Die Festivalstadt
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Gastspiel des Opera Ballet Vlaanderen mit „Romeo und Julia“ von Marcos Morau in St. Pölten
Wohl jedes europäische Opernhaus muss angesichts seiner Finanzierungsmöglichkeiten um Zuschauer*innen buhlen. Besonders heikel ist es an zeitgenössisch orientierten Häusern oft um deren Tanzensembles bestellt. Wie große Säle mit Tanzformen abseits klassischen Balletts mit neugierigem Publikum füllen? Die großen Klassiker-Titel in szenisch heutige Formen zu überführen, hilft dem Kartenverkauf so gut wie immer.
Ein Beispiel dafür lieferte das zweitägige Gastspiel des risikofreudigen Opera Ballett Vlaanderen im Festspielhaus St. Pölten. Gezeigt wurde die 2025 entstandene Version von Marcos Moraus pausenloser „Romeo und Julia“-Adaptierung zu einer auf 80 Minuten eingedampften Prokofjew-Vorlage. Ballettdirigent Gavin Sutherland leitete das hierfür extra studierte Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, das Orchester des Hauses, das sich wacker laut schlug.
Jeder Generation sei ihre inszenierte Anschauung von Sergej Prokofjews 1938 in Brünn uraufgeführtem mehraktigem Ballett gegönnt, in dem Zora Šemberová als Julia, später Lehrerin von Jiři Kylián, nachhaltigen Eindruck hinterließ. Der gerne als Shootingstar bezeichnete spanische Künstler Marcos Morau, dessen Werke in der laufenden Spielzeit in St. Pölten mehrere Male programmiert sind, ist durchaus ein Könner großformatiger Bildwirkungen. Dass er vor allem mit Tänzergruppen umgehen kann, gestalterisch mehr einem Bildhauer als einem Choreografen verwandt, hat er in St. Pölten mit „Notte Morricone“ bewiesen. In der Ennio Morricone gewidmeten Inszenierung dienten ihm aber wohl andere Anhaltspunkte zur Stückentwicklung als in „Romeo und Julia“.
Zugespitzte Artikulation
Bei Shakespeare und Prokofjew reicht das psychologisch-dramatische Spektrum von zarten Gefühlslagen junger Liebe über komödiantisches und festliches Treiben, das die Aktionen der Titelfiguren einbettet, bis zu kämpferischen Familienfehden. Morau aber interessiert für die Dauer des Abends vor allem ein Zustand, die zugespitzte Artikulation der Oberkörper und Köpfe der Tänzer*innen, die in ihrer zackig-unmenschlich wirkenden Verrückung an Zerrbilder aus dem Expressionismus erinnern.
Nach einem packenden Entrée, in dem sich die ganz in Schwarz gewandete Tänzer*innenmenge in der Dunkelheit auf die Bühne schiebt, um sich daraufhin in einer Kreisform aufzuhalten, verschieben sich die darstellerischen Mittel geringfügig. Als würde der Bildgestalter seine gesetzten Figuren nur noch verrühren und in einem Gemetzel um Leben und Tod enden lassen. Ein Best of-Prokofjew läuft vorbei, offenbar können Alle Romeo und Julia sein in dem dichten dunklen Gedränge. Nur die Unschuld zweier Kinder bleibt menschlich.
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