat das Bühnengeschehen bereits begonnen: Kaugummikauend und voneinander unbeeindruckt scheinen Israel Galván, Weltstar des Flamencos, und Marlene Monteiro Freitas, ebenso renommierte Tänzerin und Choreografin sowie Mitglied des künstlerischen Leitungsteams der Berliner Volksbühne, sich aufzuwärmen. Die Füße machen vorsichtige Steps, die Arme rufen leise „Flamenco“, manchmal gibt es vorsichtigen Blickkontakt.
Jeder bleibt erstmal auf seiner Seite des Bühnenbildes, einem rohen Holzkasten, dessen Vorderwand nach vorn wie zur Bühne auf den Boden geklappt ist und zwei Stühlen. Die kleine Bühne auf der Bühne gaukelt die Möglichkeit vor, die Künstler*innen könnten sich ins Off zurückziehen. Doch später weitet sich der Handlungsradius bis nah ans Publikum aus. So wie die kleinen Gesten des Beginns später mitreißend, groß und lauter werden.
Statt aufwendiger Requisiten wird ein kleines Tuch vom Handtuch zum Stierkampftuch oder zur Leine, an der Freitas Galván über die Bühne führt. Die Kaugummis kleben irgendwann ganz beiläufig an den Wänden des Bühnenbildes, und Papiertaschentücher werden nach Gebrauch lässig von der Bühne geworfen.
Und Kostüme? Ein weißer Overall oder Hemd und Hose, bei Galván eine kleine schwarze Schürze und Gummistiefel. Beide tragen je einen weißen Handschuh, in den Haaren alberne kleine Blümchen. Und wo sind der Torero-Look und die gerüschte Schleppe der Tänzerin? Da wird sofort klar: Bei „RI TE“ werden die Rituale des klassischen Flamencos auf Links gedreht.
Der Abend ist eine Begegnung zweier Menschen, eine Begegnung von Performance und Flamenco. Die beiden nehmen Kontakt auf, inspirieren sich, begleiten sich, kommentieren sich – aber nie sind sie eine synchrone Einheit. Am nächsten kommen die Beiden sich in der Passage, in der sie sich sitzend in einen Marsch steigern. Der Rhythmus verschmilzt, die Bewegungen und vor allem die Mimik bleiben individuell. Expressiv, fast schon mit Stummfilmcharakter bei Freitas, vorsichtig bei Galván.
Geschlechterrollen gegen den Strich gebürstet
Das ist auch wirklich komisch und kommt beim Publikum an. Wenn Freitas immer wieder in Macho-Geste ausspuckt während Galván zarte Kusshändchen wirft, sorgt das nicht nur für Lacher. Es dreht auch die erwartbaren Geschlechterrollen des Flamencos um, die vom starken, stolzen Mann und die der biegsamen, sinnlichen Frau. Auch in seinem virtuosen und hypnotisierenden Solo zeigt Galván Verletzlichkeit und Unsicherheit statt Machismo.
Die Musik mag manchmal vom Band kommen, meist aber kommen die „Toques“, das typische Klopfen, Klatschen und rhythmische Stampfen von Freitas und Galván. Mit Füßen, Klatschen, Klopfen sorgen sie für den Sound – aber eben auch mit dem Klappern der Stühle an die Holzwand.
Der Gesang scheint Freitas röchelnd im Halse stecken zu bleiben, bis er sich endlich in einem befreienden „Olé!“ Bahn bricht. Einer der Momente, in dem auch das Publikum gefragt ist.
Wenn die Performerin die traditionellen Zapateados – die enorm schnellen rhythmischen Steps mit Absatz und Fußspitze tanzt, dann ist das packend und atemberaubend, aber weit entfernt von der althergebrachten stolzen Torrero-Attitude. Zumal am Ende, wenn Freitas nur noch auf dem Boden liegend erschöpft mit den Fersen klackert.
Fortwährend sind beide in Kontakt und aufeinander bezogen, mit den Augen mit Gesten und Mimik, aber kaum und nur vorsichtig mit den Körpern. So entsteht auf der Bühne eine Intimität, die sich auch aufs Publikum überträgt. Eine Anspannung, die sich durch die vielen komischen Elemente mit einem befreienden Lachen entlädt.
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