Im Farben- und Bewegungsrausch
Olaf Schmidts tänzerische Hommage an Caravaggio
Er habe sich immer gesträubt, eine eigene Version des „Sacre du Printemps“ zu machen, erzählt Olaf Schmidt in einem Gespräch vor der Vorstellung. Zu übermächtig war die Version von Pina Bausch, zu unschlagbar. Aber das ist lange her – 51 Jahre sind inzwischen verstrichen, und zahllose neue Versionen entstanden. „Jetzt muss ich doch mal ran“, habe er sich gesagt, noch dazu, wo diese Spielzeit nach 14 Jahren seine letzte sein wird in Lüneburg, der Kleinstadt vor den Toren Hamburgs. Nur: Was stellt man neben das Sacre, das für einen Tanzabend allein mit den 35 Minuten Dauer zu kurz ist?
Olaf Schmidt wurde fündig bei dem österreichischen Choreografen Georg Reischl, der lange bei William Forsythe in Frankfurt und bei „The Forsythe Company“ getanzt hat. Später wurde er Hauschoreograf des Scapino Ballett Rotterdam. Von 2019 bis 2022 war er Leiter und Chefchoreograf der Sparte Tanz am Theater Regensburg, wo auch Olaf Schmidt acht Jahre lang als Direktor des Balletts fungierte. Und Reischl kannte eine Musik der Pianistin und Komponistin Hania Rani, die er schon lange für ein Tanzstück im Auge hatte. So entstand „inner symphonies >< SACRE“ – ein Ballettabend der Gegensätze.
Der Blick nach innen
Inspiriert von der minimalistischen Musik, die stellenweise an Philipp Glass erinnert, erarbeitete Georg Reischl zusammen mit dem Ensemble eine Kreation, die sich auf das Innere konzentriert und die Frage stellt: „Wie klingt, atmet und bewegt sich ein Mensch, der versucht, in einer lauten Welt wieder eine Verbindung zu sich selbst zu finden?“
Eine einzelne Tänzerin beginnt vor einer hohen schwarz schimmernden Wand, die im Lauf des Stückes zurückweicht und am Schluss wieder nach vorne gefahren wird. Nach und nach kommen andere dazu, und so reihen sich verschiedene Soli, Pas de Deux und Ensembles aneinander, die einen ganz unterschiedlichen Zugang zu den inneren Welten eröffnen. Zaghafte, fragende Bewegungsstudien wechseln sich ab mit selbstbewussten, aber dennoch vorsichtig-tastenden. Keine ist auftrumpfend oder laut, sie alle fügen sich wie nahtlos einander und verweben sich zu einem Gesamtbild suchender Menschen, die ein unsichtbares Band verbindet. Es ist ein Seelengemälde der besonderen Art, das offenlässt, was real ist und was Fiktion. Diese Seelenbilder von „inner symphonies“ entlassen das Publikum nachdenklich, aber auch sehr inspiriert in die Pause.
Archaisches Gegengewicht
Umso wuchtiger erscheint dann Strawinskys „Sacre“ (die Musik kommt vom Band) im zweiten Teil des Abends. Und um nicht Vorhandenes zu kopieren, wählt Olaf Schmidt als Ansatzpunkt für die Geschichte des Frühlingsopfers das Buch „Herr der Fliegen“ von William Golding. „Darin stranden Kinder und Jugendliche auf einer einsamen Insel, sie sind zivilisiert und wohlerzogen“, sagt er über diesen Anknüpfungspunkt. „Aber dadurch, dass keine Erwachsenen dabei sind, entwickelt sich die Frage: Wer sind wir als Menschen? Ist der Mensch gut oder schlecht? Sie legen ihre humanistische Erziehung ab, lassen sich ein auf ihre Gefühle, auch auf das Jagen und Wegdrängen anderer. Es sind archaische Prozesse, mit denen sie konfrontiert werden.“
Aber Schmidt erzählt nicht das Buch, sondern benutzt dessen Fragen, um sie tänzerisch selbst zu stellen und die ursprüngliche Opfergeschichte neu zu interpretieren. Seine Tänzer*innen sind einer eigenen Welt gefangen, daraus entstehen Kämpfe, Aggressionen, Machtspielchen. Angst diktiert der Gruppe, jemanden aus ihrer Mitte auszugrenzen, um dann doch zu erkennen: Das führt nicht weiter. Um eigene Kraft zu entwickeln, braucht es die Gemeinschaft. Und so nimmt diese die ursprünglich Ausgeschlossene am Ende doch in ihre Mitte auf.
Das ganze Ensemble stürzt sich mit Bravour in das Geschehen, umrahmt von einem raffinierten Bühnenbild von Cornelia Brunn (für die Kostüme beider Stücke zeichnet Susanne Ellinghaus verantwortlich), das aus von oben hängenden langen schwarzen Plastikstreifen und einer schiefen Ebene besteht.
Als Reminiszenz an Pina Bausch hat Olaf Schmidt in seinem Stück Erde auf der Bühne verteilt, allerdings deutlich weniger. Und doch so viel, dass diese Erdverbundenheit entsteht, die das „Sacre“ nun einmal braucht. Aber anders als in den meisten Versionen gibt es eben kein Opfer – der Frühling beginnt in der Erkenntnis, dass Vereinzelung, Ausgrenzung und Machtkämpfe kontraproduktiv sind. Eine Lehre, die der Menschheit nicht oft genug ins Stammbuch geschrieben werden kann.
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