„Konstellationen“ am Bayerischen Staatsballett: „Paquita“ von Marius Petipa. Tanz: Ensemble

Im Schwebezustand

„Konstellationen“ am Bayerischen Staatsballett

Spannungsgeladene Zweierkonstellationen wie diese sechs Paarbeziehungen verstauben niemals.

München, 20/06/2026

Wiedersehen macht Freude – insbesondere bei Stücken, die ästhetisch den Nagel auf den Kopf und emotional direkt ins Herz treffen. „Shutters Shut“ und „Subject to Change" von Sol León & Paul Lightfoot gehören beim sechsteiligen Abend „Konstellationen“ definitiv zu dieser spezifischen Gruppe. Schon in „Sphären.03“, der letztjährigen Sommerpremiere des Bayerischen Staatsballetts, fungierten beide Werke – mit ihrer kargen Ausstattung quasi nahtlos zum Tandem verquickt – als unübertroffen originell funkelnde Schlusslichter des damals von dem Choreografen-Duo selbst kuratierten zeitgenössischen Abends. Nun wiederholt Ballettchef Laurent Hilaire in „Konstellationen“ diesen Coup, bei dem der Tod in einer berührenden, momenthaft unheimlichen Umsetzung von Schuberts „Der Tod und das Mädchen” das letzte Wort behält.

Carollina Bastos und Ariel Merkuri sind abermals schlicht großartig in dem sich – mittels aufgewühlter Gesten und drastischer Gesichtsmimik – geradezu chaplinesk einmal quer über die Bühne seinen Weg bahnenden Vier-Minüter „Shutters Shut“. Als akustischer Motor dient ihnen Gertrude Steins lautmalende Stimme, wenn sie ihr Gedicht „If I Told Him: A Completed Portrait of Picasso” vom Band rezitiert. Spektakulär eingeknickt agieren Bastos und Merkuri vor schwarzem Hintergrund. In kurzen Augenblicken rostiger Bewegungslosigkeit wirkt das glatt, als seien sie von Picasso selbst in den Raum hineingepinselt worden.

In „Subject to Change" wirft die wunderbare Laurretta Summerscales beim allerletzten Stück von „Konstellationen“ die ganze Existenz einer jungen unschuldigen Seele in die Waagschale. Das zarte Wesen, in dessen Haut sie schlüpft, ahnt nicht, dass ihm der Mann (Jakob Feyferlik), dem es begegnet, nach dem Leben trachtet.  Vier dämonische Herren (werden zwischendurch höllisch laut: Tommaso Beneventi, Clark Eselgroth, Konstantin IvkinFlorian Ulrich Sollfrank) rollen dazu einen roten Teppich aus. So beginnt eine gnadenlose Reise durch eine Welt voller vermeintlich intimer Geheimnisse. 20 Minuten dauert dieser konkurrenzlos überzeugende zweite Teil nur. Im längeren ersten feiern dagegen die Unterschiede fröhliche Urständ - und das nicht nur stilistisch. 

Einstudiert von Staatsballettchef Laurent Hilaire wird das Programm mit dem „Grand Pas Classique“ aus „Paquita“ romantisch-klassisch eröffnet. Das choreografisch exquisite Flechtwerk der Halbsolistinnen und meist paarweise agierenden Solistinnen in weiß-silbern schimmernden Tutus und Spitzenschuhen war zuletzt zum Saisonstart 2023 im Nationaltheater zu sehen. Nun werden die linearen Auftritte der Frauengrüppchen technisch souverän von Münchens neuer Primaballerina Violetta Keller gekrönt. Ihre Serie an bombenfest am Platz mehrfach gedrehten Fouettés absolviert sie dermaßen mühelos, dass sich der in den Schrittkombinationen der Petipa-Stücke notwendigerweise versteckte Kraftaufwand nur noch bei den Sprüngen von Julian MacKay – virtuos-ehrgeizig herausgefordert als Kellers Partner – erahnen lässt.

Die einzige Uraufführung ist „Shipwreck“ des erst 21-jährigen Simon Adamson-De Luca. Ana Gonçalves und Severin Brunhuber interpretieren einfühlsam ein Paar, das vor allem durch den Begleitsound (Ichiko Aoba) physisch wie emotional im bewegten Wellenspiel einer Brandung zwischen Leben/Hoffnung und Verlust/Schmerz/Tod verortet wird. Klanglich wie atmosphärisch füllt das düster-poetische Duett, dessen Protagonisten sich neun Minuten lang kaum bzw. erst gegen Ende etwas von ihrer Anfangsstelle fortbewegen, durchaus den Raum. 

Adamson-De Luca, der zwei Spielzeiten Mitglied des Bayerischen Junior Balletts München war und erstmals in der Herbstmatinee 2024 als Nachwuchs-Choreograf in Erscheinung trat, ist mittlerweile als Apprentice bei den Grands Ballets Canadien in seiner Heimat engagiert. Seine Gezeitenmetapher hat er für die inneren Stürme des Menschseins klug gewählt – auch in Bezug auf die Inhalte der restlichen Beiträge. Das Publikum vollends gedanklich mitzureißen, gelingt seinem noch zu sichtbar konstruierten assoziativ-sinnlichen „Schiffbruch“ jedoch nicht.

Schon im direkt nachfolgenden Pas de deux aus Edward Clugs „Radio and Juliet“ brauchen Violetta Keller und Jakob Feyferlik nur die Hälfte der Zeit, um begleitet von der britischen Band Radiohead den chaotischen Gefühlskosmos einer schicksalhaften Beziehung so elegant wie prägnant kraftvoll-tänzerisch zum Ausdruck zu bringen. Zudem noch neben Preljocajs emotionsgeladen-wuchtigem Duett „Un Trait d’union“ bestehen zu müssen, ist von vornherein schon undankbar. 

Zwei von Isolation geplagte Männer voll angestauter Aggressionsenergie lässt Preljocaj zwischen Momenten von Zuneigung und Hass oszillieren. Der eine – Severin Brunhuber – schiebt nicht nur ein kantiges Wohnzimmerrequisit auf die Bühne, sondern vor allem Frust. Konstantin Ivkin, der etwas später resigniert dazukommt, muss sich mit einem umgestoßenen Küchenstuhl begnügen. Da ist Krach vorprogrammiert.

Aus dem Off erklingt das Largo aus Bachs Klavierkonzert Nr. 5. Hier und da drängen sich Pausen von Stille oder elektronische Soundüberlagerungen dazwischen. Einsamkeit steigert sich zu Ablehnung. Wird die Sehnsucht zu groß, katapultieren die Tänzer*innen ihre Körper entgegen der Schwerkraft hin zum Gegenüber. Wieder und wieder. Es wird geschubst, getreten und heftig gerangelt. Jedes Aufeinander-Zu oder Voneinander-Weg ist physisch gefühlsbetont und starkstromartig. Brunhuber und Ivkin brillieren im Dauerzustand maskuliner Reiberei aufgrund angestauter Aggressionsenergie. Stets dem Aufprall gerade ungleicher Empfindungen ausgesetzt zeigen sie rein körperlich die Schattenseiten von Freundschaft auf. Choreografisch gespickt mit unvorhersehbarer motorischer Raffinesse rund um einen abgegriffenen Ledersessel. Spannungsgeladene Zweierkonstellationen wie diese verstauben niemals.

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