Turmhohes Niveau
Ausklang des Origen Tanzfestivals
Keine Spur von Winterschlaf beim Origen Festival, im Gegenteil. Seit Ende November und noch bis in den März hinein wurde und wird in der Clavadeira von Riom, im Bischöflichen Schloss in Chur und in Mulegns im Hotel Löwen musiziert, Theater gespielt und getanzt. Und sogar in der kühlen Höhe des Kuppelsaals im Weißen Turm von Mulegns, dem höchsten 3D-gedruckten Gebäude der Welt – gerade im edlen Wintergewand verpackt – werden Zuhörer*innen auf eine perkussive Klangreise entführt.
Auslotung der Daseinszustände
Wie jedes Jahr gibt es als Teil des Winterprogramms auch eine Tanztheater-Uraufführung. Für dieses Jahr konnte Liliana Barros als Choreografin gewonnen werden. Die in Deutschland ansässige Portugiesin hat für und mit Izzac Carroll, Julien Guibourg, Romane Ruggiero und Davide Sione in vier Wochen vor Ort in Riom „Project IKARUS“ kreiert, das vergangene Woche in der Clavadeira Premiere hatte. Mit den freischaffenden Künstler*innen hat sie starke Darstellende gefunden, die mit ihrer Individualität hervorstechen.
„Project IKARUS“ ist beileibe keine Nacherzählung des bekannten Mythos, eher eine Auslotung seiner Daseinszustände. Und damit auch eine Exploration der Dynamiken dessen, was die Psychologie als des Ikarus’ Komplex bezeichnet. Sehnsucht nach Aufstieg, Grenzerfahrungen, Scheitern, alles klingt hier abstrakt an.
Die vier Darstellenden tragen schwarze glänzende Hosen, Gesichter und Oberkörper sind silbern geschminkt, Augen und Lippen dunkel umrahmt (Kostüme und Bühne Felicia Riegel). Ihr Gesichtsausdruck bleibt das ganze Stück hindurch maskenhaft.
Romane Ruggiero schreitet zu Beginn allein den quadratischen Bühnenraum ab, Julien Guibourg gesellt sich dazu, dann auch Izzac Carroll und Davide Sioni. Alle vier bewegen sich fast mechanisch, eng, aber ohne Berührung, als Einheit wie in einem geometrischen Viererblock, der sich beständig neu zusammensetzt. Eine bewegte Andeutung eines Zauberwürfels, bei dem sich, getaktet zu den elektronischen Klängen, wie von unsichtbarer Hand ständig neue (Körper)muster ergeben.
Die Last der Flügel
Die Struktur löst sich auf, die Vier tarieren Richtungen aus, mit ruckartiger Aufgeregtheit, und doch im Fluss. Speed und Getriebenheit gehen dem zentralen Solo des Stücks voraus. In den Ecken des Raumes werden auf den hölzernen Zuschauerstufen Ketten gelöst, die ein metallenes Geflecht über der Bühne halten. Bei seinem Absenken wird klar: Es sind Flügel, in die Izzac Carroll hineinschlüpft. Fast ratlos, zunächst kauernd, scheint er erspüren zu wollen, was sie ihm für eine Aufgabe stellen. Sind sie Last, bieten sie ein Versteck, verhelfen sie trotz Gewichts in die Freiheit? Aber auch im Stehen hebt er nicht ab, die metallenen Schwingen erweisen sich als bedrängende Fesseln, derer er sich schliesslich entledigt.
Eine faszinierende Passage, die hauptsächlich auf dem Boden stattfindet, zeigt eine schier unglaubliche Vielfalt von Bewegungen, mit der sich die Vier auf jeweils ganz eigene Weise mit dem weißen Untergrund verbinden, sich von ihm lösen und wieder zu ihm zurückgezogen werden. Akrobatisch, manchmal fast amphibienartig, eigenwillig sind ihre Bestrebungen, den Boden zu verlassen, hin zu etwas Neuem. Das präzis-geschmeidige Agieren, das dabei an den Tag gelegt wird, ist beeindruckend.
Danach wird es heller (Licht: Anna Beer), die Vier finden sich zusammen in dem von der Stimmung her vielleicht harmonischsten Teil. Vom Sphärischen der Musik unterstützt entfaltet die Bewegungssprache eine fast skulpturale Wirkung, bevor die Darstellenden, einer Kette folgend, den Raum freigeben – wohin streben sie?
Nicht leicht konsumierbar
„Project IKARUS“ ist ein intensives, nicht leicht konsumierbares Werk. Dank der unmittelbaren Nähe, die der intime Raum zum Bühnengeschehen bietet, lässt sich der Detailreichtum von Liliana Barros' Arbeit besonders goutieren.
Ein beflügelnder Besuch, der jetzt schon neugierig macht auf die Entdeckungen, die Origen im Sommer bieten wird. Auf jeden Fall wird es für das Publikum einen Anlass geben, in die Höhe zu streben. Auf dem Julierpass (2300 m Höhe) steht ein großes Freilichtspiel unter der Regie von Intendant Giovanni Netzer auf dem Programm, für das bereits vierzehn professionelle Tänzer*innen verpflichtet wurden, die mit Laiendarstellenden zusammen eine temporäre Bühne und die Natur bespielen werden. Und beim Tanzfestival Ende Juli und Anfang August wird Origen wieder die beeindruckende Zahl von acht Uraufführungen präsentieren.
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